Aus: Ausgabe vom 03.03.2016, Seite 10 / Feuilleton

Trauma und Staatsräson

Sandrone Dazieris aktueller Thriller führt gekonnt in die dunke Welt des Unbewussten

Von Utz Anhalt
RTX28MCO.jpg

Dante Torre ist als Freelance-Profiler begehrt, denn er erkennt die Abgründe der Menschen an Details, die anderen nie auffielen – und fast immer liegt er richtig. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt, einen regulären Job hält der an Klaustrophobie leidende Mann nämlich nicht aus.

Die Begabung und die psychischen Probleme der zentralen Figur in Sandrone Dazieris Thriller »In der Finsternis« haben den gleichen Ursprung: Als kleiner Junge wurde Torre entführt und verbrachte elf Jahre als Gefangener in einem Betonsilo. Dort lernte er, die kleinsten Regungen seines Peinigers zu deuten.

Viele Jahre später verschwindet wieder ein Junge. Polizisten treffen auf einen verwirrten Mann, der sagt, er sei eingeschlafen, und als er aufwachte, wären sein Sohn und seine Frau verschwunden gewesen. Die Polizei findet die Leiche der Frau. Der Sohn bleibt verschwunden, und sein Vater wird als mutmaßlicher Täter in Untersuchungshaft gesteckt.

Doch Polizeichef Rovere hat einen anderen Verdacht. Torre wird eingesetzt. Und der erkennt Parallelen zu seiner eigenen Entführung. Er glaubt, dass derselbe Täter hinter dem neuen Fall steckt. Die nach einem Bombenattentat unter der Posttraumatischen Belastungsstörung leidende und vom Dienst suspendierte Polizistin Colomba Caselli ist die einzige, die Torre glaubt.

RTS8OE7.jpg

Gebrochene Charaktere sind bei Thrillerautoren in Mode. Der geschiedene Kommissar mit Alkoholproblem gerinnt zum Klischee, und Täter mit einer bipolaren Persönlichkeit würzen Krimis. Viele Autoren scheitern bei der Schilderung psychischer Extremzustände.

Dazieri gelingt sie hingegen vorzüglich: In einer Art Prolog schildert er Torres Kindheit als Alptraum. Von dorther rührt dessen Sammelleidenschaft, die seine Wohnung wie die eines Messies aussehen lässt. Während ein Messie jedoch aus Verlustangst sammelt, versucht Torre auf diese Weise, die Welt zu begreifen, von der er sich ausgeschlossen fühlt. Sein Nervengerüst ist so zerbrechlich, dass er den Alltag kaum bewältigen kann. In nicht alltäglichen Situationen agiert er willensstark und analysiert scharfsinnig. Dazieri zeigt ihn als eine vielschichtige Persönlichkeit, die es gelernt hat, aus ihrer psychischen Schwäche eine besondere Stärke zu machen. Caselli und Torre verbindet jene Vertrautheit, die Menschen entwickeln können, die Schreckliches erlebt haben.

Das Buch ist nichts für Liebhaber oberflächlicher Action. Wer sich für die Erfahrungswelt von Traumatisierten interessiert, dem bietet Dazieri eine spannede Geschichte nahe an der Wirklichkeit. Der Autor versteht sein Handwerk. Er bringt den Leser von einer falschen Spur auf die nächste und hat eine Reihe überraschender Wendungen auf Lager. Bis kurz vor dem Finale sieht es so aus, als hätten wir es mit einem päderastischen Serienmörder zu tun. Dann weitet sich das Szenario. Es geht um Staatsräson, den Geheimdienst – und um eine Art italienischen »Mengele«. Am Ende zeigt sich: Dante Torre ist nicht Dante Torre. Die Macht seines Peinigers über Torres Unbewusstes geht weiter, als das Opfer und der Leser ahnten. Das ist ganz großes Kino.

Sandrone Dazieri: In der Finsternis. Piper Verlag, München 2015, 560 Seiten, 19,99 Euro

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Feuilleton