Aus: Ausgabe vom 09.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Wilde, Zivilisierte und Walt Disney

Der Witz als Schlachtort der politischen Korrektheit: »Zootopia«

Von Peer Schmitt
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Tatsächlich korrekt? Mädchen in Uniform, schwarzer Trickster, Beamter (v.l.n.r.)

»Die Welt von Disney ist unhintergehbar. Sie ist das Alter ego und die kollektive Phantasie der US-amerikanischen Gesellschaft, die Quelle viele unserer Mythen und unseres Selbstbildes.«

Sharon Zukin, »The Cultures of Cities«, Blackwell 1995

Zootopia« ist der Titel des neuesten Zeichentrickfilms aus dem Hause Disney, wo die Tiere von jeher gesprochen und Kleidung getragen, sprich: eine Zivilisation begründet haben, obwohl Walter Benjamin ja noch meinte, in den Micky-Maus-Filmen bereite sich die Menschheit darauf vor, die Zivilisation zu überleben. Das war wohl eine eher vorwitzige Einschätzung. In dem Film »Zootopia« jedenfalls geht es um nichts weniger, als zu verhandeln, was Zivilisation und »civilitas« überhaupt sind. In den Worten des Werbetrailers für den Film: »Zootopia, eine gleißende Stadt, wo Tiere aller Arten, Raubtiere wie Beutetiere, gemeinsam in Frieden und Harmonie leben.«

Ein Friede, der freilich auch an jenem Ort von Bürgerpflicht und Polizeibehörde bewacht wird (letztere nennt sich ZPD, »Zootopia Police Department«). Dem Frieden wird auch von der deutschen Verleihfassung nicht recht getraut, die nicht »Zootopia« betitelt ist, sondern verwirrenderweise »Zoomania«, in der also eine Topik eigenmächtig in eine Manie verwandelt wurde (möglicherweise, um von vornherein anzudeuten, dass die deutsche Fassung mit den Intentionen des Originals nicht übermäßig gut zurechtkommt).

Aber noch mal von vorn. Die Prämisse der Fabel von »Zootopia« ist, dass die Tiere eine städtische Zivilisation begründet haben, in der die ursprüngliche Wildheit überwunden ist, und beispielsweise Füchse und Kaninchen nicht mehr Todfeinde sind, sondern gemeinsam Kriminalfälle lösen.

Heldin des Films ist das junge Kaninchen Judy Hopps. Als erste ihrer Art wird sie Polizistin in der Behörde der großen Stadt und natürlich zunächst einmal auf den Posten der Parkplatzwächterin abgeschoben. Dabei verdankt sie ihre Berufswahl bereits einer »Mammal Inclusion Initiative«, sprich einer Quotenregelung. Dass die Welt von »Zootopia« eine der Verstrickungen der Political Correctness ist, zeigt sich schon in der ersten Szene, in der Judy beim Polizeirevier vorstellig wird, wo sie von einer dicklichen, effeminierten Leopardenkatze ungehörigerweise »niedlich« (cute) genannt wird. Höflich weist Judy darauf hin, dass es für Kaninchen in Ordnung sei, einander »niedlich« zu nennen, von einem Nichtkaninchen gesagt, wäre es allerdings eine rassistische, sexistische Herabwürdigung.

Mit solchen Scherzen geht es ununterbrochen weiter. »Zootopia« ist eine parzellierte Welt der Zuschreibungen von »Race« und Geschlecht, einschließlich der entsprechenden Sprachregelungen, eben der »Political Correctness«, die selbst oder gerade die Polizeibehörde regiert (wenn man annimmt, Vorbild für das ZPD sei möglicherweise das für seinen Rassismus berüchtigte Los Angeles Police Department, so ist das alles schon ziemlich kühn konstruiert).

Der Witz der Sache ist, dass die von der literarischen Konvention zugewiesenen/motivierten Eigenschaften der jeweiligen Tiere – Kaninchen sind niedlich (wie Mädchen in Uniform), Füchse schlau (wie schwarze Trickster), Faultiere langsam (wie Beamte auf der Autozulassungsstelle) – jeweiligen Stereotypen von »Race«, Geschlecht o. ä. entsprechen. Mit jedem Witz wird eine jeweilige Sprachregelung neu verhandelt (der Witz ist der Schlachtort der politischen Korrektheit schlechthin).

Die grundsätzliche Grenze aber ist die zwischen Wildheit und Zivilisation. In »Zootopia« sind die scheinbar befriedeten Raubtiere in der Minderheit (in einem Verhältnis von 1:10, heißt es) und mehr als die pflanzenfressenden Beutetiere vom Wiederausbruch ihrer ursprünglichen Wildheit bedroht. Als es in »Zootopia« zu einer Art Drogenepidemie kommt, werden die Raubtiere – gleichsam auf Crack – endgültig wieder wild. Kein Zweifel mehr, dass die Raubtierminderheit in »Zootopia« gleichsam »schwarz« ist.

Nicht zuletzt liefert die Parodie eines Polizeifilms ein Bild davon ab, was eine Großstadt ist. Dieses Bild besteht aus unzähligen Zitaten aus dem und Anspielungen auf das im Zusammenhang von Stadt, Korruption und Kriminalität in Polizei- und Gangstergeschichten Überlieferte. Das geht von Dashiell Hammetts »Der Gläserne Schlüssel« über die Hochzeitsfeier in »Der Pate« bis zum Drogenlabor der TV-Serie »Breaking Bad«.

Die Stadt »Zootopia« (sprich Los Angeles) ist zum einen wirklich ein Zoo, ein Gelände, auf dem »das Wilde« und »das Zivilisierte« durch Gitter getrennt sind. Dieser Zoo ist zugleich – wie die »postmoderne Stadt« oder eben Disney World – nichts anderes als ein Themenpark. So gibt es in Zootopia eine Miniaturstadt für Mäuse, einen buchstäblichen Raubtierdschungel, diverse Unterwelten und schließlich ein Naturkundemuseum (in dem die Genealogie der Trennung zwischen Wildem und Zivilisiertem mit beredten Exponaten dokumentiert ist). Der Parzellierung des Themenparks wiederum entspricht die der »Rassen«.

Kurzum, man übertreibt nicht, wenn man festhält, dass es sich bei »Zootopia« um einen der politischsten Filme handelt, die in diesem Jahr in hiesigen Kinos angelaufen sind. Nicht nur auf der Ebene von Allegorie und Anspielung, sondern bereits auf der unmittelbaren Handlungsebene. Er handelt von der Parzellierung und der Verwaltung einer Stadt, von Pressekonferenzen, Bürgermeisterwahlen, dunklen Rathauskellern usw. Was natürlich nichts über seine Qualität aussagt (die auf der technischen Ebene sehr hoch ist) oder darüber, ob dieses Politische in einem etwas weiter gefassten Sinne tatsächlich korrekt ist, aber viel über seine Ambition und das Bizarre dieser Ambition.

Sollten Sie ihn mit Ihren Kindern sehen, werden Sie diesen einiges zu erklären haben. Was wiederum keine schlechte Sache ist.

»Zoomania«, Regie: Byron Howard, Rich Moore, USA 2016, 108 min, bereits angelaufen

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