Aus: Ausgabe vom 02.03.2016, Seite 12 / Thema

Heimatlos daheim

Vorabdruck. Paul Levi war Mitglied der SPD, dann Vorsitzender der KPD, später in der USPD und schließlich wieder in der SPD. Jetzt erscheint eine Gesamtausgabe seiner Schriften

Von Jörn Schütrumpf
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Paul Levi (4. v. l.) auf dem zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale in Moskau im Juli 1920. Es war die Zeit der Suche nach dem richtigen Weg für eine Umwälzung der kapitalistischen Verhältnisse

Paul Levi gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zum linken Flügel in der SPD. Er gründete mit Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und anderen die KPD und war nach Leo Jogiches Ermordung im Untersuchungsgefängnis deren Vorsitzender. Im April 1921 wurde er ausgeschlossen. Levi wechselte zur USPD, deren übriggebliebene Mitglieder sich 1922 mit der im bürgerlichen Lager angekommenen SPD wiedervereinigten. Anfang 1923 gründet der Jurist aus gutem Hause das Korrespondenzblatt Sozialistische Politik und Wirtschaft (SWP).

Der Dietz-Verlag Berlin veröffentlicht im Laufe der nächsten Jahre in zwei Büchern mit je drei Bänden Schriften, Reden und Briefe Levis von 1914 bis zu seinem Tod 1930. Zuerst erscheinen in diesen Tagen die Bände II/1 und II/2 mit seinen Artikeln aus der SWP. jW bringt daraus einen Auszug aus der Einführung in das Leben des Politikers Levi durch den Verleger und Herausgeber dieser Schriften, Jörn Schütrumpf. (jW)

Warum dieser Kampf, den Paul Levi im Geiste Rosa Luxemburgs seit Ende 1922 am linken Rande der Sozialdemokratie führte? (Er – früher ihr Anwalt – und sie hatten einst eine stürmische Affäre und waren in der Revolution 1918 rund um die Uhr zusammen.) Ohne ernsthafte Aussicht auf Erfolg ein-, zwei-, dreimal wöchentlich ein, zwei, drei Texte in einem Winkelblatt zu veröffentlichen. Denn nichts anderes war schließlich (ab 1923, jW) seine Korrespondenz Sozialistische Politik und Wirtschaft. Wozu das alles? Zumal der Mann fast vierzig war …

Niemandem wäre es aufgefallen, wenn sich nach seinem Bruch mit den Bolschewiki der erste offizielle Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands – und Beinahevorsitzende der Kommunistischen Internationale – ins bürgerliche Leben zurückgezogen hätte. Das tat nach ihm manch anderer auch, zumal Levi als Anwalt und ab 1925 als Notar der »Arbeiterbank« anders als die meisten seiner ehemaligen Mitgenossen über hinreichende Einnahmen verfügte. Seine Intimfeindin Ruth Fischer (gehörte wie Levi für kurze Zeit dem KPD-Vorstand an, jW) musste nach ihrer Verstoßung aus der Kommunistischen Internationale 1926 froh sein, in Berlin-Prenzlauer Berg als Sozialarbeiterin ihr Geld verdienen zu dürfen. Immer, wenn Levi Deutschland nicht ertrug, stieg er in seinen »Studebaker«, eine amerikanische Edellimousine, um im rätoromanischen Engadin Ski zu fahren oder in Italiens Kulturorten zu sich zu finden. In den frühen Jahren des italienischen Faschismus war das ausländischen Linken noch ebenso möglich wie selbstverständlich.

