Aus: Ausgabe vom 29.02.2016, Seite 10 / Feuilleton

Mehr Glück als Angst

Iron Henning war am Himalaja und will jetzt helfen

Von Richard Rixdorfer
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Iron Henning ist der einzig lebende Mensch, der Konzerte mit einer echten Arschgeige gegeben hat. Ein geborener Rockstar. Schon Anfang der 90er erkannte er die Sinnlosigkeit der grundlegenden Posen des Geschäfts und verlegte sich auf Parodien. Als Alleinunterhalter macht man schnelles Geld und vermeidet den Ärger mit den lieben Kollegen an der Gitarre.

Es blieb lange ein Rätsel, warum Iron Henning keine Stadien füllte. Irgendwann tauchte der Mann, der eigentlich Henning Rabe heißt, in Literaturzeitungen auf, und man wusste warum. Der Mann reist gerne weit und lang, ein halbes Jahr ist da nichts. Karrieren kann man einfach am Wegesrand liegenlassen. Versehentlich wurde er Reiseschriftsteller, ein Berufsbild das ausgestorben war, seit niemand mehr Zeit zum Schlendern hatte. Rabe schreibt und beschreibt nie irgendwelche Länder, es sind immer Begegnungen mit Menschen, die den amüsierten Beobachter nationaler Absonderlichkeiten zum Diktat drängen. Mit feinem Ostberliner Humor erzählt er seitenlang Witze. Am schönsten freut er sich, wenn er mal wieder so richtig beschissen wurde.

Dummerweise war Herr Rabe unlängst am und im Himalaja. Er war da, wo sich die Mount-Everest–Touristen versammeln, und ist weit um sie herumgeschlendert. Er rutschte auf dem Hosenboden ein paar Fünftausender runter: »Das lief sich geschmeidig, wie Jesus überm Wasser.« Er hatte mehr Glück als Angst. »Der Tag machte keinerlei Anstalten, in seiner Herrlichkeit nachzulassen. Jeden Schritt mit Bedacht vortretend, arbeitete ich mich die Serpentinen hinunter. Das Atmen blieb ein Kampf, die fünftausend Meter sind mehr als eine numerische Grenze. Ob hinauf oder hinab, es fühlt sich an, als wäre man an einen rustikalen Schreibtisch gekettet, den man mit sich umherziehen soll.«

Das große Glück des Reisenden sieht dann so aus: »Die Knie reif für das Krankenhaus, die Fersen für die Mülltonne. Durchfall. Sonnenbrand. Herpes-Grieben von der Anstrengung. Kopfschmerzen. Und doch: ein wundervoller Urlaub!« Herr Rabe setzte sich in eines der Kleinflugzeuge, die in Nepal öfter abstürzen, und begab sich nicht nach Kathmandu, sondern in die alte Königsstadt Bhaktapur – wahrscheinlich lebt er deswegen noch. Die Hauptstadt fiel nämlich um, wie ganz Nepal. Im vergangenen Jahr verdrängte das Erdbeben dort sogar den Krieg in Syrien für eine Woche aus den Schlagzeilen: Es waren noch mehr Tote und zerstörte Häuser zu beklagen. Und Herr Rabe war dabei und kann von Solidarität erzählen, von freundlichen Menschen und lächelnden Hilfern. Mit seinem Nepal-Buch will er viel Geld machen, um es nach Nepal zu tragen, deshalb liest er es öffentlich vor.

Lesung: heute, 20 Uhr, Lokal, Knaackstraße 94, Berlin

Henning Rabe: Das Beben von Nepal. Ein Bericht. CreateSpace; 90 S., 10,80 Euro

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