Aus: Ausgabe vom 02.03.2016, Seite 15 / Antifa

Irving not welcome

Holocaustleugner wollte an wichtigem antifaschistischen Gedenktag in den Niederlanden referieren. Das wurde verhindert

Von Gerrit Hoekman
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Das Denkmal »De Dokwerker« für die Teilnehmer des Februarstreiks 1941 während der Feierstunde mit König Willem-Alexander am 25. Februar 2016

Wer Amsterdam besucht und Interesse an proletarischer Geschichte hat, sollte unbedingt zum Jonas Daniel Meijerplein spazieren. Dort, im Zentrum der niederländischen Hauptstadt, steht die Skulptur »De Dokwerker«, ein mannshoher Hafenarbeiter aus Bronze. Der Bildhauer Mari Andriessen hat sie gegossen, um an den »Februarstreik« von 1941 zu erinnern. Zu diesem hatte die im Untergrund agierende Kommunistische Partei der Niederlande (CPN) aufgerufen. Anlass war eine Razzia im jüdischen Viertel von Amsterdam, bei der aus Rache für einen tot aufgefundenen SS-Mann 427 jüdische Männer verhaftet und ins Konzentrationslager Mauthausen verschleppt wurden.

Tausende Arbeiter waren am 25. Februar dem Aufruf der CPN gefolgt, schnell griff der Aufstand von Amsterdam auf andere Städte im Land über. Der öffentliche Verkehr ruhte, die Geschäfte schlossen ihre Türen, und auf den Werften im Hafen blieb die Arbeit liegen. Die Nazis antworteten mit brutaler Gewalt und brachen den Streik nach nur zwei Tagen. Es gab neun Tote. Jedes Jahr erinnern Antifaschisten vor dem Dokwerker schweigend an den Aufstand. Am vergangenen Donnerstag jährte sich der Gedenktag zum 75. Mal, und in Amsterdam standen um elf Uhr für eine Minute alle Busse und Straßenbahnen still, auch die Metro stoppte. Sogar König Willem-Alexander machte dem Dokwerker in diesem Jahr seine Aufwartung.

Referent ohne Raum

Für denselben Tag hatte der neonazistische britische Geschichtsklitterer David Irving einen exklusiven Kreis Gleichgesinnter zu einem klandestinen Vortrag in das Vier-Sterne-Hotel »Mercure« in Den Haag eingeladen. Thema des Referats: »Hitler, Himmler und die Homosexuellen.« Doch das »Centrum Informatie en Documentatie Israel« (CIDI) bekam am vorletzten Wochenende Wind von dem Treffen und warnte die Hoteliers in der Stadt. Wo die Veranstaltung des 78jährigen Irving stattfinden sollte, wusste die Organisation allerdings nicht. Das erfahren im Normalfall selbst mit Irving sympathisierende Zuhörer erst kurz vorher. Glücklicherweise erreichte die Warnung auch die Mitarbeiter des Mercure-Hotels, die den Namen David Irving auf ihrer Gästeliste fanden. Umgehend kündigte die Direktion die reservierte Suite.

Einen Tag vorher hatten Aktivisten im belgischen Antwerpen bereits eine seiner Lesungen verhindert. Dutzende Demonstranten besetzten auf den letzten Drücker die Lobby des Tulip-Inn-Hotels, wie die Onlineausgabe der belgischen Monatszeitung Joods Actueel am Donnerstag berichtete. Daraufhin sagte das Hotel die Veranstaltung, die in einem Konferenzraum stattfinden sollte, aus Sicherheitsgründen zehn Minuten vor Beginn ab. Irving und seine Jünger waren da bereits eingetrudelt und trafen in der Lobby auf die Gegendemonstranten. Es wurde ein wenig gerangelt, dann zogen sich die Freunde des Möchtegernhistorikers aus Schottland zurück.

»Verschwörung!«

Seit Jahrzehnten verbreitet Irving in seinen Büchern krude Thesen über das »Dritte Reich«. So leugnete er jahrelang Ausmaß und Absicht des Holocaust. Eine gewollte Vernichtung der Juden habe es nicht gegeben. In Österreich wurde er Anfang 2006 als »gefährlicher Geschichtsfälscher« und wegen Beleidigung von Holocaustüberlebenden zu einer Haftstrafe verurteilt und saß 13 Monate im Gefängnis.

Für die Aktionen gegen seine Vorträge in Den Haag und Antwerpen macht der Schotte eine Weltverschwörung jüdischer Organisationen und des israelischen Geheimdienstes Mossad verantwortlich. »Die jüdische Gemeinschaft oder das internationale Judentum will immer die Zügel in der Hand behalten. Sie mögen keine Menschen, die sie nicht kontrollieren«, schwadronierte er in einem Interview mit der niederländischen Nachrichtenseite The Post Online. Er könne sich gut vorstellen, dass der Mossad seine E-Mails lese und den jüdischen Vereinen vor Ort einen Tip gebe, wo er jeweils absteige.

Trostpreis Wolfsschanze

Inzwischen befindet sich Irving offenbar wieder in England, um dort seine Vortragstour fortzusetzen. Ewiggestrige, die wegen der ungünstigen Umstände in Den Haag und Antwerpen auf das Referat des Pseudohistorikers verzichten mussten, können ihn im Sommer auf eine Studienreise begleiten. Eine Woche für etwas mehr als 2.000 Euro. Hitlers Wolfsschanze liegt ebenso auf der Reiseroute wie Himmlers Hauptquartier und das Vernichtungslager Treblinka – »ein idyllischer, in einem Wald gelegener Ort«, wie es in der Urlaubsbroschüre auf Irvings Homepage heißt.

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