Auch ohne Reichstagsmandat für die SPD hätte ihn Hugo Simon, der linkeste Bankier, den Deutschland je in seinen Grenzen wirken sah, in seinen Salon in Berlin-Tiergarten und am Wochenende auf sein Mustergut in Seelow eingeladen. So viele Männer mit Esprit gab es selbst im Berlin der Weimarer Republik nicht. In den Erinnerungen der Künstlerin und Ordensschwester Tisa von der Schulenburg: »Bei Hugo Simon trafen sich wöchentlich Politiker, Künstler, Wissenschaftler, Gelehrte. Der preußische Ministerpräsident Braun, der Berliner Oberbürgermeister Böß, Scheidemann, Heilmann, Breitscheid, Paul Levi … Fast alle namhaften Schriftsteller dieser Zeit gehörten zu diesem Kreis: Brecht, Remarque, die beiden Zweigs, Döblin, Wassermann, Heinrich Mann, Ringelnatz, Max Herrmann-Neiße, Annette Kolb, Else Lasker-Schüler, Zuckmayer … Paul Levi war eine auffallende Persönlichkeit. […] Im Ersten Weltkrieg war er, der junge Jurist, in der Schweiz gewesen. Dort hatte er Lenin und Trotzki kennengelernt. [...] Er war mit der Partei in Konflikt geraten, als sie moskauhörig wurde. Sie hatten ihn ausgeschlossen. Damit hatte die extreme Linke einen ihrer fähigsten Köpfe verloren. Levi war zum linken Flügel der SPD übergetreten. Aber auch Paul Levi war 1926 kein Barrikadenkämpfer mehr. Ein Kenner guter Weine, ein Sammler schönen Porzellans, geistreich, witzig, beschlagen.«

Was Rosa Luxemburg (im Gefängnis zur Kontemplation, jW) Kohlmeisen gewesen, waren Paul Levi antike Vasen: Sie standen ihm näher als die Genossen. Eine Distanz, die der ohnehin als verkappter Kommunist Beargwöhnte nicht verbarg, und die zu entsprechenden Reaktionen führte. Bei einer Sitzung der SPD-Reichstagsfraktion wurde er (1929, jW) mit der Bemerkung empfangen: »Sie haben zwei Parteien zerstört (KPD und USPD, jW), lassen Sie die dritte in Ordnung.« Was hielt diesen Mann in solch einer Nichtheimat?

Aufspaltung der Sozialdemokratie

Mit der Rückkehr zur SPD im November 1922 von fast allen Teilen der USPD, die sich Ende 1920 nicht mit der damals von Levi geführten KPD vereinigt hatten – also mit der Wiederherstellung eines linken Flügels innerhalb der SPD –, endete nach acht Jahren Levis Spartakus-Phase. Ursprünglich hatten Rosa Luxemburg, Leo Jogiches, Karl Liebknecht und Levi die SPD als ihren Kampfboden betrachtet; jeglichen Abspaltungsbestrebungen trat vor allem Rosa Luxemburg entgegen: »So löblich und begreiflich die Ungeduld und der bittere Groll sind, aus denen heraus sich heute die Flucht vieler der besten Elemente aus der Partei ergibt: Flucht bleibt Flucht, uns ist sie ein Verrat an den Massen, die in der würgenden Schlinge der Scheidemann und Legien, der Bourgeoisie auf Gnade und Ungnade preisgegeben, zappeln und ersticken. Aus kleinen Sekten und Konventikeln kann man ›austreten‹, wenn sie einem nicht mehr passen, um neue Sekten und Konventikel zu gründen. Es ist nichts als unreife Phantasie, die gesamte Masse der Proletarier aus diesem schwersten und gefährlichsten Joch der Bourgeoisie durch einfachen ›Austritt‹ befreien zu wollen und ihr auf diesem Wege mit tapferem Beispiel voranzugehen. Das Hinwerfen des Mitgliedsbuchs als Befreiungsillusion ist nur die auf den Kopf gestellte Verhimmelung des Mitgliedsbuchs als Machtillusion, beides nur die verschiedenen Pole des Organisationskretinismus, dieser konstitutionellen Krankheit der alten deutschen Sozialdemokratie. Der Zerfall der deutschen Sozialdemokratie ist ein geschichtlicher Prozess größter Dimensionen, eine Generalauseinandersetzung zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie, und von diesem Schlachtfeld drückt man sich nicht vor Ekel auf die Seite, um im Winkel unter dem Busch reinere Luft zu atmen. Diesen Riesenkampf gilt es auszufechten bis zum Äußersten. An der tödlichen Schlinge der offiziellen deutschen Sozialdemokratie und der offiziellen freien Gewerkschaften, die die herrschende Klasse um den Hals der verirrten und verratenen Massen gelegt hat, gilt es zu zerren mit vereinten Kräften, bis sie zerreißt, und den betörten Massen gilt es in diesem schwersten Kampfe um ihre Befreiung beizustehen, sie treu mit der Brust zu verteidigen. Die Liquidierung des ›Haufens organisierter Verwesung‹, der sich heute deutsche Sozialdemokratie nennt, ist nicht als Privatangelegenheit in den Entschluss einzelner oder vereinzelter Gruppen gegeben. Sie wird sich als unvermeidlicher Nachtrag dem Weltkriege anschließen und muss als große öffentliche Machtfrage unter Aufbietung aller Kräfte ausgefochten werden. Die entscheidenden Würfel des Klassenkampfes in Deutschland werden für Jahrzehnte in dieser Generalauseinandersetzung mit den Instanzen der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften fallen, und da gilt für jeden von uns bis zum letzten: ›Hier steh’ ich, ich kann nicht anders!‹«

