Aus: Ausgabe vom 08.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

»It’s like that«

Überaus genial: Von Ed Piskor ist der zweite Teil seiner HipHop-Geschichte als Comic erschienen

Von Christof Meueler
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Neuer Name, neues Outfit, erster Hit: Run-DMC 1983

Eine Geschichte erzählen und Geschichte werden. Die Schaffung von historischem Bewusstsein war früher ein großer Anspruch des HipHop; in den späten 80ern, als Chuck D von Public Enemy diese Musik zum »CNN, das Schwarze niemals hatten« ausrief. Auch im Bling Bling des Gangsta-Rap ist die Historizität nicht wegzukriegen. Afro-american History wird stets mitgedacht und mitgerappt, bei Vince Staples, Kendrick Lamar, Kanye West oder J. Cole.

Außerhalb der Black community gibt es einen Künstler, der das manische Projekt verfolgt, alles ganz genau aufzuzeigen: Ed Piskor aus Pittsburgh, Pennsylvania erzählt die Geschichte der HipHop-Kultur von Anfang an – als Comic. Piskor ist jetzt 33 Jahre alt. In den USA ist für August der vierte Teil seiner Serie »HipHop Family Tree« angekündigt. Darin verhandelt er die Jahre 1985/86. Piskor hat also noch viel vor.

Im Dezember kam in Deutschland die Übersetzung des zweiten Teils raus. Darin geht es um die Jahre 1981 bis 1983. Das ist die Zeit des Übergangs, als kleinere Firmen der Musikindustrie begannen, die Untergrundkultur HipHop zu vermarkten. Mach mehr aus deinem Typ, vor allem mehr Geld. Das bedeutet mehr Aufmerksamkeit und mehr Anerkennung. Ice-T fragt sich bei Piskor vor einem Konzert in Los Angeles: »Warum sollte ich vor lauter Weißen rappen?«, um bei seinem Auftritt erstaunt festzustellen, dass die seine Songs mitsingen können.

Im ersten Teil seines »HipHop Family Tree« hatte Piskor noch die Ursprünge des Genres bis 1981 geschildert, das Mächtigwerden einer Musik, die aus den Ghettoblastern in den Parks von New York erschallte und aus den Boxen der Wohnzimmerpartys, bei denen alte Funkplatten im neuen Stil aufgelegt wurden. Im zweiten Teil sieht man die kommenden neuen Helden wie Chuck D, KRS-One oder Dr. Dre in all ihrer jugendlichen Unbedarftheit experimentieren.

Logisch, die guten Stories sind die einfachen Stories. Gerade im Comic, einem Genre, in dem die einzelnen Szenen oft komplizierter sind als der Plot. Und deshalb ärgert sich der MC Chuck D auf Long Island, als ihn jemand fragt: »Wer issn dieser Malcolm der zehnte, ey?« Der radikale Bürgerrechtler Malcolm X war 1965 erschossen worden. Chuck D denkt: »Das haben die Leute schon vergessen? Das ist keine 20 Jahre her. Da muss man was tun«. Das ist der Ursprung von Public Enemy, die Chuck D wenig später gründen sollte. Sie wurde eine der einflussreichsten und revolutionärsten HipHop-Crews überhaupt.

Lawrence Parker, der spätere KRS-One, haut mit seinem kleinen Bruder von zu Hause ab. Sie leben in Brooklyn auf der Straße. Tagsüber geht Lawrence in Bibliotheken, sich ausruhen, aufwärmen und bilden. Seine ersten Freestyle-Raps sind dann für Piskor »so hardcore, so mächtig … dass Schrift nicht reicht, ihre Kraft wiederzugeben«. Gezeichnet sind sie wie Teerbrocken, die er zornig ausspuckt.

