Aus: Ausgabe vom 05.03.2016, Seite 6 / Ausland

Mord an Aktivistin

Honduras: Berta Cáceres nach Drohungen tot in Haus gefunden. Staudammgegnerin setzte sich für Rechte von indigener Bevölkerung ein

Von Volker Hermsdorf
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Protest gegen Ermordung: Demonstranten mit Bilder von Berta Cáceres in Tegucigalpa (3.3.2016)

In Honduras wird am heutigen Sonnabend unter großer Anteilnahme von Familienangehörigen, Freunden und Kampfgefährten die indigene Menschenrechts- und Umweltaktivistin Berta Cáceres beigesetzt. Sie war am Donnerstag morgen (Ortszeit) in ihrem Haus in der Stadt La Esperanza im Westen des Landes erschossen worden. Während Polizei und Behörden »Einbrecher« für die Tat verantwortlich machten, sprechen ihre Angehörigen und Mitstreiter von Mord. »Alle wissen, dass sie wegen ihres Kampfes für die Umwelt ermordet wurde«, erklärte Berta Flores, die Mutter des Opfers. Der Gewerkschaftsführer und Vorsitzende der Nationalen Front des Volkswiderstandes (FNRP) sagte, es handele sich um »ein politisches Verbrechen der Regierung«. Alles andere seien »Lügen«.

Cáceres hatte sich als Koordinatorin der indigenen Menschenrechtsorganisation COPINH gegen ein Staudammprojekt »Agua Zarca« eines Privatunternehmens engagiert, durch das Hunderten Anwohnern der Zugang zum Wasser abgeschnitten würde. Für ihren Einsatz war sie im vergangenen Jahr mit dem »Goldman Environmental Prize«, einem der weltweit bedeutendsten Umweltschutzpreise, ausgezeichnet worden.

Wie ihre Mutter berichtete, war die Aktivistin vor einiger Zeit während einer Besichtigung vor Ort mit Vertretern des Unternehmens und Militärs aneinandergeraten. Im Zuge der Auseinandersetzungen um den Bau wurden bereits mehrere COPINH-Mitglieder ermordet, der Aktivist Tomas García wurde auf einer Demonstration von einem Soldaten getötet.

Wie örtliche Medien meldeten, ist Berta Cáceres seit Herbst vergangenen Jahres in die Schusslinie der Betreiberfirma geraten. »Sie hat Tausende Drohungen erhalten«, bestätigte ihr Bruder Gustavo. Auch die Redaktion des deutschen Internetportals »amerika 21« berichtete, mehrfach diffamierende E-Mails erhalten zu haben, die Cáceres der Lüge bezichtigten. Derartigen Schmähbriefen und Einschüchterungsversuchen folgen in Mittelamerika oft Attentate auf die Bedrohten.

Wie Berta Flores im honduranischen Fernsehen sagte, hatte die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH), ein Gremium der Organisation Amerikanischer Staaten, wegen der Todesdrohungen Maßnahmen zum Schutz ihrer Tochter verlangt. Unter dem Druck von Interessenvertretern der Bergbau- und Wasserkraftindustrie habe der Staat jedoch nichts unternommen. Flores gibt deshalb der Regierung von Präsident Juan Orlando Hernández die Schuld für den Tod ihrer Tochter und fordert die Einsetzung einer internationalen Untersuchungskommission. Auch nach Einschätzung von Amnesty International (AI) wäre das Attentat zu verhindern gewesen. »Der feige Mord an Berta war eine angekündigte Tragödie«, sagte AI-Regionaldirektorin Erika Guevara Rosas.

Der Anschlag auf die Aktivistin ist weltweit mit Bestürzung und Empörung aufgenommen worden. Ihr Tod sei nur »die Spitze des Eisberges zahlreicher politischer Morde an Menschenrechtsaktivistinnen und Kleinbauern, die um ihre Landrechte kämpfen«, erklärte die stellvertretende Vorsitzende und entwicklungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Heike Hänsel. Sie wies darauf hin, dass sich die Lage in Honduras »seit dem Putsch im Jahr 2009 massiv verschlechtert« hat und forderte die Bundesregierung auf, die dort »grassierende Straflosigkeit nicht länger hinzunehmen«. Die Politikerin kritisierte, dass die EU »trotz der katastrophalen Menschenrechts­situation ein Freihandelsabkommen mit Honduras abgeschlossen hat«, das die Landkonflikte verschärfe. Sie verlangte von der EU, dieses Abkommen zu überprüfen und ihre Politik »an sozialen und menschenrechtlichen Zielen statt eigenen Profitinteressen« auszurichten.

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