Die Formierung einer zweiten Arbeiterpartei, der USPD, (im April 1917, jW) war keineswegs das Ziel der Spartakusgruppe (um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, der auch Levi angehörte, jW) gewesen. Ihre Führer hatten sich auch an nichts beteiligt, das dem diente, mussten aber, als es geschehen war, die neue Partei akzeptieren, wohl wissend, dass sich dadurch ihre Möglichkeiten, unter den politisierten Arbeitern Anhänger für ihre Positionen zu gewinnen, weiter verengten. Die Gründung einer dritten Partei, der KPD, neben SPD und USPD Ende 1918 mitten in der schon rückläufigen Revolution hatten Rosa Luxemburg, Leo Jogiches, Karl Liebknecht und Levi nicht aus freien Stücken betrieben; letztlich waren sie durch Karl Radek (Sekretär für Deutschland im Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale, jW) und seine verbündeten um Paul Frölich (von den »Bremer Linksradikalen«, jW) in eine Lage gedrängt worden, die ihnen kaum etwas anderes gestattete.

Nach der Ermordung von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Leo Jogiches übernahm Levi die KPD, eine Sekte, auf die sich allerdings aller Staatsterror konzentrierte und die zu verlassen er sich deshalb als Verrat angerechnet hätte. In und nach der Novemberrevolution erlebte er zudem innerhalb der Arbeiterschaft eine geradezu schub­artige Politisierung, die in zwei Richtungen verlief: in eine reformorientierte, durch die vor allem die Gewerkschaften einen bis dahin nicht gekannten Zulauf erlebten, und in eine aktivistische. Nicht zuletzt deshalb stellte Levi die These von der Notwendigkeit einer sozialrevolutionären Partei auf, die jenen Teil der Arbeiterschaft, der nicht der sozialreformistischen SPD zuneigte, organisieren sollte. Um dieses Ziel zu erreichen, versuchte er, den antiparlamentarischen, antigewerkschaftlichen und putschistischen Kräften den Boden zu entziehen, indem er die KPD spaltete und zugleich die Vereinigung mit der sich radikalisierenden USPD betrieb. Politisch vernünftiger wäre ein Anschluss der kleinen KPD an die 800.000 Mitglieder zählende USPD gewesen; das war aber weder in der KPD noch in Moskau politisch durchsetzbar.

