Aus: Ausgabe vom 02.03.2016, Seite 8 / Inland

»Es gab eine Häufung rassistischer Auswüchse«

Chemnitz reagiert mit Friedensfest auf rechte Provokation. Miteinander steht im Mittelpunkt. Gespräch mit Sabine Kühnrich

Interview: Markus Bernhardt
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Am 5. März 1945 wurde Chemnitz durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg bombardiert. Deshalb veranstalten Sie auch in diesem Jahr einen »Chemnitzer Friedenstag«. Was ist dessen Ziel?

Seit 2002 gestaltet eine Arbeitsgruppe diesen Jahrestag als »Chemnitzer Friedenstag«, an dem das Weiterdenken über die Gegenwart im Vordergrund steht, ohne die Vergangenheit zu vergessen. Die Intention ist, den 5. März dem Frieden zu widmen. Frieden ist ein äußerst fragiler Zustand. Kriege nehmen den Menschen nicht nur alle materiellen Voraussetzungen des Lebens, sondern auch ihre Würde. Wie nicht erst seit dem vergangenen Jahr anschaulich zu erfahren ist, ist auch der innere Frieden in Deutschland in hohem Maße gefährdet. Sogar der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich, CDU, hat auf der Sondersitzung des Landtags am Montag eingeräumt, dass das Bundesland ein Problem mit Rechtsextremismus hat, das größer ist, als er es wahrhaben wollte. Aber wenn jemand etwas nicht wahrhaben will, heißt das ja nicht, dass es nicht wahrnehmbar gewesen wäre. Und genau darum geht es doch bei jedem Engagement für eine friedliche Gesellschaft, um Wahrnehmung der zerstörerischen Phänomene: Rassismus, Hass, Gewalt. Es kommt darauf an, dem Aktivitäten entgegenzusetzen – und da sind die Ansätze in unserer Stadt vielfältig und bunt.

Im Rahmen des »Chemnitzer Friedenstages« versuchten Sie bisher, auch zu aktuellen politischen Themen Stellung zu beziehen. Inwiefern spielt die Situation von Geflüchteten in diesem Jahr eine Rolle?

Wir beziehen nicht auch zu politischen Themen Stellung, sondern was wir tun, ist politisch. Denn das Thema Frieden ist ein politisches. Nur weil wir es ungewöhnlich behandeln, ist es deshalb nicht unpolitisch. Dabei ist ganz klar, dass in diesem Jahr die Situation von Flüchtlingen im Mittelpunkt steht.

Am Sonnabend versuchen wir, sie in unsere Aktivitäten miteinzubeziehen. Vor der Stadthalle werden den gesamten Nachmittag von vielen Vereinen sportliche und kreative Möglichkeiten für Neu- und Altbewohner von Chemnitz angeboten, mit dem Ziel, Begegnungen zu schaffen. Auf dem Neumarkt wird ein kleines Theaterprojekt aufgeführt, was afghanische und deutsche Jugendliche erarbeitet haben, und zur Kundgebung um 18 Uhr gibt es unter dem Motto »Gemeinsam in fremder Heimat« eine Performance, bei der Einheimische und Zugewanderte gemeinsam auf der Bühne stehen werden.

Neofaschistische Organisationen versuchen seit Jahren, die damalige Bombardierung der Stadt für ihre Geschichtsverfälschung zu instrumentalisieren. Bisher sieht es so aus, als würden die Neofaschisten am Sonntag, den 6. März, auf dem Chemnitzer Innenstadtring aufmarschieren. Was haben die Rechten dann von Ihnen zu erwarten?

Eine bunte Stadt mit vielen kreativen Leuten. Und die lassen es sich nicht nehmen, den Neofaschisten mit einem lauten und wirksamen Protest entgegenzutreten. Und natürlich werden wir den 5. März dazu nutzen, intensiv für den antifaschistischen Protest zu mobilisieren.

Wie erklären Sie sich, dass Sachsen aktuell in der Öffentlichkeit als das Bundesland mit der ausgeprägtesten rassistischen Grundstimmung in der Bevölkerung wahrgenommen wird?

In den letzten Monaten haben wir in Sachsen eine Häufung rassistischer Auswüchse zu verzeichnen. Die wochenlange Blockade einer Zufahrt zu einer geplanten Erstaufnahmeunterbringung in Chemnitz-Einsiedel oder die filmisch festgehaltene rüde »Willkommensunkultur« von Clausnitz waren in überregionalen Medien präsent. Und in Sachsen ist auch Pegida großgeworden. Doch das alles kommt nicht aus dem Nichts. Es hat einerseits eine Basis in gut ausgebauten neofaschistischen Strukturen, die ungehindert entstehen konnten, weil man sie nicht wahrhaben wollte. Andererseits in einem Alltagsrassismus, der eingewachsen ist, bis in die Mitte der Gesellschaft.

Sabine Kühnrich ist Sängerin des Trios Quijote und Mitorganisatorin des »Chemnitzer Friedenstages«

www.chemnitzer-friedenstag.de

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