Aus: Ausgabe vom 07.03.2016, Seite 16 / Sport

Blutgrätsche

Die Wahrheit über den 25. Spieltag

Von Klaus Bittermann
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Wenn Modewelten aufeinander prallen: Tadellosigkeit (l.) gegen Bedenklichkeit

Am Ende waren alle beeindruckt und zollten sich gegenseitig Respekt. Tuchel grinste selig in die Kamera und sagte, wie glücklich er sei, diese Mannschaft coachen zu dürfen, und wie sehr er das Spiel genossen habe. Für einen Trainer waren das eher ungewöhnliche Worte, und ich bin mir nicht sicher, ob diese fast schon religiöse Sicht auf das Spiel angemessen war. Guardiola hingegen scheint immer mehr abzudrehen. Seine Umarmung Tuchels nach dem torlosen Remis war weniger herzlich als fast aggressiv und kurz angebunden, bevor er auf das Spielfeld rannte, sich Kimmich schnappte und auf ihn einteufelte, dann wieder dessen Gesicht in seine Hände nahm, als wollte er ihn küssen, dann seine Stirn an Kimmichs Stirn presste wie ein Stier, als wollte er ihn in Grund und Boden stampfen, um dann einem Reporter zu sagen, er hätte Kimmich nur gelobt.

Wäre Guardiola nicht Trainer bei einem großen Fußballclub, wäre er wahrscheinlich Insasse einer Nervenklinik, wo man ihn dabei beobachten könnte, wie er unverständliche Grafiken auf ein Blatt Papier malt, ständig über irgendwelche Aufstellungen brütet und taktische Varianten austüftelt, völlig in sich versunken ist und dann plötzlich wieder eruptiv und aggressiv auf Leute losgeht. Nicht umsonst wird er als »Fußballverrückter« bezeichnet. Immerhin tritt er modisch gesehen tadellos auf, während Tuchel am Samstag in einer ästhetisch bedenklichen vereinslogobeschrifteten Regenwurstpelle und Warmhaltefolie steckte.

Das Spiel fand tatsächlich auf einem hohen Niveau statt, wobei taktisch gesehen die Dortmunder variabel mit Dreierkette und bei Angriff der Bayern auf Fünferkette umschalteten, mit Gündogan und Weigl Struktur und Sicherheit ins Spiel bringen wollten und vorne auf die schnellen Spitzen setzten. In der ersten Halbzeit ging das auch auf, denn Bayern konnte nicht sein Dominanzspiel aufziehen und hatte mit knapp 60 Prozent Ballbesitz den niedrigsten Wert in dieser Saison.

In der 2. Halbzeit jedoch ließ die Präzision der Dortmunder nach, konnten sie dem Druck der Bayern nicht mehr standhalten, und die Konter wurden immer ungenauer. Reus konnte sich kaum in Szene setzen und versiebte Chancen, die er früher gemacht hätte. Dass es schließlich trotz einiger Großchancen der Bayern beim 0:0 blieb war diesmal auch Bürki zu verdanken, der einen Gewaltschuss von Vidal reaktionsschnell an die Latte lenkte und gegen den allein auf ihn zulaufenden Costa klärte. Und das war auch mal notwendig, denn das desaströse Hinspiel in München hatte vor allem er verbockt.

Leider zeigt sich, dass die Bayern sich keine Blöße geben, jedenfalls nicht gegen die ärgsten Konkurrenten aus Dortmund, mit denen man sich jetzt prima versteht, weil man sie auf Distanz gehalten hat, und deshalb fällt auch niemandem ein Zacken aus der Krone, wenn man voll des Lobes für Dortmund ist, was sich aber aus dem Mund von Sammer sehr schmierig anhört. Schade, denn ich hatte gehofft, dass Vidal Zwietracht säen würde, wenn ein wenig Unruhe aufkäme, aber die Niederlage gegen Mainz reichte dafür leider nicht aus. Immerhin kann man jetzt sagen, dass Bayern aus den letzten beiden Spielen nur einen Punkt geholt hat. Der Abstand zum BVB ist bei fünf Punkten geblieben, und da Dortmund in einer Woche zu den rasenden Mainzern reisen muss, könnten es auch wieder acht werden. Die Meisterschaft wurde genau für eine halbe Woche wieder spannend.

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