Aus: Ausgabe vom 03.03.2016, Seite 1 / Titel

Hilferuf aus Diyarbakir

Türkei: Kurdische Partei hofft auf internationalen Beistand gegen drohende Massaker. Bewohner von Cizre suchen in Trümmern nach Leichen

Von Nick Brauns
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Was bleibt, wenn Ankaras Militär und Polizei eine Stadt »säubern«: Bild aus der Stadt Cizre vom Dienstag

Die türkische Polizei hat am Mittwoch Zehntausende Demonstranten in Diyarbakir mit Wasserwerfern und Gasgranaten attackiert. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Firat hatten die Menschen sich nachmittags an mehreren Punkten in der Millionenstadt im Südosten des Landes versammelt, um zum abgeriegelten Altstadtviertel Sur zu ziehen. Dort wollten sie gegen die mittlerweile seit drei Monaten andauernde Belagerung des Stadtteils durch Polizei und Militär protestieren. Aufgerufen zu dem Marsch hatte bereits am Montag der Kovorsitzende der prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP), Selahattin Demirtas, der »alle Einwohner Diyarbakirs« aufgefordert hatte, »sich zu erheben, um die Blockade von Sur zu brechen«.

Die Staatsmacht feiert derweil die angeblichen Erfolge des von ihr verhängten Ausnahmezustands. 98 Prozent des Altstadtbezirks seien mittlerweile von Militanten der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans PKK »gesäubert«, verkündete der Gouverneur der Provinz Diyarbakir, Hüseyin Aksoy, am Dienstag. Bislang seien sieben Gräben, 204 Barrikaden und 271 Sprengfallen beseitigt worden. Die Barrikaden waren von Anwohnern errichtet worden, um zu verhindern, dass die Polizei in ihre von Volksräten verwalteten Viertel eindringt und Aktivisten verhaftet. Nachdem die Regierung im vergangenen Sommer den Friedensprozess mit der PKK abgebrochen und Luftangriffe auf die Guerilla geflogen hatte, erklärten Diyarbakir-Sur sowie zahlreiche andere von der HDP regierte Kommunen im Osten der Türkei ihre Autonomie. Inzwischen ist die Mehrzahl der Bewohner von Sur aus den permanent unter Beschuss liegenden Wohnvierteln zu Verwandten in andere Stadtteile geflohen. Doch weiterhin leisten die aus Anwohnern und der PKK-Jugendorganisation gebildeten Zivilverteidigungseinheiten YPS in sechs Nachbarschaften bewaffneten Widerstand gegen Armee, Polizei und faschistische Paramilitärs.

Zudem harren dort seit Wochen Hunderte Zivilisten in den Kellern ihrer von Artilleriebeschuss zerstörten Häuser aus. »Wir müssen ein Massaker stoppen!« appellierten die HDP-Kovorsitzenden Demirtas und Figen Yüksekdag in einem am Dienstag an den Generalsekretär der Vereinten Nationen, die EU, die OSZE und weitere internationale Institutionen geschickten Brief. Die Parlamentsabgeordneten verweisen auf die Ermordung von mindestens 178 Menschen vor drei Wochen in mehreren Kellern der ebenfalls belagerten Stadt Cizre. Dort wurde die Ausgangssperre am Mittwoch einem Bericht der Nachrichtenagentur AFP zufolge gelockert. Sie gilt jetzt nur noch nachts. Vor Kontrollpunkten bildeten sich demnach lange Menschenschlangen, in der weitgehend zerstörten Stadt suchten Bewohner unter den Trümmern ihrer Wohnungen und Geschäfte nach Leichen und verschütteten Habseligkeiten.

Um ein ähnliches Massaker in Sur zu verhindern, müssten die Ausgangssperre sofort aufgehoben, die Militärblockade beendet und die eingeschlossenen Menschen in Sicherheit gebracht werden, forderten Demirtas und Yüksekdag. Seit Wochenbeginn befinden sie sich an einer Mahnwache im Dicle-Firat-Kulturzentrum wenige hundert Meter von den umkämpften Straßenzügen entfernt. Dort sei das soziale, kulturelle und wirtschaftliche Leben zum Stillstand gekommen, täglich würden Kinder, Frauen und ältere Menschen von Sicherheitskräften schikaniert und ermordet. Der als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannte Altstadtbezirk werde durch Panzerbeschuss bis zur Unkenntlichkeit zerstört.

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