Aus: Ausgabe vom 27.02.2016, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Schwarzer Kanal: Sendepause. Fast

Von Arnold Schölzel

Das kann passieren, wenn Propagandafabrikanten sich auf den selbstproduzierten Leim gehen: Seit Wochen konnten sich die deutschen »Qualitätsmedien« nicht genug über den Unhold im Moskauer Kreml auslassen. Am Montag telefonierte das Scheusal aber mit dem Mann im Weißen Haus und vereinbarte für Syrien einen Waffenstillstand. Eine von Russland mit herbeigeführte Atempause für die geschundene Bevölkerung bedeutet fürs deutsche Kriegs-Rat-Pack Sendeunterbrechung. Das war nicht vorgesehen, daher heißt die Devise: Maulhalten über den Moskowiter. Mit Einschränkungen. Denn der Russe und der Amerikaner verständigten sich trotz aller von FAZ, ARD, Bild, Süddeutscher Zeitung etc. verbreiteten Warnungen vor der kosmischen Heimtücke des ersteren. Das ist nicht hinnehmbar. Und die Türkei, der die deutsche Kanzlerin gerade das Recht auf eine »Schutzzone« in Syrien zugesprochen hat, wurde offenbar nicht gefragt. Jedenfalls fühlt sich Ankara nicht an die Vereinbarung zur Feuerpause gebunden. Und »wir« sind mit den Kurdenschlächtern im engsten Schulterschluss, führen gerade ein NATO-Kontingent in die Ägäis. Wir lassen uns den Aufmarsch gegen Moskau nicht einfach kaputtmachen.

Eine Notlage, aber auf die Russenhasser ist Verlass. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) titelte noch am Mittwoch einen Bericht mit »Putins grausames Spiel«. Die Grausamkeit besteht in dem, was der Untertitel erläutert: »Russland und die USA haben ihre Verbündeten auf Linie gebracht. Ein Scheitern könnte vor allem Obama treffen«. Der Brutalopolitiker aus dem Osten ist offenbar dabei, den US-Präsidenten in die Tasche zu stecken und dessen Verbündeten seine Linie aufzuzwingen. Schlimmer war nur der 8. Mai 1945. Denn, jammern die SZ-Autoren, »das Assad-Regime, das im vergangenen Sommer militärisch am Rand einer Niederlage stand und kaum noch seine Kerngebiete in Damaskus und Latakia verteidigen konnte, ist stabilisiert. Die vom Westen unterstützte Opposition ist geschwächt. Ein günstiger Moment aus russischer Sicht also, den Status quo einzufrieren, bevor neue Fronten eröffnet werden – etwa durch eine Bodenoperation der Türkei oder Saudi-Arabiens oder die Bewaffnung der Rebellen mit Flugabwehrraketen, die Riad ins Spiel gebracht hat.« Das ist schön analysiert, noch schöner sind die Nebenbeieingeständnisse. Die syrische Regierung »verteidigt« also? Dann wäre die russische Hilfe ja legitimer Beistand. Und der Westen unterstützt die »Opposition«? Obwohl jeder wusste, dass das so ist, war das z. B. in der SZ kaum zu lesen. Da gab es monatelang nur »Fassbomben« und russische Angriffe auf »moderate« Rebellen. Von denen ist keine Rede mehr. So schnell können sich Halluzinationen zu Hauptursachen eines Krieges in nichts auflösen. Was meint eigentlich die Kanzlerin, die neulich in Ankara noch »entsetzt« über russische Luftangriffe war, zur neuen Lage?

Auch sie hält den Mund. Die türkischen Staatsterroristen sind ihr im Moment am wichtigsten. Da kommt ein Räsonieren wie in der SZ über einen Einmarsch türkischer Truppen an der Seite Saudi-Arabiens in Syrien zum völlig falschen Zeitpunkt. Wer sich aber mit Ankara so verbandelt hat wie Angela Merkel, der hat mediale Unterstützung dringend nötig. Statt dessen herrscht Schweigen zum verbrecherischen Russen im Blätterwald. Nur auf einen ist Verlass. In der Welt sagt Richard Herzinger am Mittwoch, was die neuen Alliierten sind: »Die Achse des Schreckens« (so der Titel in der Druckausgabe, im Internet heißt es: »Kapituliert der Westen vor Assad, droht der große Krieg«). Wenigstens eine Gebetsmühle rotiert noch. Einen Waffenstillstand kann das nicht verhindern, es besagt aber: Für einen türkisch-deutschen Torpedo gegen einen Friedensprozess wird das Pulver trocken gehalten.

Der Russe und der Amerikaner verständigten sich trotz aller von FAZ, ARD, Bild, Süddeutsche Zeitung etc. verbreiteten Warnungen vor der kosmischen Heimtücke des ersteren. Das ist nicht hinnehmbar.

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