Aus: Ausgabe vom 05.03.2016, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die Allee

Von Klaus Esterluß
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Für Jakob ist die Allee nicht mehr seine Allee. Das sagt er oft, wenn er von Früher spricht. Man muss ihn nur fragen. Jakob lebt hier schon eine lange Zeit, hat die Allee aufgesogen, wie andere Wasser mit einem Schwamm. Sitzt man mit Jakob zusammen, erzählt er, wie das damals mit dem Sternecker war. Und von der Straßenbahn, die er noch Elektrische nennt. Davon, wie es mit der Allee angefangen hat, wie es mit ihm selbst angefangen hat. Beim einem Schwof war das. Wie lange her weiß Jakob, dessen vollständiger Name Jakob Krug lautet, nicht mehr genau. Auch sein Alter ist nicht wichtig, weil es sich nicht verrät. Er hat kein faltiges Gesicht, kaum graue Haare oder braune Flecken auf den Händen. Alles was Anhalt geben könnte, gibt es nicht. Jakobs Körper schweigt, er hat das Alter, scheint es, weggebügelt.

Das Haus, in dem er lebt, ist dagegen offensichtlich alt. Es ist eines der wenigen Häuser in der Allee, die noch nich jemacht sind. Wo noch keener neuen Putz dranjeklatscht hat, wie Jakob sagt. Die Fassade sieht aus, als habe jemand grobe Kiesel in die Wand geschmissen und kurz darauf die Steine wieder rausgepult. Auf Kniehöhe kleben rotbraune Kacheln. Sie imitieren Mauerwerk. Noch nie ist eine abgefallen. Sie haben einen festen Kachelwillen, krallen sich an der Substanz fest. Jute Wertarbeit, lobt Jakob. Tritt er aus der Haustür, folgt ihm ein scharfer Essiggeruch aus dem Treppenhaus auf die Straße. Dort brodelt es, wird immer wieder der Asphalt aufgerissen und zugeschippt, hupen Autos und Busse, rumpelt die Elektrische, steigen Abgaswolken und Straßenstaub auf.

Vor einigen Tagen erst lag ein Schreiben im Briefkasten, ein Brief von der Vermietung, unerwartet und unverständlich. Im Grunde ging es darum, dass mit seinem Haus alles besser werden soll, alles neu. Aber konkret wurde der Brief nicht. Vielleicht dauert dit noch Jahre, sagt Jakob, vielleicht jeht dit och morjen schon los. Das Schreiben hat ihn jedenfalls in Hab-Acht-Stimmung gebracht. Auch wenn nicht konkret drinstand, wie die Verwaltung geregelt ist und was passieren soll, erzählt Jakob. Vielleicht streiten sich Erben um Putz und Fliesen, und vielleicht ist das Haus deshalb noch nich jemacht. Vielleicht einigen sie sich gerade, wer weiß? Noch aber sind die Fenster schief, das Holz morsch, noch knarrt es bei jedem leisen Wind im Gebälk. Wenn ein Sturm kommt, dann zurrt Jakob die Rahmen mit Riemen fest. Und Kohlen schleppen muss er im Winter. So und nicht anders soll das Haus sein, findet Jakob. Is doch schön so, sagt er, dass sein Haus vielleicht das letzte am Platz ist, das noch riecht, als wär’ der Krieg grad vorbei.

Jakob hat es nicht weit, wenn er was braucht. Sein Raum, sein Dorf, sozusagen, ist die Allee. Sie führt ein paar hundert Meter zum See rauf und wieder runter. Da sind die Fleischer, die Bäcker, da ist der Markt, da gibt es Briefmarken und Bücher, und die Haare schneiden lassen kann er sich auch. Jeden Geschäftszweig gibt es mindestens zweimal, die Allee hat zwei Seiten, eine rein in die Stadt, eine raus, in der Mitte fährt die Elektrische. Jakob braucht die Seiten nie wechseln. Was er sucht, findet er hüben wie drüben. Auch Kneipen gibt es, immer wieder kommen neue dazu, schließen alte. Nichts, so scheint es, wechselt so schnell wie die Bewirtschaftung.

Kommt er ins Reden, spricht Jakob auch von der Zeit vor seiner Zeit. Als die Allee noch eine sandige Dorfstraße war, mit Anger, Kirche, Krug und so weiter. Als sie eine aufblühende Handelsroute nach Pommern war. Wo nun Jakobs Haus steht, war nichts, nur Feld und Wiese, sicher ein paar Bäume. Wer in die Stadt wollte, muss­te da durch, musste sozusagen an Jakobs Haus vorbei. Heute ist das nicht anders. Zuerst fuhren Droschken zwischen Stadt und Dorf und darüber hinaus. Irgendwann gab es eine Pferdebahn, doch den Pferden war der Weg zu schlecht, und so kam die Elektrische. 10 Pfennig die Fahrt.