Letzten Endes entstand im April 1920 »links« von der KPD eine sehr große Partei, die KAPD, die allerdings schneller zerfiel, als sie aufgestiegen war, während nach der Vereinigung der linken USPD mit Levis KPD im Dezember 1920 eine nicht lebensfähige Rumpf-USPD übrigblieb, zu der Levi Anfang 1922 – ein Jahr nach seinem Ausschluss aus der KPD – stieß und mit der er im November 1922 in die SPD zurückkehrte. Damit war er wieder an dem Punkt, an dem er mit Rosa Luxemburg und Leo Jogiches vor der Formierung der USPD im April 1917 gestanden hatte. Allerdings vor einer tiefgreifend gewandelten Szenerie: nach einer Revolution und Tausenden, zumindest mit Duldung einflussreicher SPD-Führer, hingemordeten Arbeitern.

Zum Jahresende 1922 stellte Levi die seit Mai 1921 von ihm herausgegebene Zeitschrift Unser Weg (ursprünglich Sowjet, erst Wien, dann Berlin) ein, war sich aber bewusst, dass der neuen, zweifellos sehr heterogen und nicht geschlossen auftretenden SPD-Linken jene Minderheitenrechte verweigert würden, die in der Vorkriegs-SPD lange Zeit alle Flügel besessen hatten. Selbst vor der erzwungenen Abspaltung der (Sozialistischen Arbeiterpartei, jW) SAP 1931 war nie ein Linker Mitglied des SPD-Parteivorstands. Das geschah erst am 26. April 1933, als die Reichskonferenz der SPD Franz Künstler in den Vorstand wählte.

Krach mit der SPD-Führung

Zudem hatte die Linke, von einigen Ausnahmen wie dem Sächsischen Volksblatt in Zwickau und der Volksstimme in Frankfurt am Main abgesehen, lediglich Zugang zu ehemaligen USPD-Blättern – soweit sie weitergeführt wurden. Die wichtigsten Blätter, in denen in der USPD die Linke zu Wort kommen konnte, waren die Leipziger Volkszeitung, die Dresdner Volkszeitung, die Chemnitzer Volksstimme, die Volkszeitung für das Vogtland in Plauen, Das Volk in Jena, der Volksbote in Zeitz sowie die Ostthüringer Tribüne in Gera. Das Zentralorgan, der Vorwärts, blieb unter Friedrich Stampfer, der die Zeitung 1917 auf Kriegskurs gebracht hatte, auch nach der Vereinigung mit der USPD ein Blatt der SPD-Mehrheit. Nur selten durften dort Linke schreiben, manchmal auch Levi.

Deshalb bereitete Levi zeitgleich zur Einstellung seiner Zeitschrift Unser Weg zum Ende 1922 seine eigene Korrespondenz vor: Sozialistische Politik und Wirtschaft (SPW), mit der Parteizeitungen sowohl mit Texten als auch mit Informationen versorgt werden sollten. Die erste Ausgabe erschien am 15. Februar 1923. Viel Erfolg hatte diese Pressekorrespondenz nicht. Fast ausschließlich in Sachsen und Thüringen verwerteten die Redaktionen die SPW. Allerdings: Mit der Korrespondenz gelang etwas, das gar nicht intendiert war – sie wurde als eigenständige Zeitschrift wahrgenommen. Die schnell wachsende Zahl von Gruppen- und Einzelbeziehern ließ Levi noch im August 1923 – mitten in der galoppierenden Inflation – von einem (schlecht, manchmal gar nicht lesbaren) hektographierten zu einem gedruckten Blatt übergehen. Viele Zeitschriften verfuhren in jenen Tagen gerade umgekehrt.

In letzter Konsequenz verlief der Dissens zwischen Levi und dem SPD-Parteivorstand an der Bruchkante Revolution–Konterrevolution und brach, wenig überraschend, zuerst an den Fragen »Regierungskoalition oder Opposition?« sowie »Parteiopposition und Minderheitenrechte oder Unterwerfung?« auf. Wenngleich Levi mit dem ihm eigenen Machismus über das Privatleben von Ferdinand Lassalle spottete, hielt er an dessen politischem Vermächtnis fest. Der hatte die Arbeiterbewegung aus dem Schlepptau der bürgerlichen Politik befreit und in eine eigenständige – oppositionelle – politische Kraft verwandelt, die Politik als Klassenkampf zur Befreiung von jeglicher Ausbeutung und Unterdrückung verstand. Die SPD-Reichstagsfraktion hatte am 4. August 1914 diese Befreiung aus der bürgerlichen Vormundschaft – ohne Not – rückgängig gemacht, ausgerechnet in einer Frage, bei der es um Leben und Tod von Millionen ging.

