Aus: Ausgabe vom 08.03.2016, Seite 7 / Ausland

Ehrung für einen Mörder

Italien reagiert empört auf Auszeichnung eines früheren SS-Mannes in Baden-Württemberg. Wilhelm Küster war an Massaker von Marzabotto beteiligt

Von Gerhard Feldbauer
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Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Marzabotto auf dem Friedhof von Casaglia

Die italienische Öffentlichkeit hat empört auf die Ehrung eines früheren SS-Mannes in dessen Baden-Württemberger Heimatgemeinde reagiert. Das bei Pforzheim gelegene Engelsbrand hat Wilhelm Küster mit der Medaille »Ehrenvoller Bürger« ausgezeichnet. Im Herbst 1944 gehörte dieser der Aufklärungsabteilung der 16. SS-Panzergrenadierdivision »Reichsführer SS« an, die in der Apenninengemeinde Marzabotto bei Bologna ein Massaker an Hunderten Zivilisten verübte. Vom 29. September bis 5. Oktober waren damals die SS-Männer durch Marzabotto gezogen, hatten die Häuser niedergebrannt, die Tiere getötet und alle Einwohner ermordet. Es war eine Vergeltungsaktion für neun Deutsche, die bei Gefechten mit der Partisanenbrigade »Stella Rossa« (Roter Stern) getötet worden waren. Unter den 770 namentlich bekannten Opfern des Verbrechens befanden sich 213 Kinder unter zwölf Jahren, 142 ältere Männer, 316 Frauen und fünf Priester. Bei allen handelte es sich um Zivilisten, kein einziger Partisan befand sich in Marzabotto. Ein Pfarrer und die Gläubigen wurden während des Gottesdienstes in der Kirche eingeschlossen und mit Handgranaten niedergemetzelt. Nur zwei Kinder, eines sechs und eines acht Jahre alt, überlebten das Massaker versteckt unter den Leichenbergen.

2008 wurde Küster von einem Militärgericht in Rom für seine Beteiligung zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Kommandeur der Abteilung, SS-Sturmbannführer Walter Reder, war schon 1951 in Bologna zu dieser Gefängnisstrafe verurteilt worden und saß bis 1985 in Haft. Feldmarschall Albert Kesselring, der als Oberbefehlshaber im Mittelmeerraum die Massenmorde angeordnet hatte, wurde nach dem Krieg durch ein britisches Gericht u. a. wegen der Verbrechen in Italien zum Tode verurteilt, die Strafe wurde später in lebenslange Haft umgewandelt, aus der Kesselring bereits 1952 entlassen wurde.

Gegen die nunmehrige Ehrung Küsters in Engelsbrand protestierten unter anderem der Präsident der Regionalregierung der Emilia-Romagna, Stefano Bonaccini, Parlamentarier, Bürgermeister, die Partisanenverbände, Parteien, Gewerkschaften und weitere Persönlichkeiten. Die »ungeheuerliche Ehrung« sei »eine Beleidigung aller Italiener, die sich für die Überwindung der nazifaschistischen Vergangenheit einsetzen«, schrieb etwa der Kulturassessor der Regionalregierung, Massimo Mezzetti, an den deutschen Botschafter in Rom. Der Präsident des Komitees zur Ehrung der Opfer von Marzabotto, Walter Cardi, forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, sich für eine Annullierung der Auszeichnung des Kriegsverbrechers einzusetzen und im Herbst an der jährlichen Ehrung der Opfer in Marzabotto teilzunehmen.

Die römische Tageszeitung La Repubblica informierte in einem mehrspaltigen Bericht unter der Überschrift »Deutsche Medaille für einen der Henker von Marzabotto ruft Empörung und Bestürzung hervor« über den Vorgang. Der geehrte SS-Mann sei an »einem der schlimmsten blutigen Verbrechen der Nazifaschisten in Italien beteiligt« gewesen, so die Zeitung. Sie erinnerte daran, dass sich der damalige Bundespräsident Johannes Rau 2002 in Marzabotto für das Verbrechen entschuldigt und erklärt hatte: »Ich denke an die Kinder und Mütter, an die Frauen und an die ganzen Familien, die an diesem Tag Opfer des Mordens geworden sind, und es ergreifen mich Trauer und Scham.« Rau betonte damals: »Persönliche Schuld tragen nur die Täter. Mit den Folgen dieser Schuld müssen sich auch die nach ihnen kommenden Generationen auseinandersetzen.«

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