Aus: Ausgabe vom 29.02.2016, Seite 5 / Inland

Zu keiner Zeit an einem Krieg teilgenommen

Festveranstaltung aus Anlass des 60. Jahrestages der NVA-Gründung

Von Arnold Schölzel
East_German_military_cadet_DF-ST-89-04333.jpg
Hohe Ausbildungsanforderungen und Gefechtsbereitschaft: NVA-Soldat an der Neuen Wache in Berlin

Der Beschluss der DDR-Volkskammer, am 1. März 1956 die Nationale Volksarmee (NVA) in Dienst zu stellen, »war Ausdruck des Selbstbehauptungswillens unseres Staates«. Mit diesen Worten leitete Generaloberst a. D. Horst Stechbarth, von 1972 bis 1989 stellvertretender Verteidigungsminister der DDR und Chef des 1972 gebildeten Kommandos Landstreitkräfte in Potsdam, am Sonnabend sein Referat auf einer Festveranstaltung des Verbandes zur Pflege der Traditionen der NVA und der Grenztruppen der DDR ein. Mehr als 500 Gäste, vorwiegend ehemalige NVA-Angehörige vom Soldat bis zum General, waren der Einladung aus Anlass des 60jährigen Jubiläums nach Demen in Mecklenburg-Vorpommern gefolgt. Stechbarth skizzierte die historische Situation, in der sich die DDR und ihre Streitkräfte vor 60 Jahren befanden. Er nannte den Kalten Krieg eine »einmalige Epoche« intensivster Aufrüstung, in der Militärisches ein »erstrangiger Faktor der Politik« gewesen sei. Die Sicherheit der DDR, deren Armee wenige Jahre nach ihrer Gründung in das diensthabende System des Warschauer Vertrages eingebunden wurde, sei durch das Bündnis nur so lange gewährleistet gewesen, wie die Sowjetunion das gewollt habe. Die NVA sei dabei die Armee eines souveränen deutschen Staates gewesen, die »zu keiner Zeit an militärischen Interventionen oder Krieg teilgenommen« habe.

Der Redner verwies auf das »loyale Verhalten« der Armeeangehörigen in den Jahren 1989/90, obwohl klar gewesen sei: »Wir hatten die Waffen«. Die extrem große permanente Belastung der NVA-Soldaten in ihren Dienstzeiten bezeichnete der Redner als einen Mangel. Er ging auf die hohen Ausbildungsanforderungen ein und benannte die Traditionen, d. h. das Selbstverständnis der ostdeutschen Armee: die preußischen Heeresreformer der antinapoleonischen Kriege, die Kieler Matrosen von 1918, die deutschen Freiwilligen an der Seite der Volksfront-Regierung im Spanien-Krieg und die antifaschistischen Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg.

Zum Umgang der Bundesrepublik mit den NVA-Angehörigen seit 1990 zitierte Stechbarth den 2015 verstorbenen SPD-Politiker Egon Bahr, der gesagt hatte, »ein symbolischer Akt der Würde« sei verspielt worden, die »Armee der Einheit hat es nie gegeben«. Der 2013 gegründete Verband zur Pflege der Traditionen von NVA und Grenztruppen, so Stechbarth, »kam zu spät«. In einer Zeit, in der Kriege, Gewalt und bewaffnete Auseinandersetzungen wieder Mittel der Politik seien, könne nur resümiert werden, dass die NVA ihren Auftrag in Ehren erfüllt habe.

In mehreren Reden von Gästen der Veranstaltung und in Grußbotschaften von Militärs aus Russland, Polen und Tschechien wurde die Tatsache, dass es in Europa keinen Krieg gab, solange die NVA existierte, immer wieder hervorgehoben. So wies der frühere DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler, der aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen konnte, darauf hin, dass die NVA »nicht zur Unterdrückung anderer Völker« gegründet oder verwendet worden war. Das ehemalige DDR-Staatsoberhaupt, der langjährige Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates der DDR, Egon Krenz, fragte nach dem »Zukunftswert« von DDR- und NVA-Erfahrungen. Heute werde viel darüber gerätselt, warum die NVA 1989 nicht von ihren Waffen Gebrauch gemacht habe – zu viele Menschen auf den Straßen, Einspruch der Sowjetunion usw. Die »einfache Wahrheit«, dass eine NVA nicht auf die Bevölkerung schießt, werde ignoriert. Dagegen enthalte der Lissabon-Vertrag der Europäischen Union Bestimmungen, die es nach Meinung eines Rechtswissenschaftlers erlaubten, bei einem Aufruhr von einem Umfang wie 1989 in der DDR ohne besonderen Befehl mit Gewalt vorzugehen.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland