Aus: Ausgabe vom 03.03.2016, Seite 3 / Schwerpunkt

Pulverfass Korruption

Führender Vertreter der venezolanischen Regierungspartei ruft zum Kampf auf

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Kein Protest, aber eine bildliche Demonstration der Problematik: Wartende Menschen vor einem staatlichen Supermarkt am 22. Januar in Caracas. Auf dem Schild steht: »Letzter in der Schlange«

An der Spitze der Vereinten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) wächst die Sorge über die Schwäche des eigenen Lagers im Kampf gegen Amtsmissbrauch und Korruption. Wie die amtliche Tageszeitung Correo del Orinoco am Wochenende berichtete, forderte Roy Chaderton, früherer Botschafter in Frankreich und bei den Vereinten Nationen sowie Mitglied des Präsidiums der PSUV, alle Mitglieder seiner Partei zur Unterstützung von Staatschef Nicolás Maduro auf. Dieser hatte dazu aufgerufen, Ungesetzlichkeiten in den eigenen Reihen entschiedener zu bekämpfen. »Wir dürfen nicht zulassen, dass Banditen in den bolivarischen Prozess eindringen«, forderte Chaderton. Dazu sei es notwendig, die eigenen Fehler zu korrigieren.

Chaderton bezog sich auf bekanntgewordene Fälle von Bereicherung unter »mittleren Kadern« der PSUV und des Staatsapparates. »Wir haben nicht auf Unterstützer der Revolution aufgepasst, die auf halbem Weg zusammengebrochen sind«, sagte er. Man dürfe sich nicht nur mit denen befassen, »die schon aufgrund ihrer politischen Positionen korrupt sind«, sondern müsse auch auf diejenigen achten, die sich als Revolutionäre ausgeben. »Wir haben das Thema der Werte vernachlässigt und keine starke Kampagne gegen die Entstellung dieses Prozesses durchgeführt, aber wir haben heute ein gut vorbereitetes Volk und müssen die Mitglieder, die Kämpfer und die einfachen Menschen stärken.«

Mit Blick auf die Warenknappheit und die Schlangen vor den Geschäften sprach Chaderton von einem »Pulverfass«, das zu einer »Tragödie« führen könne, wenn das Problem nicht rechtzeitig gelöst werde. »Wir kümmern uns um viele Probleme, um uns nicht mit dieser Art von Schwierigkeiten befassen zu müssen«, übte er Selbstkritik. Die Wut der Bevölkerung über ein solches Versagen könne zu einer Explosion führen. (scha)

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