Aus: Ausgabe vom 27.02.2016, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Auswandererghettos

Lenin 1915: Überall in den ›großen‹ Nationen versucht das ­kleinbürgerliche Geschmeiß, sich von Zuwanderern abzusondern und sie zu erniedrigen und zu beleidigen

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»Lieferanten von Arbeitskraft für die am schlechtesten bezahlten Industriezweige«: Die Mulberry Street im italienischen Stadtviertel von New York um 1900

Den italienischen Imperialismus hat man den »Imperialismus der armen Leute« (l'imperialismo della povera gente) genannt – im Hinblick auf die Armut Italiens und auf die verzweifelte Notlage der italienischen Auswanderermassen. Der italienische Chauvinist Arturo Labriola (...) schrieb in seinem Büchlein über den Tripoliskrieg (Am 29. September 1911 überfiel Italien, ermuntert von Russland und Großbritannien, das Osmanische Reich und sicherte sich u. a. das heutige Libyen als Kolonie, jW): »Es ist klar, dass wir nicht nur gegen die Türken kämpfen, sondern auch gegen die Intrigen, Drohungen, Gelder und Armeen des plutokratischen Europa, das nicht dulden kann, dass die kleinen Nationen auch nur einen Finger zu rühren oder auch nur ein Wort zu sagen wagen, durch das seine eiserne Hegemonie kompromittiert werden könnte«. Und der Führer der italienischen Nationalisten, (Enrico) Corradini, erklärte: »Wie der Sozialismus die Methode für die Befreiung des Proletariats von der Bourgeoisie war, so wird der Nationalismus für uns Italiener die Methode sein für die Befreiung von den Franzosen, Deutschen, Engländern, Nord- und Südamerikanern – die uns gegenüber die Bourgeoisie darstellen.«

Jedes Land, das mehr Kolonien, mehr Kapitalien und Armeen hat als »wir«, nimmt »uns« gewisse Privilegien, einen gewissen Profit oder Extraprofit weg. Wie unter den einzelnen Kapitalisten derjenige einen Extraprofit einsteckt, der Maschinen von überdurchschnittlicher Qualität besitzt oder über bestimmte Monopole verfügt, so erhält auch unter den Ländern dasjenige einen Extraprofit, das ökonomisch besser gestellt ist als die anderen. Sache der Bourgeoisie ist es, für Privilegien und Vorrechte zugunsten ihres nationalen Kapitals zu kämpfen und das Volk oder das gemeine Volk (...) irrezuführen, indem sie den imperialistischen Kampf um das »Recht«, die anderen zu plündern, für einen nationalen Befreiungskampf ausgibt.

Vor dem Tripoliskrieg hat Italien – wenigstens im großen Ausmaß – andere Völker nicht geplündert. Ist das nicht eine unerträgliche Schmach für den Nationalstolz? Die Italiener werden von anderen Nationen unterdrückt und erniedrigt. Die italienische Auswanderung betrug rund 100.000 Personen jährlich in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und erreicht jetzt 0,5 bis eine Million; all das sind Bettler, die geradeswegs der Hunger im buchstäblichen Sinne dieses Wortes aus ihrem Lande treibt; all das sind Lieferanten von Arbeitskraft für die am schlechtesten bezahlten Industriezweige; diese ganze Masse bevölkert die engsten, ärmsten und schmutzigsten Viertel der amerikanischen und europäischen Städte. Die Zahl der im Ausland lebenden Italiener ist von einer Million im Jahre 1881 auf 5,5 Millionen im Jahre 1910 gestiegen, wobei die große Masse auf die reichen und »großen« Länder entfällt, in denen die Italiener im Verhältnis die gröbste und unqualifizierteste, die ärmste und rechtloseste Arbeitermasse darstellen. Die Hauptländer, die die billige italienische Arbeitskraft konsumieren, sind folgende: Frankreich – 400.000 Italiener im Jahre 1910 (240.000 im Jahre 1881); die Schweiz – 135.000 (41.000) – (in Klammern die Zahlen des Jahres 1881); Österreich – 80.000 (40.000); Deutschland – 180.000 (7.000); die Vereinigten Staaten – 1.779.000 (170.000); Brasilien – 1.500.000 (82.000); Argentinien – 1.000.000 (254.000). Das »glorreiche« Frankreich, das vor 125 Jahren für die Freiheit gekämpft hat und aus diesem Grunde seinen jetzigen Krieg um sein und Englands Sklavenhalter-»Recht auf Kolonien« einen »Befreiungskampf« nennt, dieses Frankreich hält geradezu in besonderen Ghettos Hunderttausende von italienischen Arbeitern, von denen das kleinbürgerliche Geschmeiß der »großen« Nation sich möglichst abzusondern sucht, die es in jeder Weise zu erniedrigen und zu beleidigen trachtet. Die Italiener werden verächtlich »Makkaroni« genannt. (…) Das große Frankreich schloss 1896 einen Vertrag mit Italien, auf Grund dessen Italien verpflichtet ist, die Zahl der italienischen Schulen in Tunis nicht zu erhöhen! Die italienische Bevölkerung in Tunis hat sich jedoch seitdem auf das Sechsfache vermehrt. In Tunis leben 105.000 Italiener neben 35.000 Franzosen, doch sind unter den ersteren nur 1.167 Grundeigentümer mit 83.000 Hektar, während 2.395 französische Grundeigentümer in ihrer Kolonie 700.000 Hektar zusammengeraubt haben. Nun, wie sollte man da Labriola (...) nicht zustimmen, wenn er behauptet, Italien habe ein »Recht« auf eine eigene Kolonie in Tripolis, auf die Unterdrückung der Slawen in Dalmatien, auf die Aufteilung Kleinasiens usw.

N. Lenin: Imperialismus und Sozialismus in Italien (Notiz). In: Kommunist, Heft 1/2, 1915. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke,Band 21. Dietz Verlag, Berlin 1968, Seiten 363–365

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