Aus: Ausgabe vom 05.03.2016, Seite 7 / Ausland

Das »Geständnis«

Pakistanischer Politiker droht Führern der afghanischen Taliban mit Rauswurf, falls sie nicht »an den Verhandlungstisch kommen«

Von Knut Mellenthin
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Sartaj Aziz ist Berater von Regierungschef Nawaz Sharif (Foto vom 10. September 2013)

Ein pakistanischer Regierungsvertreter habe »zum ersten Mal eingeräumt«, dass sein Land den afghanischen Taliban »Schutz und Unterschlupf« gewähre, berichteten einige deutsche Medien am Donnerstag. Ein so ehrliches und umfassendes Geständnis ohne Zwangsanwendung, nach jahrelangem Leugnen, wäre überraschend. Tatsächlich ist der Sachverhalt komplizierter und verdient eine genauere Betrachtung.

Die Meldungen beziehen sich auf einen Auftritt von Sartaj Aziz beim Council on Foreign Relations der USA, der am Dienstag in Washington stattfand. Aziz ist außenpolitischer Berater des nationalkonservativen Regierungschefs Nawaz Sharif, der die Leitung des Außenministeriums selbst übernommen hat. Er ist ein Mann mit jahrzehntelanger Erfahrung – und mittlerweile 87 Jahre alt. Das CFR ist kein x-beliebiger Think Tank, sondern eine einflussreiche Versammlung von hauptsächlich ehemaligen Spitzenakteuren aus Politik, Wirtschaft und Militär.

Im Gegensatz zu den Pressedarstellungen hat Aziz in dieser Runde keine Rede gehalten, sondern zunächst eine Zusammenfassung der Entwicklung des Verhältnisses USA-Pakistan vorgetragen und im Anschluss daran Fragen beantwortet. Das Transkript, das die Zeitschrift des CFR, Foreign Affairs, veröffentlichte, trägt den Titel »A Conversation with Sartaj Aziz«.

Das »Geständnis«, das übrigens von US-amerikanischen und britischen Medien kaum beachtet wurde, ist in der Antwort auf eine Frage nach Pakistans Rolle bei den angestrebten direkten Gesprächen zwischen der afghanischen Regierung in Kabul und den Taliban enthalten. Der Fragesteller hatte darüber hinaus auch wissen wollen, welche Druckmittel Pakistan besitze, um Einfluss auf die Taliban zu nehmen.

Dem Transkript zufolge antwortete Aziz: »Wir haben auf sie einen gewissen Einfluss, weil ihre Führung sich in Pakistan befindet; sie werden medizinisch versorgt, ihre Familien leben hier. Wir können also diese Hebel nutzen, um Druck auszuüben, indem wir ihnen sagen: Kommt an den Verhandlungstisch! (…) Wir mussten schon vor dem Treffen am 7. Juli letzten Jahres von einigen Druckmitteln Gebrauch machen. Wir schränkten ihre Bewegungsfreiheit ein, wir schränkten ihren Zugang zu Krankenhäusern und anderen Einrichtungen ein. Und wir drohten ihnen: ›Wenn ihr euch jetzt nicht nach vorn bewegt und Gespräche führt, dann werden wir euch schließlich rauswerfen. (…) Wir haben euch lange genug, 35 Jahre lang, aufgenommen. Wir können das nicht länger. Die ganze Welt wirft uns eure Anwesenheit vor.‹«

Am 7. Juli 2015 waren in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad erstmals Vertreter Kabuls und der Aufständischen direkt zusammengetroffenen. Die afghanische Regierung ließ die Gespräche sofort wieder platzen, indem sie öffentlich enthüllte, dass Taliban-Führer Mohammed Omar, der angeblich die Begegnung autorisiert hatte, schon seit über zwei Jahren nicht mehr am Leben war. Die Gespräche sollten angeblich in der ersten Märzwoche wiederaufgenommen werden. Jetzt ist von der zweiten Woche die Rede. Eine entsprechende »Vereinbarung« hatte die regelmäßig tagende Viererrunde aus Vertretern Afghanistans, Pakistans, der USA und Chinas am 23. Februar bekanntgegeben. In Wirklichkeit existieren offenbar noch gar keine konkreten Abmachungen mit irgendeiner Frak­tion der Taliban. Sowohl deren offizielles Büro in Katar als auch ihr Kontaktmann zu den Medien haben mitgeteilt, dass ihnen von einer Einladung nichts bekannt sei.

Vor diesem Hintergrund ist die von Aziz in Washington ausgesprochene Drohung zu sehen. Sein vermeintliches »Geständnis« war, zumal in dieser hochqualifizierten Runde, nicht mehr als die Erwähnung einer allgemein bekannten Tatsache. Übrigens hat die US-Regierung nie von Pakistan öffentlich verlangt, ihre afghanischen »Gäste« auszuweisen, und sie hat auch von der Möglichkeit gezielter Drohneneinsätze gegen sie keinen Gebrauch gemacht.

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