Aus: Ausgabe vom 04.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Spring endlich!

Dea Lohers »Unschuld« am Staatstheater Cottbus. Von

Von Anja Röhl
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Kälte und Gleichgültigkeit bestimmen das Mit- bzw. Gegeneinander

In Dea Lohers Gegenwartsstück »Unschuld« geht es um seelische Abgründe von Figuren, die etwas Gescheitertes, Verzweifeltes, auch Böses und Verrücktes an sich haben. Grundbestandteile unserer sogenannten Normalität. Ein Zusammenhang der fragmentarischen Szenen erschließt sich erst zum Ende hin, wenn Figuren aufeinandertreffen, sich sogar anfreunden wie im Falle des Flüchtlings Elisio und der Frau Habersatt.

Mit dem Anlanden Elisios und seines ungleichen Freundes Fadoul an einer europäischen Küste beginnt das Ganze. Sie sehen eine Frau ins Wasser gehen, versäumen (als Nichtschwimmer) ihre Rettung, nächste Szene: Die alte Habersatt belästigt Familien, die ein Kind durch Mord verloren haben, gibt sich als Mutter des Mörders aus, die um Vergebung bittet. So werden in überlappenden, fragmentarischen Szenen die skurrilen Verhaltensweisen einsamer Menschen präsentiert. Das ist tragisch, manchmal auch witzig, am Ende ergibt sich das Bild einer Gesellschaft, in der sich der einzelne betrogen, missverstanden, nicht geliebt, zu viel geliebt, erdrückt oder missachtet fühlt, so dass er das Leben lieber wegwerfen will.

Was die Figuren eint, ist, dass sie sich schuldig fühlen, obwohl sie es gar nicht sind, aber was ist Schuld? Die Frage wird anhand einer älteren Philosophin erörtert, die der Zufallsbedingtheit der Welt das Wort redet und schließlich ihren Ehemann so gegen eine Wand knallt, dass er tot zusammenbricht. Und dann gibt es noch einen Mann, der im Stau unter einer Autobahnbrücke steht, von der eine Frau springen will. Rettungsversuche laufen. »Spring!«, schreit er, »Spring endlich!«

Kälte und Gleichgültigkeit bestimmen das Mit- bzw. Gegeneinander auch in Wulf Twiehaus’ Inszenierung am Staatstheater Cottbus (Premiere: 27. Februar). Zum malerisch-abstrakten, leicht surrealen Bühnenbild mit großer Tiefenwirkung (Bühne: Katrin Hieronimus) passen die Szenenwechsel. Spieler erstarren oder rollen wie in Zeitlupe von der Bühne, während die Nachfolger über sie hinweg ins Zentrum treten. Stellenweise wirkt das absurde Treiben etwas abgehoben intellektuell. Weit weg vom Brecht­schen Lehrstück, handelt es sich um eine Art magischen Realismus.

Nächste Vorstellungen: 22. u. 31.3., jeweils 19.30 Uhr

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