Aus: Ausgabe vom 04.03.2016, Seite 8 / Ansichten

Keine Goldgrube

Kooperation BRD–Iran

Von Knut Mellenthin

Seit Mitte Januar ist Iran, theoretisch betrachtet, von allen internationalen Sanktionen befreit, die mit seinem zivilen Atomprogramm begründet worden waren. Dass dies nicht der Realität entspricht, liegt fast ausschließlich an der US-Regierung. Nahezu alle wirtschaftlich wirksamen Strafmaßnahmen, die das Land trafen, gehen auf sie zurück. Da Washington das Handelsvolumen zwischen den USA und dem Iran schon vor vielen Jahren auf weniger als 100 Millionen Dollar pro Jahr heruntergefahren hatte, blieb nur noch das Mittel der indirekten Sanktionen: Man droht Irans Handelspartnern mit schweren Nachteilen auf den US-Finanz- und Warenmarkt. Die Stellung der »westlichen Führungsmacht« auf dem Weltmarkt ist immer noch dominant genug, um mit dieser Strategie Erfolg zu haben.

Vor allem zwei Faktoren relativieren die frohe Botschaft vom Wegfall der Sanktionen: Erstens sind viele von Washington verhängte indirekte Strafmaßnahmen weiter in Kraft. Geschäfte mit dem Iran bleiben für alle Unternehmen, die auf dem US-Markt aktiv sind, ein nahezu unberechenbares Risiko. Und zweitens ist die Aufhebung von Sanktionen selbst im besten Falle keine einmalige Aktion wie das Wiedereinschalten einer stillstehenden Maschine, sondern ein länger dauernder Prozess.

Unternehmen in aller Welt, auch in Deutschland, klagen, dass kaum Geldgeschäfte mit iranischen Banken abgewickelt werden können, was eine wesentliche Voraussetzung für den Wiederaufschwung der Handelsbeziehungen wäre. Wer Geschäfte mit der Islamischen Republik machen will, braucht Anwälte, die mit den komplizierten Sanktionsgesetzen der USA vertraut sind. Zusätzlich tut er gut daran, sich vor Unterzeichnung von Verträgen durch eine Anfrage beim US-Finanzministerium abzusichern.

Wenn Sprecher der deutschen Wirtschaft verkünden, der Export in das Land könne sich in wenigen Jahren auf zehn Milliarden Dollar verfünffachen, so liegt das nicht im Bereich des Möglichen. Die deutsche Position im iranischen Außenhandel ist zwar traditionell stark, aber auch vor dem Beginn der Sanktionen waren die deutschen Exporte dorthin nicht annähernd so hoch. Außerdem muss in Betracht gezogen werden, dass Iran künftig versuchen wird, extreme Defizite im Außenhandel, die es gegenüber Deutschland immer gab, zu vermeiden oder wenigstens zu minimieren. Anders gesagt: Die künftige Höhe der deutschen Exporte hängt nicht zuletzt von der Bereitschaft ab, im Gegenzug iranisches Erdöl und perspektivisch auch Erdgas zu kaufen. Und schließlich: Iran wird künftig in der Bundesrepublik weiter hauptsächlich Maschinen und Produktionsausrüstungen erwerben. Ein »lukrativer« Absatzmarkt für westliche Konsumgüter wird das Land auf absehbare Zeit nicht werden: Nicht nur aus politischen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Iran kauft ein (30.01.2016) Aufgefrischte Handelsbeziehungen zur EU: Nach Freigabe vom Westen »eingefrorener« Guthaben kann Teheran 30 Milliarden Dollar für Dringendes ausgeben
  • »Ein neues Kapitel« (26.01.2016) Peking und Teheran streben Verstärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit an. Handelsvolumen hängt stark vom Weltmarktpreis für Rohöl ab
  • Dickes Geschäft (27.07.2015) Der Iran ist ein außergewöhnlich lukrativer, Milliardenumsätze verheißender Markt. Die deutsche Wirtschaft will ihren Handel mit dem Staat so schnell wie möglich und vor den anderen europäischen Konkurrenten reaktivieren

Regio: