Aus: Ausgabe vom 02.03.2016, Seite 11 / Feuilleton

Akten, Zeitungen, Altpapier

»Spotlight« wird hochverdient als erste Oscar-Gewinnerfilm über tote Archivratten in die Geschichte eingehen

Von Peer Schmitt
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Es ist nicht einfach, einen Spielfilm über Aktenordner zu machen

Boston 1976. Ein Priester befindet sich wegen Verdachts auf Kindesmissbrauch in Polizeigewahrsam. Staatsanwalt und Bischof kommen vorbei, sorgen für Ruhe und Ordnung und steigen danach in die sprichwörtliche schwarze Limousine. Soweit die Auftaktszene von »Spotlight«.

Man hätte sich also gleich denken können, dass es sich um einen flächendeckenden Skandal handelt. Gab es doch seit Jahrzehnten Therapieeinrichtungen für die betroffenen sechs Prozent der Priesterschaft (wie es an einer Stelle im Film heißt) sowie auf deren Verteidigung spezialisierte Anwälte. Sehr lange ging alles weitgehend unbeachtet seinen Gang, bis sich im Jahr 2001 vier Journalisten vom Boston Globe, angeführt von Walter Robinson (Michael Keaton), ernsthaft an die Arbeit machten.

Lustigerweise spielte Regisseur Tom McCarthy in der fünften Staffel der TV-Serie »The Wire« deren nüchtern realistische Ästhetik auch für »Spotlight« sicher ein Vorbild ist, selbst einen korrumpierten Journalisten.

Als Genrefigur ist »der Journalist« ja häufig genug entweder grotesk korrupt (das war schon bei Balzac nicht anders) oder so nah dran an den großen Verschwörungen, dass er selbst schon fast zum Geheimagenten wird (besonders in Alan J. Pakulas Filmen aus den mittleren 70ern: »Zeuge einer Verschwörung« und »Die Unbestechlichen«).

In »Spotlight« kommt das Berufsbild weitaus bodenständiger daher. Der Journalist ist jemand, der hauptsächlich Kaffee trinkt, sich Notizen macht (handschriftlich) und irgendwelchen Leuten und Akten (sogenannten Quellen) hinterherläuft. Noch (2001) gibt es keine Smartphones und Notebooks, dafür liegen auch wirklich in jeder vorstellbaren Kruschecke noch Berge von Papier herum. Akten, Zeitungen, Altpapier. Außerdem hat der Journalist immer wenig Zeit, so viele Stunden verbringt er in Fluren und Treppenhäusern, Büros und Archiven – Presse-, Gerichts- und Kirchenarchiven.

Die Zeit, sie spielt eine zentrale Rolle in »Spotlight«. Zum einen in der Form der Dauer, in der etwas geschieht, ohne größere Aufmerksamkeit zu erwecken. Wiederholt werden die fleißig recherchierenden Boston Globe-Reporter gefragt, warum sie denn eine so lange Leitung hatten, die Hinweise waren doch jahrzehntelang überdeutlich, man hatte ihnen alle Papiere längst zukommen lassen usw. Es musste erst ein neuer Chefredakteur (Liev Schreiber) in die Stadt kommen, aus dem alten Trott ein wenig auszubrechen und sich mit den vielen grauen Eminenzen, selbst dem Bischof persönlich, anzulegen.

Zeit, zum anderen als »Kairos«, als günstiger Zeitpunkt. Sobald alle Quellen gesichert sind, gilt es, zwischen Eile (die Konkurrenz ist ja auch nicht völlig auf den Kopf gefallen) und Geduld abzuwägen: Wann ist der Coup zu lancieren? Zu Neujahr kann der Leser den antiklerikalen Schock besser verkraften als zu Weihnachten.

Im Rahmen dieser beiden Formen der Zeit verfolgt der Film sein Ziel, nüchtern, sachlich, grundsolide. Niemand wird verteufelt oder übermäßig heroisiert. Es gibt keine überraschenden melodramatischen Wendungen und kein abenteuerlich verschwörerisches Abdriften. Vor allem aber – und das ist dem Film gar nicht hoch genug anzurechnen – nicht eine einzige verfängliche Szene, in der der verhandelte Tatbestand konkret gezeigt würde.

Nicht pädophile Priester sind das Thema, sondern die Arbeit in der Rechercheabteilung einer Zeitungsredaktion, und »Spotlight« ist dementsprechend weniger das Rampenlicht als der interne Name eben dieser Abteilung.

Im Laufe der Recherchen kommt es zu einer Reihe von Interviews mit inzwischen erwachsenen Opfern, deren Namen – im übertragenen wie im buchstäblichen Sinne - etwas näher beleuchtet werden (ihre Selbsthilfeorganisation nennt sich nicht umsonst »Survivors«). Das muss an Indiskretion genügen.

Mit seiner diskreten Professionalität ist dieser Film dann ungefähr so aufregend wie eine tote Ratte in der Ecke eines Archivkellers (um einen der Scherze, die in ihm vorkommen, mal gegen ihn zu verwenden). Dennoch ist er am Sonntag abend mit dem Oscar für den besten Spielfilm ausgezeichnet worden. Dies ist vielleicht Zeichen einer Sehnsucht nach Solidität, der Stabilität von Genres, mit denen man noch realistisch professionell arbeiten kann.

Es ist nicht einfach, einen Spielfilm letztlich über Aktenordner zu machen. Genau das ist in diesem Fall gelungen. »Spotlight« wird hochverdient als erster Oscar-Gewinnerfilm über tote Archivratten in die Geschichte eingehen.

Hinter der Sehnsucht nach Solidität versteckt sich wohl auch die nicht unberechtigte Sorge, dass nicht nur der Printjournalismus, sondern auch das herkömmliche narrative Kino vom Aussterben bedroht ist. Der echte Walter Robinson jedenfalls, inzwischen Publizistikprofessor, wird in Interviews mit seiner Überzeugung zitiert, dass es in nur fünf Jahren wahrscheinlich gar keine gedruckten Zeitungen mehr geben wird. Wie gesagt, alles nur eine Frage der Zeit.

»Spotlight«, Regie: Tom McCarthy, USA/Kanada 2015, 128 min, bereits angelaufen

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