Auch wenn Levi Koalitionen nicht rundherum ablehnte, machte er immer wieder auf die Gefahren für die Sozialdemokratie und überhaupt für die Arbeiterbewegung aufmerksam. Als im Sommer 1923, kurz vor dem Sturz der Regierung von Reichskanzler Wilhelm Cuno (der HAPAG-Direktor bildete zwischen November 1922 und August 1923 mit »Fachleuten« ein Kabinett, jW), der SPD-Parteivorstand Anstalten machte, abermals auf eine Koalitionsregierung Kurs zu nehmen, schrieb er: »In dieser Situation weiß nun der Vorsitzende der Partei ein Rezept: Fällt die Regierung Cuno, so müssen wir in die neue Regierung eintreten. Man muss dem Vorschlag wenigstens das eine lassen: Er baut gradlinig den ›Erfolg‹ aus, den die Politik der letzten sechs Monate der Partei gebracht hat, und wird vollenden, was zu vollenden noch übrigbleibt. Was ist denn der Grundgedanke der Koalitionspolitik? Es ist der Gedanke, ein Minus an politischer Macht durch parlamentarische Bindung auszugleichen. Was ist der Grundfehler der Koalitionspolitik? Dass sie dieses Minus als eine unveränderliche Tatsache hinnimmt und also darauf verzichtet, sie durch Steigerung unseres politischen Einflusses in den Massen, durch klare, entschiedene, oppositionelle proletarische Politik zu beheben. Wer kann heute leugnen, wenn er auf die Kommunisten samt ihren Fehlern sieht, dass, wenn wir in den vergangenen sechs Monaten überhaupt Politik und gar proletarische betrieben hätten, uns ein Minus an politischer Macht kein Kopfzerbrechen mehr machen würde und wir uns auch nicht zu überlegen bräuchten, wie wir diese Steigerung parlamentarisch könnten auswirken lassen? Nun hat uns unsere Unpolitik nicht nur nicht diese Steigerung, sondern eine mindestens ebenso große Schwächung unseres Einflusses auf die breiten Massen gebracht. Und in dieser Situation wird nun der Eintritt in eine Koalition empfohlen. Zunächst eine Frage: Was kann unsere Partei den Bürgerlichen bieten? Mag man optimistisch oder pessimistisch urteilen: So groß wie 1918 ist der Einfluss der Sozialdemokratischen Partei heute nicht mehr, und das, was die Bürgerlichen allein verlocken könnte, jetzt die Koalition mit den Sozialdemokraten einzugehen – eine Wiederholung der damals mehrheitssozialdemokratischen Politik von 1918/19 –, das ist heute einfach nicht mehr möglich, aus Gründen, deren Erörterung vorderhand unnötig ist. Was also kann die Bürgerlichen reizen? Einfach das, was man im Französischen mit den Worten bezeichnet: avilir, puis démolir. Erst erniedrigen, dann zerstören, erst in das Lotterbett dieser Koalition zwingen und dann die Trümmer auf den Haufen werfen: nicht nur die Trümmer der Partei, sondern vor allem – darauf kommt es ihnen auch noch an – der Gewerkschaften.«

Doch Levi etablierte im Frühling und Sommer 1923 nicht nur die Zeitschrift – er begriff die sozialdemokratische Partei in jeder Hinsicht als seinen Kampfboden: Er war ständig im Reich unterwegs und folgte allen Einladungen. Zwischen April und August sagte er Vorträge in (zahlreichen Städten des Landes, jW) zu. Stets warnte er die sozialdemokratische Basis vor den Folgen einer großen Koalition mit der (nationalliberalen, jW) Deutschen Volkspartei. Der einzige Effekt, den Levi erzielte, war, dass sich der Parteivorstand entschloss, den Dauerredner loszuwerden. Angegriffen wurde aber Levis Zeitschrift SPW – verklärt zum Medium einer angeblich regelwidrig organisierten Opposition.

