Aus: Ausgabe vom 04.03.2016, Seite 2 / Inland

Zwei Millionen Streiktage

Studie: Arbeitskampfvolumen im internationalen Vergleich allerdings gering

Von Claudia Wrobel
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Die Arbeitsniederlegungen bei der Deutschen Bahn AG, der Lufthansa, der Deutschen Post AG und im Sozial- und Erziehungsdienst im vergangenen Jahr haben viele Menschen betroffen. Resümierend lässt sich generell feststellen, dass 2015 ein ungewöhnlich intensives Streikjahr war. Das Wirtschafts- und Sozial­wissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung bilanzierte am Donnerstag ein Arbeitskampfvolumen von rund zwei Millionen Streiktagen. Die erhebliche Steigerung gegenüber 2014 (392.000 Tage) beruhe im wesentlichen auf zwei großen Auseinandersetzungen: Allein 1,5 der zwei Millionen Streiktage entfielen demnach auf den Arbeitskampf im Sozial- und Erziehungsdienst sowie den Streik bei der Post.

Doch das Aufeinandertreffen der Konflikte war zufällig. Während es bei der Bahn um den Grundsatzstreit der Tarifzugehörigkeit ging, wehrten sich die Beschäftigten der Lufthansa gegen ein Sparprogramm, das erhebliche Einschnitte in der Altersvorsorge vorsieht. Im Sozial- und Erziehungsdienst wollten die Gewerkschaften eine generelle Aufwertung des Berufsfeldes erreichen, in dem traditionell viele Frauen arbeiten. Diese konnte trotz der hohen Beteiligung nicht vollständig durchgesetzt werden. Bei der Post war der Anlass des Streiks eine Ausgliederung des Paketdienstes, verbunden mit erheblichen Lohneinbußen für die Zusteller. »Das Vorgehen des Postkonzerns ist ein Beispiel dafür, wie Unternehmen einheitliche Tarifstrukturen aufbrechen und Tarifeinheit zerstören«, sagte WSI-Experte Heiner Dribbusch laut Mitteilung.

Trotz der vermehrten Arbeitsniederlegungen ist das Arbeitskampfvolumen im internationalen Vergleich gering, wie das WSI aufzeigt. Nach Dribbuschs Schätzung fielen hierzulande zwischen 2005 und 2014 im Jahresdurchschnitt pro 1.000 Beschäftigte rechnerisch 15 Arbeitstage aus. In Frankreich kamen auf 1.000 Beschäftigte hingegen im Jahresmittel 132 Arbeitskampftage, in Dänemark 124, in Finnland 71, in Spanien 63 und in Irland 28. Ein niedrigeres Streikvolumen findet sich nach wie vor in Österreich, Polen und in der Schweiz. Auf Grund fehlender Daten ist ein internationaler Vergleich unter Einbeziehung des Jahres 2015 noch nicht möglich. Es zeichne sich aber ab, dass Deutschland mit dann durchschnittlich 20 Ausfalltagen im Zehnjahreszeitraum keinen großen Sprung in der Tabelle machen wird, erklärt der Wissenschaftler.

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