Aus: Ausgabe vom 08.03.2016, Seite 6 / Ausland

PR-Coup gegen Syrien

Der Spiegel präsentiert Fotos vermeintlicher »Opfer des Assad-Regimes«

Von Jürgen Cain Külbel
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Kalkulierte Schockwirkung: Betrachterin von Bildern des Fotografen »Caesar« im UN-Hauptquartier in new York am 10. März 2015

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel präsentierte am Samstag einmal mehr schreckliche Nachrichten aus Syrien: »Fotos aus Syriens Folterkerkern. 28.707 Beweise gegen Assad – aber keine Anklage«, barmte Autor Christoph Sydow. In seinem Beitrag befasste er sich mit »eindeutigen Belegen aus dem Inneren des syrischen Sicherheitsapparats«, mit denen Präsident Baschar Al-Assad als »einer der grausamsten Massenmörder der Geschichte« enttarnt würde. Sydow wärmte damit eine dubiose Folterfotogeschichte eines syrischen Militärfotografen mit dem Pseudonym »Caesar« aus dem Januar 2014 auf.

Am Mittwoch veröffentlicht der Verlag C. H. Beck ein Buch zum Thema: »Codename Caesar. Im Herzen der syrischen Todesmaschinerie«. »Der französischen Journalistin Garance Le Caisne«, behauptet Sydow, sei es darin gelungen, »Caesar« ausfindig zu machen und zu interviewen. Er lebe an einem geheimen Ort in Europa. In ihrem Buch, so Sydow weiter, »schildert Le Caisne, wie Assads Todesmaschine arbeitet«. »Caesar«, vorgeblich ein ehemaliger syrischer Militärpolizist, behauptet, zwischen 2011 und 2013 in syrischen Leichenhallen und Krankenhäusern die »Opfer des Regimes« fotografiert zu haben: Leichen von 11.000 Häftlingen, die die Assad-Regierung zwischen März 2011 und August 2013 zu Tode gefoltert, stranguliert, verprügelt oder verhungern lassen habe.

Ende 2013 habe sich »Caesar« aus Syrien abgesetzt und mit dem Bildmaterial an eine vom Golfstaat Katar ausgerüstete »syrische Oppositionsgruppe« gewandt. Katar finanzierte daraufhin die Londoner Anwaltskanzlei Carter-Ruck, die »Caesars« Bilder prüfen sollte. Der angeblich desertierte Syrer soll den Juristen 55.000 von ihm angefertigte Fotografien übergeben haben.

Carter-Ruck fertigte innerhalb von wenigen Tagen ein Gutachten an. Dieses wurde am 20. Januar 2014, zwei Tage vor Eröffnung der zweiten internationalen Friedenskonferenz zur Situation in Syrien im schweizerischen Montreux, den verhandelnden Parteien präsentiert. Es diente dazu, die anstehenden Gespräche zu beeinflussen. Laut Sydow ging Carter-Ruck an die Öffentlichkeit, »um der Welt noch einmal unmissverständlich vor Augen zu führen, mit wem dort verhandelt werden soll. Mit einem Regime, das auf friedliche Demonstranten schoss, ganze Straßenzüge mit Raketen, Granaten und Fassbomben verwüstete, Giftgas gegen Zivilisten einsetzte und zudem Tausende Oppositionelle zu Tode quäl te«.

Dabei lässt der der Islamwissenschaftler Sydow wichtige Tatsachen unberücksichtigt: Carter-Ruck nimmt nicht nur vom Regime in Katar – einer am Krieg in Syrien beteiligten Partei – stattliche Geldsummen an. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, ebenso ein erklärter Gegner der Assad-Regierung, ist ein guter Kunde des Londoner Anwaltsbüros. Teil des von Carter-Ruck zur Untersuchung der Fotos zusammengestellten »Teams« war zudem Professor David M. Crane, der seit Jahrzehnten für das US-Verteidigungsministerium und den Geheimdienst Defense Intelligence Agency (DIA) arbeitet. Seit drei Jahren betreibt Crane im US-Kongress Lobbyarbeit für ein »Syrien-Tribunal für Kriegsverbrechen«.

Beteiligt war außerdem die neokonservative Denkfabrik Washington Institute for Near East Policy (WINEP). Der dort beschäftigte Mouaz Moustafa wurde »Caesar« als Dolmetscher zur Verfügung gestellt. Moustafa begleitete indes auch den US-Senator und Vorsitzenden des Militärausschusses John McCain auf seinen Reisen zu den syrischen Rebellen.

Auch hinsichtlich der Aufnahmen von »Caesar« bestehen etliche Ungereimtheiten: Unklar ist, wo, wann und von wem sie tatsächlich aufgenommen wurden, wer die Toten überhaupt sind, was mit ihnen passierte und wie die gezeigten Verletzungen zustande kamen. Nichtsdestotrotz fällt Sydow sein Urteil schon vor dem Prozess: »Die Bilder des Militärfotografen ›Caesar‹ beweisen, dass Baschar Al-Assad Tausende Syrer zu Tode quälen ließ«, konstatiert er. Die Aufnahmen fungieren so als Teil einer medialen und politischen Kampagne gegen die syrische Regierung. Russlands UN-Botschafter bezeichnete sie unlängst als einen »gelungenen PR-Coup«.

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