Dr. Dre legt mit 12 auf den Partys seiner Mutter auf und dann auch in Parks. Einmal fuchtelt ein Typ mit der Pistole vor ihm rum und blafft ihn an: »Wenn’ste die Platten schon zerkratzt, dann im Beat! Ich will hier feiern, klar?«

Rick Rubin, der später zum Überproduzenten werden sollte, schreibt in das Jahrbuch seiner High School: »Ich will laut aufdrehen, ich will, dass man mich hört. Ich bin nicht wie ihr, auch wenn es euch stört.« Hierzu geht er sowohl in die Disco als auch auf Punkkonzerte der Bad Brains, Misfits und Dead Kennedys. Und wer spielt da im Vorprogramm? Die Beastie Boys.

Das überaus Geniale an Piskors Geschichtsschreibung sind seine Querverbindungen, die er wie Breaks, bzw. Samples in seinen Comic einbaut. »Seine Geschichten sind so dicht, dass ich nach jeder Seite eine Pause einlegen musste«, schreibt im Vorwort Charlie Ahearn, der Regisseur von »Wild Style«, dem ersten HipHop-Erfolgsfilm von 1983, in dem jede Menge Pioniere mitwirken. Die Quellen von Piskors realistischem Comicstil mit einer Tendenz zu karikaturhaft überspitzten Details sind erkennbar: Robert Crumb und die »Love & Rockets«-Serie der Hernandez-Brüder. In »HipHop Family Tree« zeigt er nicht nur persönliche Entwicklungen der Künstler, sondern verfolgt auch einzelne Lieder, die für das Genre wichtig wurden. Er interessiert sich dafür, woher sie kommen und wohin sie gehen. Man begreift, wie »Genius of Love« vom Tom Tom Club erst zum »Genius Rap« von Dr. Jeckyll & Mr. Hyde und schließlich zu »It’s nasty« von Grandmaster Flash wird. Oder wie »Apache«, ein Lied des britischen Gitarristen Jerry Lordan, 1960 von Cliff Richards früherer Begleitband The Shadows zu einem Singlehit gemacht wird und dann 1973 als Funknummer von The Incredible Bongo Band eingespielt wird, die der HipHop-Pionier DJ Kool Herc auflegt, bis das Lied schließlich von der Sugarhill Gang neu aufgenommen wird.

Der erste Rapsong, der in den USA Nummer eins wird, ist 1981 »Rap­ture« von Blondie. Wie schon im Rock ’n’ Roll sind es erst mal die »weißen« Künstler, die mit »schwarzer« Musik Erfolg haben. Nach »Rapture« entdeckt die New Yorker Künstlerszene HipHop. Ein Banker finanziert eine Ausstellung, die Fab Five Freddy kuratiert. Präsentiert werden Graffiti- und HipHop-Künstler. Keith Haring, Jean Michel Basquiat und Rammellzee zeigen Werke, die in der Kunstwelt einmal extrem teuer werden sollten. Die Musik dazu kommt von den Cold Crush Brothers und Afrika Bambaataa. Das leuchtet auch Malcolm McLaren, dem ehemaligen Manager der Sex Pistols, ein. Er sieht Breakdancer (»Sie drehen sich auf dem Kopf!«) und macht mit ihnen das Video zu seinem eklektizistischen Modellhit »Buffalo Gals« 1982, produziert in London von Trevor Horn.

Als Rick Rubin seine Plattenfirma »Def Jam« gründet, ist er unentschlossen, ob »Def« für »Death« oder »Definitive« stehen soll. Sein Kompagnon Russell Simmons, der schon Kurtis Blow, den allerersten Erfolgsrapper, gemanagt hat, steckt die Crew seinen kleines Bruders Joseph in Sportswear-Klamotten und besteht auf einem neuen Namen: Run-DMC starten durch, mit dem programmatischen »It’s like that«. Das nennt man heute »Golden Age HipHop«.

Ed Piskor: HipHop Family Tree. Volume 2, 1981–1983, Metrolit, Berlin 2015, Aus dem Amerikanischen von Stefan Pannor, 112 S., 22 Euro

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