Aus: Ausgabe vom 02.03.2016, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Klassengesellschaft

Von Werner Seppmann
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Wer zu sehen gelernt hat, wird die Existenz der Klassengesellschaft schwerlich leugnen können. Ein Blick auf Panama City

Lange war das Wort tabuisiert – aber mittlerweile ist die klassengesellschaftliche Realität wieder ein Thema geworden: Selbst auf Soziologentagen darf, wie ironisch bemerkt wurde, mittlerweile über sie geredet werden. Zufall ist das nicht, denn eine eklatante Widerspruchsentwicklung, deren sichtbarste Ausdrucksformen die Verfestigung von Armut und die Zählebigkeit prekärer Beschäftigungsverhältnisse sind (in denen mittlerweile in der BRD 25 Prozent aller Lohnabhängigen feststecken), hat zu einem Aufmerksamkeitsschub für die »soziale Frage« geführt.

In vielen gesellschaftlichen Bereichen sind Spaltungstendenzen und eklatante Benachteiligungen unübersehbar geworden. Es hat sie zwar auch zu den »Wirtschaftswunderzeiten« gegeben, aber nun sind sie so offensichtlich geworden (weil beispielsweise in einem der reichsten Länder der Welt jedes sechste Kind in Armutsverhältnissen aufwächst), dass kaum noch darüber geschwiegen werden kann.

Die empirischen Daten vermitteln ein klares Bild darüber, dass von den Gefahren des sozialen Absturzes und der Ausgrenzung im besonderen Maße die Lohnabhängigen betroffen sind. Dies ist jedoch nur ein weiteres Indiz dafür, in welch elementarer Weise die Lebensgestaltung von der Klassenlage geprägt wird. Welche berufliche Position jemand einnimmt, wie sicher sein Arbeitsplatz ist, wie und wo er wohnt, welche Lebenschancen er hat, wie seine gesundheitliche Verfassung ist, wie kurz oder lang er lebt (die durchschnittliche Lebenserwartung von Bewohnern der unteren und oberen Etagen des Gesellschaftsbaus differieren um mehr als zehn Jahre!), steht ebenso in einer Abhängigkeitsbeziehung zu seiner Soziallage wie die kulturellen Partizipationsmöglichkeiten. Der Anteil der Arbeiterkinder an den Universitäten ist heute in etwa so niedrig wie in den 60er Jahren, als das immerhin noch als Skandal empfunden wurde.

Eine starre Klassenstrukturierung, bedeutet auch, dass wer oben ist, mehr vom Leben hat als die Menschen mit niedrigem Sozialstatus. Und strukturell wird abgesichert, dass sich dies nicht verändert: Wer unten ist, bleibt unten, und wer oben ist, oben. Es gibt zwar soziale »Aufstiegsbewegungen«, jedoch haben sie meist nur einen begrenzten Effekt: »Soziale Mobilität« beschränkt sich vorrangig auf Positionsverschiebungen innerhalb benachbarter Sozialsegmente. In gesellschaftliche Spitzenpositionen steigt in der Regel nur auf, wer aus »gutem Hause« kommt und dessen Vater auch schon zur ökonomischen Elite gehörte.

So aufschlussreich die Tatsachen über die Konstanz sozialer Benachteiligungen auf der einen und strukturelle Privilegierungen auf der anderen Seite auch sind, so repräsentieren sie jedoch nicht den Kern der Klassenfrage. Es geht bei den Klassendifferenzen zwar auch um Fragen der Verteilungsgerechtigkeit jedoch nur am Rande: Bei den Einkommensunterschieden und den voneinander abweichenden Konsummöglichkeiten handelt sich um Erscheinungsformen der Klassenspaltung, denn die »tatsächlichen sozialen Ausdrucksformen des Klassenantagonismus [wohnen] … den Produktionsverhältnissen« (Lenin) und den mit ihnen vermittelten Ausbeutungsstrukturen inne.

Die Ungleichheitsrelationen und Benachteiligungen sind bloße Symptome des grundsätzlichen Aspektes, dass mit Hilfe der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel und der Kontrolle über das Finanzsystem Herrschaft ausgeübt wird: Es werden Arbeitsplätze eingerichtet oder abgebaut und damit die Existenzbedingungen für eine Bevölkerungsmehrheit beeinflusst. Durch die Gestaltungsmacht des Kapitals werden für ganze Regionen und Länder Entwicklungsperspektiven geschaffen – oder auch zerstört. In ihrem Kern bedeutet bürgerliche Klassenherrschaft, das gesellschaftliche Geschehen den Prinzipien der Kapitalverwertung zu unterwerfen.

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