Aus: Ausgabe vom 09.03.2016, Seite 6 / Ausland

Trillerpfeifen gegen die Diktatur

Tschad: Nach der Vergewaltigung einer Schülerin reißen die Proteste nicht mehr ab. Präsident Idriss Déby Itno will sich wiederwählen lassen

Von Jörg Tiedjen
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Tschadische Frauen auf dem Weg zum Markt in Gos Beida

Die Bevölkerung des Sahelstaats Tschad ist wütend. Am 8. Februar war die Gymnasiastin Zouhoura Brahim Ali in der Hauptstadt N’Djamena von sieben Jugendlichen entführt und vergewaltigt worden. Sie ist die Tochter des Präsidenten der oppositionellen Afrikanischen Demokratischen Bewegung (MDA), Mahamat Yesko Brahim Ali. Bei den Tätern, die Aufnahmen der Misshandlungen im Internet verbreiteten, handelt es sich um Söhne von hohen Vertretern der Regierung und der Armee, so des Außenministers und zweier Generäle. Erst mehr als eine Woche nach der Tat sollen die Jugendlichen nach offiziellen Angaben festgenommen und in ein Gefängnis nördlich der Hauptstadt überstellt worden sein. Ob und wie gegen sie weiter juristisch vorgegangen wird, ist bislang nicht mitgeteilt worden.

Mahamat Ali, der seit 2005 in Frankreich wohnt, nachdem er nur knapp ein Attentat überlebt hatte, sagte im Interview mit Afrik.com, dass Vergewaltigungen im Tschad keine Seltenheit seien. Angehörige der herrschenden Klasse hätten zudem keine Strafe zu befürchten. Er hoffe, dass die Empörung über das Verbrechen an seiner Tochter zur gesellschaftlichen Ächtung solcher Taten und zu einem Ende sexueller Gewalt führe. Seine Tochter war aus Frankreich in den Tschad zurückgekehrt, um dort das Abitur abzulegen.

Vergewaltigungen sind in Tschad bislang ein Tabuthema. Doch Zouhoura schwieg nicht und löste eine Welle von Solidaritätskundgebungen aus. Am 15. Februar fand in N’Djamena eine Demonstration statt, um gegen das Verbrechen zu protestieren. Sie wurde von der Polizei unter Einsatz scharfer Munition aufgelöst, ein Demonstrant wurde getötet. Als Reaktion darauf wurde am 20. Februar das Bündnis »Ça suffit« (Es reicht), ein Zusammenschluss von rund 20 Gewerkschaften und Bürgerrechtsgruppen, gegründet. Am 24. Februar organisierte es bereits eine erfolgreiche landesweite ­Aktion unter dem Motto »Ville morte« (Tote Stadt), eine Art Generalstreik, bei dem die Tschader einen Tag lang jegliche Aktivität ruhen ließen. Nun sollen sie vom morgigen Donnerstag an jeden Morgen um 5.30 Uhr und abends um 21 Uhr eine Viertelstunde lang mit Trillerpfeifen lautstark ihrer Forderung nach einem Ende der seit 1990 andauernden Diktatur von Präsident Idriss Déby Itno und seiner Patriotischen Wohlfahrtsbewegung (MPS) Ausdruck verleihen, wie die Webseite Tchad Convergence meldete.

Déby, der seit Ende Januar auch den Vorsitz in der Afrikanischen Union innehat, bezeichnete die Vergewaltigung Zouhouras als einen »unwürdigen Akt«, verurteilte aber auch die Protestaktionen als illegal. Er kandidiert bei den Präsidentschaftswahlen am 10. April für eine weitere Amtszeit. Allgemein wird erwartet, dass er einmal mehr durch Manipulation und Einschüchterung den Sieg davontragen wird. Am 1. März erklärte die nationale Wahlkommission die Kandidatur eines seiner größten Widersacher, Ngarlejy Yorongar, aus formalen Gründen für ungültig. Am 2. März meldete Tchad Convergence zudem, dass der Präsident der Jugendvereinigung der Nationalen Union für Entwicklung und Erneuerung (UNDR), Mahamat Taher Korom Bodoloumi, nach einem gescheiterten Entführungsversuch ins Nachbarland Kamerun geflohen sei.

Am 29. Februar forderte die antikoloniale Association Survie in Paris den französischen Außenminister Jean-Marc Ayrault auf, die Situation im Tschad im UN-Menschenrechtsausschuss zur Sprache zu bringen. Doch der Diktator ist eine wichtige Stütze des französischen Neokolonialismus im Sahel und in Westafrika. In N’Djamena befindet sich das Hauptquartier der französischen Streitkräfte in der Region. Bei der französischen Militärintervention in Mali 2013 spielten Einheiten der tschadischen Armee eine entscheidende Rolle. Sie waren maßgeblich an der Vertreibung der Dschihadisten aus dem Ifoghas-Gebirge in der rebellischen Provinz Kidal beteiligt.

Débys durch einen Putsch gestürzter Vorgänger Hissène Habré muss sich gegenwärtig vor einem Sondertribunal der Afrikanischen Union in Senegal wegen schwerer Menschenrechtsvergehen und Kriegsverbrechen verantworten. Am 10. Februar forderte der Chefankläger des Ad-hoc-Gerichtshofs eine lebenslange Haftstrafe.

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