Die Bahn brachte die Vergnügungswilligen in die Gegend, die nach Zerstreuung suchten. Die fanden sie beim Rummelplatz um den See, dem Sternecker, der alle Schikanen hatte, sagt Jakob. Ein echter Zirkus mit Türmen und Fähnchen auf dem Dach, die in der Seeluft flattern. Hippodrom, Pagode, Brauerei und Ballhaus. Ein aus aller Welt herbeizitiertes Unikum. Aber geliebt haben sie es, die Menschen, und sich dem Vergnügen auf Fahrgeschäften, an Schießbuden, auf Riesenrutsche und in Ruderbooten hingegeben. Dit janze Brimborium hat sicher ooch dazu beijetragen, dat die Allee die Allee jeworden is, sagt Jakob. Wo et dir jefällt, da lass dir nieder. Und als es mit dem Park vorbei war, aus der Brauerei eine Wurstfabrik geworden war und es dunkler wurde, sind sie geblieben.

Irjendwann zu der Zeit isset och passiert, sagt Jakob. So ham se mir dit jesagt. Im Ballhaus. Lauer Sommerabend, spät war’s jeworden, drei acht im Schacht, erzählt Jakob, sind sie raus ins Feld, vielleicht dahin, wo heute die Reste der Rennbahn stehen. Das Blut war dünn, die Nacht warm und da ist es dann eben passiert. Jakob ist passiert. Der Morgen graute schon, als man sich förmlich verabschiedete, etwas verschämt auch, weil der Rausch zu schnell verflogen war.

Aufgewachsen ist er dann bei Muttern. Sie hat viel Wert darauf gelegt, dass was aus dem Jungen wird, hat Hochdeutsch gesprochen und Tischmanieren gefordert. Bis zu einer Anstellung in der Akademie hat Jakob es gebracht, erzählt er. Da hat er sich dann aber das Berlinern draufgeschafft, aufgeschnappt, was sie da so sprachen. War ja ooch irjendwie schick, sagt Jakob. Außerdem stand Heike auf den Dialekt, und weil Jakob auf Heike stand, war klar, was passiert. Also begann er G durch J und ch durch ck zu ersetzen.

Am sichersten fühlt sich Jakob bei Erna in der Kneipe. Die ist sein zweites Wohnzimmer. Keine zwanzig Meter von seiner Haustür weg. Gehste da hin, biste zu Hause, sagt Jakob. Öffnet man die Tür, entweicht ein warmer Schwall Sauerkrautdampf in die Allee hinaus. Im Dampf schwebt das Aroma von Speck, auch Lorbeerblatt, Piment und Wacholder. Dazu die dicke süße Soße, schwer und warm, wie sie die hier immer schon gemacht haben. Das Eisbein, das im Sauerkraut steckt, fällt fast vom Knochen, so weich ist es.

Erna, eine hemdsärmelige, kräftige Frau mit großer Oberweite und mütterlichem Blick, steht hinter dem Tresen. Jakob war das erste Mal als kleener Stöpsel hier. Muttern durfte nüscht wissen. Da hat er dann bei den Narbenmännern und Stecknadeltätowierten unterm Tisch gesessen, die Geschichten davon erzählten, wie sie die Allee gebaut haben. Handschlag. Wie’s so geht? Jut, Jakob, jut, Erna, mach erst mal, ja, jenau. Ditte. Anno ’19 haben sie hier die Arbeiter aus der Kugellagerfabrik beschossen. Gleich in den Schienen der Elektrischen vor der Tür. Aber daran kann sich Jakob nicht erinnern.

Wennde hier bist, sagt Jakob, dann brauchste nüscht andres, hast ja die Kneipe, und die hat jeden Tag auf. Das Bier auf dem Tisch hat es auch nicht weit, es wird ein paar Straßen weiter gebraut. Jakob hebt den Arm, Erna nickt.

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Wenn Jakob erzählt, wenn er in Gedanken loszieht, hat er den Kopf zwischen den Schultern, macht den Hals kurz und doppelt das Kinn. Er erobert sich die schmalen Gehsteige, dann den Platz, auf dem es an zwei Tagen die Woche Markt gibt, und wo erst das Kaiserdenkmal stand und später, an selber Stelle, ein Klo. An der Stelle sitzt Jakob dann, blickt in dieselbe Richtung wie der alte Gekrönte und sieht doch was ganz anderes. Bunt ist die Allee immer noch. Aber, nee, nie war sie wieder so bunt wie damals, als die Elektrische anfing, die Menschen zum See zu karren.

Die Kneipe füllt sich in Schüben, je weiter der Tag vorankommt. Die Stimmen stapeln sich ineinander. Jakob muss lauter sprechen. Er sagt, dass er Achim noch erwartet, einen Freund aus frühen Tagen. Mit ihm, den alle nur den Marmeladenmann nennen, weil er Marmelade verkauft, sitzt er hier regelmäßig. Und dann scheppert die Tür auch schon auf, der Marmeladenmann tritt ein, sagt Tag zusammen, mit einer tiefen, pfeifeberauchten Stimme, die spielend mit der Lautstärke des Raums fertigwird. Dit is Achim, sagt Jakob.