Korrespondenzen und Zeitschriften, von denen in der Sozialdemokratie eine ganze Reihe betrieben wurden, gehörten traditionell zum Parteileben; zwischen 1923 und 1927 war die SPW jedoch die einzige Korrespondenz, die als Stimme der Linken anzusehen war. Ihr Erfolg, betrieben von einem Redakteur, bestand letztlich aber nur in ihrem Überleben; mehr war es nie. Doch selbst das war dem SPD-Parteivorstand zuviel, wobei ihm das Blatt nur als Vorwand diente. Gefährlich war dessen Herausgeber. Um das Vorgehen gegen Levi zu koordinieren, ließ der Vorstand am 27. November 1923 den SPD-Parteiausschuss tagen, ohne zu vergessen, dafür zu sorgen, dass über diese Sitzung nur eine inhaltslose Meldung an die Öffentlichkeit drang. Am 11. Dezember machte Levi unerwartet Skandal: »Der Parteivorstand ist aufgefordert worden, den Berliner Funktionären das Material über eine angeblich bestehende organisierte Opposition zu unterbreiten. Bisher ist der Parteivorstand dieser Forderung des Berliner Bezirksvorstandes nicht nachgekommen.«

Dass Levi es wagen würde, das – regelwidrige – Vorgehen des Vorstands nicht auf sich beruhen zu lassen, hatte dort niemand erwartet; nun blieb nur noch die Flucht nach vorn. Es wurde eine Broschüre in die Welt gegeben, nach der der SPD-Kovorsitzende Otto Wels vor dem Parteiausschuss gesagt haben soll: »Die Opposition besitzt auch ihr eigenes Organ. Es ist die von Levi herausgegebene Korrespondenz, die zuerst als Zeitungskorrespondenz in Vervielfältigungen hergestellt wurde und zum Versand kam. Kurz nachdem die ersten Nummern versandt waren, wurde dem Parteivorstand mitgeteilt, dass diese Korrespondenz nicht nur an Zeitungsredaktionen verschickt, sondern auch Parteibureaus usw. zugängig gemacht würde. Dadurch veranlasst, erfolgte eine Aussprache zwischen Wels und Levi, in der Wels erklärte, dass gegen eine Zeitungskorrespondenz an sich von der Partei nichts eingewendet werden könne, dass die Sache aber ein anderes Gesicht bekäme, wenn sie durch Versendung in einem über den Kreis der Redaktionen hinausgehenden Umfang, also auch an Organisationen und Organisationsvertreter, den Charakter einer besonderen Parteikorrespondenz erhalten würde. Die Partei müsse daraus bestimmte Schlussfolgerungen ziehen; sie könnte demgegenüber nicht untätig bleiben.«

Da sich Levi, »Komintern-gestählt«, nicht auf eine Schlammschlacht einließ – »So wenig wie der ›P[artei-]V[orstands-]D[ienst]‹ wird der P[artei-]V[orstand] uns veranlassen, auf seinem Niveau mit ihm zu fechten« – und zugleich, unwidersprochen, das angebliche Schlüsseldokument, den Brief vom 22. Oktober 1923, als Fälschung eines Spitzels desavouierte, lief der angriff des Vorstands ins Leere, doch wusste der Ausschlussgeschädigte nun, dass auch dieser Vorstand »nicht untätig bleiben« würde …

Paul Levi: Gesammelte Schriften, Reden und Briefe. Band II/1 und Band II/2: Ohne einen Tropfen Lakaienblut. Sozialdemokratie, Sozialistische Politik und Wirtschaft. Dietz Verlag, Berlin 2016, zusammen 1.400 Seiten, je Band 49,90 Euro – bei Abnahme der Gesamtausgabe kosten diese Bände je 39,90 Euro

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