Aus: Ausgabe vom 04.03.2016, Seite 2 / Kapital & Arbeit

»Gleiche Arbeit ist europaweit gleich zu vergüten«

Ver.di protestiert mit Gewerkschaften aus anderen Ländern für Arbeitsrechte in polnischen Werken des Verpackungsherstellers Smurfit Kappa. Gespräch mit Achim Schulze

Interview: Gitta Düperthal

Gewerkschafter haben am Dienstag in Berlin dagegen protestiert, dass Anthony »Tony« Smurfit, Konzernleiter des weltweiten Verpackungsherstellers Smurfit Kappa die Expansion des Konzerns in Osteuropa als erfolgreich lobte. Tatsächlich hätten Mitarbeiter dort miese Arbeitsbedingungen.

Im Unternehmenskodex von Smurfit Kappa verpflichtet sich das weltweit tätige Unternehmen mit 45.000 Beschäftigten zwar zur Einhaltung der Erklärung der Internationalen Arbeitsorganisation ILO über grundlegende Prinzipien und Rechte bei der Arbeit und der UN-Menschenrechtserklärung. In Polen sollen diese Prinzipien derzeit nach dem Willen des dortigen Managements aber nicht gelten. Anlass unseres Protestes war deshalb der Auftritt Smurfits bei einer Veranstaltung der papierverarbeitenden Industrie in Berlin. Kolleginnen und Kollegen aus Polen, Mitglieder der welt- und europaweit tätigen Gewerkschaft UNI Global Union, Druck und Verpackung, haben vor dem Berliner Hotel, in dem er seine Rede hielt, für die Rechte der Beschäftigen in den fünf polnischen Werken demonstriert – unterstützt von Gewerkschaftern aus der Schweiz, Belgien und von ver.di Berlin-Brandenburg.

Was kritisieren Sie an der Unternehmenspolitik in den polnischen Werken?

Einseitig hat die Geschäftsleitung alle Verhandlungen mit der polnischen Gewerkschaft Zjednoczenie Zawodowe Polskie abgebrochen. Die Geschäftsführungen der einzelnen Werke verschärfen Maßnahmen gegen die Beschäftigten, indem sie neue Regeln ausgeben: Gewerkschaftsliteratur wird verboten. Außerhalb offizieller Pausen ist es untersagt, über arbeits- und tarifrechtliche Probleme zu sprechen. Vorarbeiter wurden angewiesen, zu Einschüchterungszwecken zu observieren und zu verwarnen. Gewerkschaftsvertretern wird kein Zugang zum Betrieb gewährt. Wir fordern den Vorstandsvorsitzenden Smurfit dringend auf, beim polnischen Management zu intervenieren und sicherzustellen, dass die Rechte der Beschäftigten dort gewahrt werden.

Was ist die Folge dieses Vorgehens?

Das Management kann einseitig bei Teilen der Belegschaft nach ihrem Gutdünken Lohnaufschläge vornehmen oder verwehren. Das polnische Management von Smurfit Kappa verweigert Verhandlungen über Arbeitsbedingungen und Gehälter für alle, sondern staffelt sie statt dessen nach Gusto individuell. Wenn aber beispielsweise Gewerkschafter weniger Lohn erhalten als andere Mitarbeiter – so wie es teilweise in Kolumbien der Fall ist – verstößt das gegen die Menschenrechte.

Hat die Konzernleitung in Berlin auf die Gewerkschaftsproteste reagiert?

In seiner Branche ist Smurfit einer der größten. Er selber ist nicht rausgekommen, Manager haben uns fotografiert. Wir stehen für die Rechte der polnischen Gewerkschafter und fordern, dass sie im Betrieb Flugblätter verteilen und ihre Mitglieder informieren können. Wir gehen davon aus, dass die Geschäftsführungen in Polen unserem gerechtfertigten Anliegen nachkommen. Sonst werden wir die Solidaritätsaktionen für die dortigen rund 900 Beschäftigten verstärken. Die Mitarbeiter verrichten die gleichen Tätigkeiten wie die in den anderen Betrieben weltweit. Es darf nicht sein, dass sie schlechtere Arbeitszeiten- und Überstundenregelungen haben und ein niedrigeres Salär erhalten. Es versteht sich von selbst, dass gleiche Arbeit europaweit gleich zu vergüten ist.

Müssen Beschäftigte hierzulande befürchten, dass Arbeit nach Polen ausgelagert wird, weil Arbeiter dort zu Billiglöhnen ausgebeutet werden?

Nein, bei der Verpackungsherstellung müssen Produktionsstätten nah am Markt sein. Weite Transportwege verursachen Kosten. Unabhängig davon müssen wir aber gewerkschaftlich erreichen, dass Löhne weltweit einander angepasst werden, damit keine Konkurrenz entsteht und Belegschaften der Länder gegeneinander ausgespielt werden können.

Achim Schulze ist stellvertretender Vorsitzender des Dachverbandes europäischer Dienstleistungsgewerkschaften (UNI Europa), Sektion Graphik und Verpackung, und Koordinator für europäische Angelegenheiten bei ver. di, Fachbereich Medien, Kunst und Industrie

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