Aus: Ausgabe vom 09.03.2016, Seite 7 / Ausland

Obamas Heldentaten

Pentagon prahlt mit 150 Todesopfern eines Luftangriffs in Somalia. Rebellen dementieren

Von Knut Mellenthin
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Kämpfer der Al-Schabab 2011 bei Übungen in der Umgebung von Mogadischu

Die somalische Kampforganisation Al-Schabab hat Berichten des Pentagons über einen Luftschlag gegen einen ihrer Stützpunkte widersprochen. Zwar habe an dem angegebenen Ort wirklich ein Angriff stattgefunden, aber die vom US-Verteidigungsministerium behauptete Opferzahl sei stark übertrieben, sagte Schabab-Militärsprecher Abdulasis Abu Musab am Dienstag in einem Telefongespräch mit dem arabischen Sender Al-Dschasira.

Vertreter des US-Verteidigungsministeriums hatten der Presse am Montag mitgeteilt, bei einer kombinierten Operation von Drohnen und Kampfflugzeugen sei ein 195 Kilometer nördlich der Hauptstadt Mogadischu gelegenes Ausbildungslager der Al-Schabab zerstört worden. Nach einer ersten Einschätzung seien mehr als 150 »Terrorkämpfer« getötet worden. Insgesamt hätten sich rund 200 Angehörige der Organisation in dem Lager befunden, das schon seit mehreren Wochen aus der Luft observiert und am Boden ausgespäht worden sei. Der Angriff sei angeordnet worden, weil Erkenntnisse vorgelegen hätten, dass die Kämpfer das Lager verlassen wollten. Damit hätten sie eine »unmittelbare Gefahr« für die in Somalia befindlichen US-Kräfte und für die dort seit 2007 stationierte afrikanische Friedenstruppe Amisom dargestellt. Die Operation sei demzufolge »in Selbstverteidigung« erfolgt. Unverständlich ist in diesem Zusammenhang, dass keiner der Pentagonsprecher auch eine Gefahr für die nationalen Streitkräfte Somalias unterstellte. Es fällt außerdem auf, dass die Sprecher sich nicht einig waren, ob der Angriff schon am Sonnabend oder erst am Sonntag stattgefunden habe.

Schabab-Vertreter Musab kommentierte die Behauptungen aus Washington sarkastisch: »Die Amerikaner träumen. Wir versammeln niemals so viele unserer Kämpfer an einem einzigen Ort. Wir kennen die Sicherheitslage.«

Das Pentagon wollte auf Anfragen nicht mitteilen, was für Flugzeuge an der Operation beteiligt waren. Auch zur Frage, wo diese gestartet waren, wurde nicht Stellung genommen. Drohnenangriffe gegen Ziele in Somalia und im Jemen werden im allgemeinen von der NATO-Basis in der früheren französischen Kolonie Dschibuti aus geflogen. Das wird von den meisten Medien auch in diesem Fall angenommen. Die Flugentfernung zum Zielort beträgt ungefähr 1.100 Kilometer. Nur 130 Kilometer von dem angegriffenen Lager entfernt hat die Amisom in Belidogle einen Luftstützpunkt, auf dem sich laut Al-Dschasira auch US-Soldaten befinden. Es ist nicht auszuschließen, dass die Vereinigten Staaten dort auch eine Basis zum Starten und Landen unbemannter Flugkörper eingerichtet haben. Insgesamt sollen nach offiziellen Angaben seit 2013 ungefähr 50 US-Soldaten als Berater von Amisom im Einsatz sein.

Das Londoner Bureau of Investigative Journalism machte am Montag darauf aufmerksam, dass noch nie zuvor seit dem Beginn des »Kriegs gegen den Terror« 2001 so viele Menschen bei einem einzigen US-Luftschlag getötet wurden wie diesmal – sofern die Behauptung des Pentagons stimmt. Die bisher höchste Zahl von Todesopfern, nämlich 81, habe es im Oktober 2006 bei einem Drohnenangriff in Pakistan gegeben. Das bezieht sich offenbar auf die Zerstörung einer Religionsschule im Dorf Chenagai am 30. Oktober 2006. Die Opfer waren überwiegend Kinder und Jugendliche. Ob wirklich die USA oder die pakistanische Luftwaffe dafür verantwortlich waren, ist umstritten.

Die US-Regierung hat bisher nur in sehr wenigen Ausnahmefällen Opferzahlen genannt. In der Regel wird nicht einmal das Stattfinden eines Angriffs bestätigt. Nach Aussagen von Lisa Monaco, der wichtigsten Beraterin von Barack Obama in Fragen der inneren Sicherheit, soll sich das »in den nächsten Wochen« ändern. Dann solle erstmals ein Überblick über die Opfer aller Drohnenschläge seit Obamas Amtsantritt 2009 veröffentlicht werden, der jährlich aktualisiert werde. Versprochen hatte der Präsident das allerdings schon 2013.

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