Aus: Ausgabe vom 08.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Die Herren Blumfeld

Gleichförmigkeit hinter Kafka-Masken: »Ein Käfig ging einen Vogel suchen« am Deutschen Theater Berlin

Von Anja Röhl
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Die Unterschiede verschwimmen im weiteren Verlauf

Nach seiner viel beachteten Inszenierung von Kafkas »Prozess« in München 2008 hat sich Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater Berlin nun kleinerer Prosastücke des Prager Weltliteraten angenommen. Aphorismen und Textfragmente wurden mit den Erzählungen »Der Bau« und »Blumfeld, ein älterer Junggeselle« verwoben. Ins originelle, vom Regisseur entworfene Bühnenbild treten fünf gleich angezogene Herren K. mit erstaunt blickenden Kafka-Masken. In aufeinandergetürmten Zimmern mit schiefen Ebenen mühen sie sich aufwärts.

Oben angekommen, macht jeder dieser Blumfelds – köstlich mit eingezogenen Schultern im grauen Anzug und unter den Arm geklemmter Aktentasche – ängstliche Gesten des Umschauens, des Kontrollwahns und der Langeweile, versetzt mit Übersprungshandlungen. Die Texte werden abwechselnd gesprochen. Sehr erfreulich, dass die Masche der vervielfachten Figur nicht mit chorischer Deklamation einhergeht, die Prosa nicht mit vereinten Kräften ins Publikum geschrien wird. Bewegungen und Tonfälle der Herren K. unterscheiden sich durchaus; ihr Nenner ist die Einsamkeit, die Isolation, der Rückzug. Das Drama des modernen Menschen, sein fremdbestimmtes Dasein als Rädchen im großen Getriebe.

Die Herren sind in ihren herabstürzenden Zimmern, den Bienenwaben ihrer Einsamkeit, auf der Flucht und in wachsender Furcht. Sie fürchten den Verlust der letzten Sicherheiten (in diesem Fall durch Krieg), fliehen in unsinnige Handlungen. Dann betreten Frauen und Kinder die Szene. Eine Erzählerin (recht kalt angelegt: Nele Rosetz) scheint die Herren Blumfeld/K. zu beobachten, ohne von diesen bemerkt zu werden. Dazu ein Kinderzwillingspaar in rosa Kleidchen. Die Kraft dieser Figuren scheint direkt aus dem Unbewussten zu kommen, das die zwanghaften Herren vergeblich unter Kontrolle zu halten versuchen.

Kafkas rätselhafte Texte gehen in schier endlosen Wiederholungsschleifen nahtlos ineinander über (Dramaturgie: Juliane Koepp). Leider ist das reine Prosasprechstück dann letztlich doch zu gleichförmig angelegt. Ein und dieselbe Geschwindigkeit (recht schnell), ein und dieselbe Tonlage (leicht ärgerlich). Inhaltlich bleibt es beim Kreisen um Einsamkeit, und so fällt die Spannung im Laufe des Abends immer mehr ab. Bühnenbild und Figurenkomposition verlieren an Kraft. Am Ende artet das schon recht müde Treiben in Witz, fast Slapstick aus, die starken Texte verpuffen. Schade, schade. Es gibt so viele Theaterstücke, warum wird neuerdings immer mehr Prosa dramatisiert? Nicht jeder Regisseur ist ein Dichter.

Nächste Aufführungen: 13.3., 19.30 Uhr, 16.3., 20 Uhr

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