Die Allee braucht uns doch, sagt Achim nach einer Weile. Wir könn’ davon erzählen, was mal war, wo heute watt ganz andres steht. Nimm das alte Kaufhaus, sagt Achim. Uff halber Höhe zum See war dit, sagt Jakob. Angesehnes Haus, aber dit war’n Juden, ham se umgebracht. Und was nu da steht, hat keene Seele mehr.

Oder nimm den Bäcker ein paar Häuser weiter, rausjeklagt ham se den, sagt Jakob. Weil den Mietern der Jeruch von dit frische Brot zuviel war. Dit kannste dir nicht vorstelln, wie dit war, früher. Wir sind Morjens extra hochjeloofen. Wir ham uns in den Geruch reingelecht, sagt Achim. Butter, Zucker, Hefe. Die Schrippe fürn Sechser. Heute hat das Haus eine neue Fassade bekommen, wachsgelb. Wo der Bäcker war, ist jetzt ein Spielzeugladen drin.

Immer lauter müssen Jakob und Achim die Wogen der Stimmen in Ernas Kneipe teilen, nehmen die Hände zu Hilfe und gestikulieren sich von der Straße hinüber zum See. Als Achim noch keine Marmeladen verkauft hat, war er oft im See baden, und auch heute hält er noch immer den einen oder anderen Fuß hinein, wie er sagt. Das Wasser ist klar, man kann an guten Tagen, bei gutem Licht, weit hineinblicken. Aber haste gehört, fragt er, grade gestern, stand in der Zeitung, haben sie wieder einen rausgezogen, der lag da schon eine Weile drin. Der ist dann einfach aufgetaucht, haben sie geschrieben. Dit wern immer mehr, sagt Jakob. Schon der dritte seit Silvester, sagt eine elegante Frau, die unbemerkt an den Tisch getreten ist, und die Jakob als Agnes vorstellt.

Agnes hat nicht nur die Zeitung gelesen, sie hat auch alles gesehen. Sie wohnt in Sichtweite zum See. Die Polizei hat sie ankommen sehen und den Krankenwagen. Dann habe sie schon gewusst, sagt sie. Jakob und Agnes treffen sich oft, zum Kartenspielen, zum Kino. Aber eigentlich nie in der Kneipe, weil Agnes die Kneipe nicht mag. Man muss immer so schreien, sagt sie, und schreien kann sie nicht. Außerdem trinkt sie nicht. Nicht mehr, seit sie ihren Mann beerdigen musste, der das Trinken lange Jahre für beide übernahm und es so kaum bis zur Rente geschafft hat, sagt Agnes.

In Ernas Kneipe ist Agnes nur gekommen, weil Jakob sie gebeten hat. Es geht um den Brief. Der macht ihn nervös. Vielleicht ist Agnes Jakobs neue Heike, auch wenn sie sich weniger aus Dialekt macht. Sie nimmt seine Hand, als er erzählt, was drinsteht. Am Ende bekommt Jakob einen trockenen Kuss auf die Wange. Lass uns verschwinden, sagt Agnes. Ich bin es satt. Ihr Gesicht ist herb geworden über die Jahre, und es bekommt heute noch einige Furchen mehr. Um den Mund sind enge Winkel, scharfkantig, messerglatt. Wenn Agnes spricht, betont sie jede Silbe und hebt die Augenbrauen. Hager ist das Gesicht, mit hohen Wangenknochen, immer schmalen unschminkbaren Lippen und großen klaren Augen. Agnes ist schön, auf ihre Art. Und sie weiß es auch.

Aber Jakob will nicht weg. Ach, sagt Agnes. Vielleicht dauert dit noch Jahre, sagt Jakob. Vielleicht geht es aber auch schon morgen los, sagt Agnes. Gerade ist bei mir rechter Hand die alte Wurstfabrik fertig geworden, und da ziehen sie nun ein, erzählt sie. Früher war der Blick frei, wie an der Schnur gezogen, nur der See. Aber nun? Die ersten sind schon eingezogen. Überall bauen sie die Lücken zu, sagt Agnes. Nur das Ballhaus steht noch leer. Achim hebt die Hand, Erna versteht. Agnes fordert einen Kaffee. Sie trinken schweigend.

Wenn später am Abend die letzten Gäste auf die Allee hinausgespült werden, hat Jakob keine zwanzig Meter weiter mit seinem Schlüssel schon die Haustür geöffnet. Er hat im Flur den Essig gerochen und an den Winter gedacht. Irgendwann werden die Gerüste kommen, dann neuer, glatter Putz.

Jakob sagt, dass die Allee nicht mehr seine Allee ist, wenn er von ihr erzählt. Das hat persönliche Gründe.

Klaus Esterluß, geboren 1978 in Königs Wusterhausen, Studium in Potsdam. Arbeitet als Journalist, vor allem zu Umwelt- und Klimaschutzthemen. Schreibt nach längerer Pause seit 2015 wieder Prosa und Gedichte, Veröffentlichungen im Fotomagazin Hant und der Literaturzeitschrift Am Erker.

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