Aus: Ausgabe vom 04.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Pubertät im Hinterhaus

Hans Steinbichler scheitert mit einer Neuverfilmung des Tagebuchs der Anne Frank

Von Kai Köhler
Bild_060-5304(1).JPG
Es ist ein Gefängnisfilm, in dem das Gefängnis nicht wie ein Gefängnis aussieht

Als zwei Besucherinnen ein Theater verließen, in dem gerade eine Dramatisierung des Tagebuchs der Anne Frank aufgeführt worden war, soll die eine zur anderen gesagt haben: »Aber dieses Mädchen hätte man doch nicht vergasen sollen.« Auch wenn die Anekdote möglicherweise erfunden ist, ist sie doch gut erfunden. Sie bezeichnet die Stärken wie die Schwächen des Stoffs. Die aus Deutschland geflohene Jüdin versteckte sich mit sieben anderen Verfolgten gut zwei Jahre lang in einem Amsterdamer Hinterhaus, wurde im August 1944 verraten und gerade einmal 15jährig Anfang 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordet. Ihre Aufzeichnungen machen nachvollziehbar, was der faschistische Völkermord für die einzelnen Opfer bedeutete. Andererseits fehlt in ihnen perspektivbedingt jede politische Einordnung. Die Gefahr besteht, dass als einzige, vorpolitische Reaktion Mitleid bleibt, mehr nicht.

Das Tagebuch ist ein subjektives Genre. Eine Übersetzung ins Drama oder in den Film, wo meist mehrere Personen mit- und gegeneinander handeln, ist darum schwierig. Trotzdem gibt es, neben mehreren Bühnenfassungen, mindestens neun Verfilmungen der Aufzeichnungen Anne Franks, von denen George Stevens’ US-Version von 1959 wohl die bekannteste ist. Hans Steinbichlers zehnte Version sollte – sagt der Regisseur – zeigen, »was Anne Frank für die heutige Zeit notwendig macht«.

Das Ergebnis ist ein Film, der ganz auf die Gefühle und die Sicht der Hauptfigur konzentriert ist; zugespitzt gesagt, als hätte Anne Frank unter leider ungünstigen Bedingungen pubertieren müssen. Doch diese Zusammenfassung ist ein wenig ungerecht. Zu den Stärken des Films gehört, dass er nicht da aufhört, wo, durch die Verhaftung erzwungen, das Tagebuch abbricht und dass Steinbichler und sein Drehbuchautor Fred Breinersdorfer in einer zeichenhaft eindringlichen und doch nicht auf brutale Sensation spekulierenden Sequenz vermitteln, was die Ankunft in einem KZ bedeutet.

Doch die knapp zwei Stunden zuvor zerfallen ganz tagebuchartig in einzelne Szenen, von denen nur die wenigsten eine filmische Dramaturgie aufweisen. Die durchweg überzeugenden Darsteller und Darstellerinnen – vorweg Lea van Acken als Anne Frank, aber auch Martina Gedeck und Ulrich Noethen als ihre Eltern und Stella Kunkat als die Schwester Margot – können da wenig retten.

Dabei ist zwar der Stoff von der Zeitabfolge her filmisch ungeeignet (acht Personen hoffen in einem Versteck im von Deutschen besetzten Amsterdam von 1942 bis 1944, dass nichts geschieht). Der große Vorteil bestände hingegen dramaturgisch in der räumlichen Enge. Darauf, dass Leute sich nicht aus dem Weg gehen können, beruht zum Beispiel die Wirkung des Genres Gefängnisfilm. Aber auch diesen Vorteil nutzt Steinbichler kaum. Wer jemals die realen Kammern in der Prinsengracht 263 gesehen hat, wundert sich, wie hell und geräumig das Versteck im Film erscheint.

Es wirkt so komfortabel, dass die unvermeidlichen Streitereien als Ergebnis von subjektiven Problemen erscheinen und nicht als Folge der Lebensumstände. Das Gefühlige der ganzen Anlage wird durch die eine breiig-sentimentale Musik überhöht; Sebastian Pille zeichnet verantwortlich für ein aufdringliches Experiment, was man aus einem Klavier und diversen Streichinstrumenten an Schmerz herauspressen kann.

Der Film dürfte politisch unbedarften Zuschauern zeigen, dass die Nazis böse waren und die von ihnen Verfolgten Menschen mit Stärken und Schwächen; dass Solidarität mit Flüchtlingen – die Familie Frank hatte 1933 Frankfurt am Main verlassen müssen – etwas Gutes ist. Aber schon diejenigen, die die Möglichkeit zu handeln wahrnahmen, die den Verfolgten eine Unterkunft besorgten, Lebensmittel organisierten und ihre eigene Existenz gefährdeten, bleiben in dem Film undeutliche Schemen. Die Täter schließlich kommen – durch das Tagebuch als Vorlage bedingt – nur am Rande vor.

Das ist zuwenig. Ein kleiner, privater Ausschnitt des Geschehens kann auf das Ganze verweisen. Ein Gefühl zu verdeutlichen kann den Blick auf historische Zusammenhänge öffnen. Hier bleibt es beim privaten Gefühl, und über den Faschismus erfährt man kaum etwas. Der Film kommt nicht über den vorpolitischen Bereich hinaus.

»Das Tagebuch der Anne Frank«, Regie: Hans Steinbichler, Deutschland 2016, 128 min, bereits angelaufen

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Feuilleton