Aus: Ausgabe vom 03.03.2016, Seite 15 / Medien

Yahoo liegt auf dem Grabbeltisch

Time-Verlag erwägt Kauf von Kerngeschäft des Internetkonzerns. Der schwächelt weiter

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Der Internetpionier Yahoo kommt aus seiner wirtschaftlichen Schwächephase nicht heraus. Das führte in den zurückliegenden Monaten zu Kontroversen zwischen Konzernchefin Marissa Mayer und Vertretern wichtiger Anteilseigner. Gerüchte über Verkaufs- oder gar Zerschlagungspläne kursieren seit einiger Zeit. Ende Februar ließ dann eine Meldung verschiedener Nachrichtenagenturen aufhorchen, die einen ernsthaften Hintergrund zu haben schien: Der Time-Verlag interessiere sich einem Insider zufolge für das Kerngeschäft von Yahoo. Der renommierte Verlag und Herausgeber der Magazine Time, People und Sports Illustrated lote seit Wochen Möglichkeiten zum Kauf der Suchmaschinen-, E-Mail- und Nachrichtendienste von Yahoo aus, zitierten die Agenturen »eine mit den Überlegungen vertraute Person«. Dazu habe sich Time die Hilfe von Banken geholt.

Yahoo gilt als Schnäppchen – vor allem, wenn man den Börsenwert des Unternehmens mit dem der Hauptkonkurrenten Google (Alphabet) und Facebook vergleicht. Den Analysten von Sun Trust Robinson Humphrey zufolge hat das Kerngeschäft von Yahoo noch einen Wert von sechs bis acht Milliarden US-Dollar (5,5 bis 7,3 Milliarden Euro). Die US-Finanznachrichtenagentur Bloomberg hatte zuvor berichtet, Time habe sich mit einem Modell der Bank Citigroup befasst. Dabei gehe es um einen steuerfreien Deal bei der Übernahme eines abgespaltenen Konzernteils.

Angesichts der Dominanz der genannten Konkurrenten ist Yahoo Marktbeobachtern zufolge immer mehr ins Hintertreffen geraten. Auch die vor vier Jahren installierte Konzernchefin Mayer, eine ehemalige Vizepräsidentin von Google, konnte den Konzern nicht in Schwung bringen. Beeindruckend waren allenfalls die von ihre eingestrichenen Gehalts- und Bonuszahlungen. Trotz vielfältiger Versuche kam Yahoo nicht zurück in die Erfolgsspur. Der Konzern plante zuletzt selbst eine Abspaltung des schwächelnden Internetkerngeschäfts, festhalten wollte er an seiner milliardenschweren Beteiligung am chinesischen Amazon-Rivalen Alibaba. Nach einem Verlust im vierten Quartal hatte Yahoo die Internetsparte praktisch ins Schaufenster gestellt.

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Der potentielle Käufer schlägt sich indes mit den für die »alten Medien« typischen Problemen herum: wegbrechende Werbeeinnahmen aus dem klassischen Printgeschäft. Mit dem Ausbau des Digitalbereichs soll gegengesteuert werden. Die Time-Gruppe will der Nachrichtenagentur Reuters zufolge mit My Space bereits einen Pionier aus dem Bereich der (weniger erfolgreichen) »sozialen Netzwerke« kaufen.

Angeblich trägt sich auch der US-Telekommunikationsriese Verizon mit dem Gedanken, Yahoos Internetgeschäft zu übernehmen. Ihm gehört bereits der arg geschrumpfte Onlineveteran AOL.

Yahoo hatte bereits am 2. Februar verkündet, 15 Prozent der Stellen streichen zu wollen. Dies würde 1.500 bis 1.700 Jobs betreffen. Konzernchefin Mayer hatte dies u. a. mit einen hohen Verlust von 4,43 Milliarden Dollar (4,1 Milliarden Euro) begründet. (Reuters/jW)

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