Aus: Ausgabe vom 07.03.2016, Seite 15 / Politisches Buch

Gewalt im Naturzustand

Gerd Schumanns Buch über historischen und heutigen Kolonialismus

Von Arnold Schölzel
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Je mehr Gewalt, desto netter die Bilder: Bundespräsident Joachim Gauck am 9. Februar in Lagos/Nigeria

Seit dem Zerfall und der Zerstörung der sozialistischen Länder Europas in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts folgt ein Krieg dem andern, in dem Errungenschaften der antikolonialen Befreiungsbewegung vernichtet werden. Es ist die zweite Welle des Roll-Backs. Gerd Schumann verwendet für diesen seit einem Vierteljahrhundert ablaufenden Prozess in seinem Buch »Kolonialismus, Neokolonialismus, Rekolonisierung« den zuletzt genannten Begriff.

Klassenmäßig handelt es sich um weltweite präventive Aufstandsbekämpfung. Es geht um die vor allem finanzpolitisch und militärisch gestützte Sicherung einer globalen Sozialordnung, die mit dem Begriff »Apartheid« adäquat bezeichnet werden kann. Wird die Quittung für den ökonomischen und militärischen Staatsterrorismus des Westens in Gestalt von blutigen Attentaten in dessen Metropolen ausgestellt oder kommt es zur sprunghaften Verstärkung der Zuwanderung zu den Ausgangspunkten der Verheerungen, ist das dort Anlass, rassistische, chauvinistische und faschistische Massenemotionen anzuheizen, vor allem aber den nächsten Krieg zur »Selbstverteidigung« von Zaun zu brechen. Insbesondere dem Aufstieg Chinas, der Konsolidierung Russlands und den Potenzen Indiens, Brasiliens und Südafrikas verdankt die Menschheit, dass der methodische Wahnsinn der in NATO und EU Bestimmenden nicht längst alle Dämme gebrochen hat. Schumann zitiert durchgängig in seinem Buch aus dem antikolo­nialen Manifest »Die Verdammten dieser Erde« des französischen Arztes und Schriftstellers, des Teilnehmers am Befreiungskampf Algeriens Frantz Fanon (1925–1961). Der definierte Kolonialismus als »die Gewalt im Naturzustand«. Das ist das Wesen der Angelegenheit, das ist die Grundlage für Schumanns treffende und trotz des beschränkten Raumes, der ihm zur Verfügung stand, umfassende Analyse.

Der Autor stellt seinem Text »zum Geleit« die Rede des damaligen Staatssekretärs des Äußeren, Bernhard von Bülow, im deutschen Reichstag am 6. Dezember 1897 voran, in der dieser den Anspruch des Kaiserreichs auf einen »Platz an der Sonne« neben den etablierten Kolonialmächten erhob. Dem folgt eine einleitende Reflexion »Zur Aktualität des Kolonialismusbegriffs«, in der sich der Autor gegen die These, das koloniale System gehöre der Vergangenheit an, wendet. Er hält ihr entgegen, Kolonialismus existiere im Imperialismus unabhängig davon, ob die »Kolonialwaren« als solche bezeichnet werden. Gegenwärtig deute manches darauf hin, dass die »neokoloniale Übergangsphase» langsam auslaufe und in eine Rekolonisierung übergehe: »An der »Inbesitznahme von Land, Bodenschätzen und menschlicher Arbeit durch die Reichen des Nordens hat sich nichts geändert«. Nur werde die Absicherung der Herrschaft zunehmend von staatlichen Organen auf die Privatwirtschaft übertragen.

Im Hauptteil des Buches untersucht der Autor in sechs Kapiteln die historischen Etappen des Kolonialismus seit der Entstehung der Klassengesellschaft und der griechisch-römischen Antike. Er skizziert die »vorimperialistischen« Erscheinungsformen zwischen 700 und 1800 – von den Wikingern bis zu den preußisch-deutschen Versuchen, am Handel mit afrikanischen Sklaven mitzuverdienen (hier fehlen die arabischen Eroberungs- und Versklavungsfeldzüge), untersucht »Die imperialistische Aufteilung der Welt« von 1800 bis 1914, die »Krise des Kolonialsystems, Neokolonialismus und Befreiung« von 1917 bis 1990 und schließlich die »Rekolonisierung«. Zwei Schlusskapitel befassen sich mit dem Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und dem 2003 in Den Haag eingerichteten Internationalen Strafgericht als »Machtsäulen des neuen Kolonialismus«. Unter der Überschrift »Für eine neue antikolonialistische Internationale« stellt Schumann »Überlegungen zum Zustand des sich nicht mehr ›Befreiungsbewegung‹ nennenden Widerstands gegen Unterdrückung und Ausbeutung in aller Welt« an. Er konstatiert: In Deutschland mit seinen »so explizit ›deutschen‹ Arbeitsplätzen« hatten es internationalistische Positionen in der Arbeiterbewegung selten leicht. Heute, lässt sich sagen, wird die mit aller Härte praktizierte Rekolonisierung hierzulande auch unter Linken selten adäquat wahrgenommen. Fanons von Schumann zitierte Schlussfolgerung, die »Gewalt im Naturzustand« werde sich »nur einer noch größeren Gewalt beugen«, bleibt gültig. Nach einem Vierteljahrhundert des Gewalttriumphes beginnt sich aber das Kräfteverhältnis beachtlich zu verändern. Das soll in hiesigen Köpfen möglichst nicht ankommen, um so wichtiger ist dieses Buch.

Gerd Schumann: Kolonialismus, Neokolonialismus, Rekolonisierung. PapyRossa Verlag, Köln 2016, 128 Seiten, 9,90 Euro

Der Autor stellt sein Buch am Donnerstag, dem 10. März, um 19 Uhr, in der jW-Ladengalerie (Torstr. 6, 10119 Berlin, U- und S-Bahnhof Alexanderplatz und U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz) vor.

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