Aus: Ausgabe vom 03.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Umfeld der Familie

Ein Patriarch, der aus der Militärdiktatur kam: Der argentinische Film »El Clan«

Von Lena Kreymann
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Alle drei Söhne versuchen irgendwann den Ausstieg, nur einer schafft es

Politthriller, Horrorfilm, Coming-of-Age-Story oder Familiendrama? »El Clan« ist das alles ein bisschen. Doch vor allem ist »El Clan« ein argentinischer Film – von einem argentinischen Regisseur mit argentinischen Darstellern über argentinische Geschichte in einer argentinischen Stadt.

Anfang der 80er Jahre lebt die siebenköpfige Familie Puccio in San Isidro, einer wohlhabenden Vorstadt von Buenos Aires. Die Puccios fügen sich gut in die Nachbarschaft ein: Am Esstisch wird gebetet, Vater Arquímedes fegt regelmäßig den Bürgersteig und grüßt dabei freundlich, zudem pflegt er Kontakte in hohe Regierungskreise. Sein ruhiger, höflicher Sohn Alejandro spielt erfolgreich in der Rugbynationalmannschaft und ist beliebt bei seinen Teamkollegen. Im Laufe des Films eröffnet er einen Surferladen, ein respektables, kleines Geschäft. Woher er das Geld dafür hat? Vater Arquímedes macht einigen Reibach mit professionell geplanten Entführungen, die Opfer kommen aus dem Umfeld der Familie. Ihr Vertrauen wird ausgenutzt, sie werden überwältigt und in dem gediegenen Vororthaus untergebracht. Dann werden Lösegelder erpresst. Die ganze Familie hilft mit. Von Beginn an ist klar, dass sie damit nicht durchkommen wird – in der ersten Szene dringt die Polizei durch eine zerschmetterte Glastür ins Haus ein, um das letzte Opfer zu befreien.

Die Puccios hat es wirklich gegeben, Regisseur Pablo Trapero erinnert sich noch an die Schlagzeilen, als die Familie 1985 gefasst wurde. Er rekonstruiert ihre Geschichte mit komplexen Zeitsprüngen, bleibt nah an den Fakten. Realistische Kostüme und detailgetreue Szenen vermitteln ein Bild der Zeit. Bei einer Lösegeldübergabe trällert Ella Fitzgerald »Into Each Life Some Rain Must Fall«, der Rest des Films ist mit feschen 80er-Jahre-Songs unterlegt. Man fühlt man sich gut 30 Jahre zurückversetzt. Nur beiläufig wird über eingespielte Fernsehbeiträge oder Wahlplakate im Hintergrund der historische Kontext angedeutet – der schwierige Übergang von der Militärdiktatur zur Demokratie, der sogenannte Falkland-Krieg, die ersten Wahlen ... Dass die Sicherheitskräfte Arquímedes protegieren, erscheint damit nebensächlicher, als es war: Dem Rechtsperonisten wurde seinerzeit nachgesagt, den antikommunistischen Todesschwadronen der »Triple A« angehört zu haben. Im Film unterzeichnet er seine Erpresserbriefe mit »Nationale Befreiungsarmee«, schiebt seine Verbrechen damit der linken Guerilla in die Schuhe.

Sehenswert wird der Film vor allem durch den in Argentinien als Komödiant bekannten Guillermo Francella in der Rolle des Patriarchen. Dieser Arquímedes sorgt auf seine Weise für die Familie, herrscht mit Zuckerbrot und Peitsche. Mal behandelt er Alejandro als Partner und Nachfolger, weiht ihn ein, beteiligt ihn am Gewinn. Dann wieder macht er mit durchdringendem Blick klar, dass sein Sohn keine Wahl hat, als zu gehorchen. Alejandro, gespielt vom Seriendarsteller Peter Lanzani, ist hin- und hergerissen zwischen Loyalität und Schuldgefühlen. Er hat Angst, entdeckt zu werden, und den Wunsch, mit seiner Freundin ein ruhiges Leben aufzubauen. Das »Geschäft« belastet die ganze Familie, alle drei Söhne versuchen irgendwann den Ausstieg, nur einer schafft es.

Dem Publikum außerhalb Argentiniens verlangt der Film einiges ab. Allein die Zeitsprünge erfordern Konzentration, insbesondere wenn man die Geschichte der Puccios nicht kennt. Wer die historische Dimension des Films erfassen will, braucht zumindest eine grobe Vorstellung von den argentinischen Verhältnissen in den 80er Jahren. Doch auch wenn der Film mit etwas Geschichtswissen weniger verwirrend sein mag, ist er am Ende kein historisches Drama. Vielmehr zeigt er, was alles so hinter der Fassade einer gutbürgerlichen Familie stecken kann.

»El Clan«, Regie: Pablo Trapero, Argentinien 2015, 119 min, Kinostart heute

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