Aus: Ausgabe vom 26.02.2016, Seite 10 / Feuilleton

»Komödienschreiber brauchen Klassenanalyse«

Über schlimme Affären, postmoderne Nebelmaschinen und die Vorteile der Lenin-Lektüre. Ein Gespräch mit Stefan Wimmer

Interview: Reinhard Jellen
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Witzesammeln ist ein Kampfsport, der auch von männlichen Autoren ausgeübt werden kann

In Ihrem neuen Roman geht es sehr viel um Sex. Außerdem kommen die schlimmsten Frauenfiguren seit William Shakespeares Lady Macbeth und Stephen Kings Annie Wilkes vor. Können Sie uns diese eigenartige Mischung erklären?

Es ist bekanntlich so, dass der Single-Markt von Wahnsinnigen dominiert wird. Das führt zum Ergebnis, dass sowohl Männer wie auch Frauen wiederholt bis regelmäßig mit Wahnsinnigen ins Bett gehen.

Dann basiert Ihr Buch also auf empirischen Erfahrungen Ihrerseits?

Ja, zu rund sechzig Prozent auf empirischen Erfahrungen. Täglichen Wahnwitz kann man nicht erfinden.

Sind die weiblichen Wesen im Journalistengewerbe und im Medienbusiness tatsächlich so schlimm?

Man kann das sicher nicht auf diese beiden Branchen beschränken (lacht). Die Figur, die mir jetzt beim Nachdenken immer noch die stärksten Schauer über den Rücken jagt, ist von Beruf Buchhändlerin gewesen. In den Top Ten des Grusels ist sie dicht gefolgt von einer Berliner Techno-DJane. Aber natürlich soll das »Bilderbuch« nicht nur eine Parade von allen möglichen abgründigen Erlebnissen sein, sondern auch von Liebe erzählen: Michelle im mexikanischen Strandbad, Paula und das Häusergewirr von Lissabon – das sind natürlich Huldigungen.

Für Sie sind also die guten und die bösen Affären eine Art Yin und Yang des Lebens?

(lacht) wobei das Yang sehr ausgeprägt ist – und man in das Schaubild immer auch die eigene Lächerlichkeit miteinbeziehen sollte.

Nach dem, was Sie in Ihrem Buch schildern: wie yanglastig war denn Ihr Leben in der Münchner Subkulturwelt der 1980er? Ich war dort ja auch zugange und mir kam es damals durchaus eher yinbestäubt vor …

Da haben Sie sicher recht. Die Achtziger – in denen ich gerade zur Schule ging – waren wahrscheinlich die letzten Ausläufer eines freigeistigen Hedonismus. Spricht aus Songtiteln wie »Touch Me« (Samantha Fox), »Call Me« (Spagna), »Get Closer« (Valerie Dore) und »Get Physical« (Olivia Newton-John) nicht ein angenehm lebensbejahender Grund-Trend? Kleiner Scherz, ich möchte das nicht idealisieren. Aber dass der Postfeminismus die Menschen unsexy gemacht hat, fällt mir bei jeder Fernsehsendung, jedem Supermarktbesuch und beim Belauschen jedes Kneipengesprächs auf.

Ich denke, dass sich seit den 80ern ein relativ evangelisch geprägter Spaß-Asketismus in der linksliberalen wie auch in der linksradikalen Szene gehalten hat – sowohl in Gazetten wie dem Spiegel als auch an den Universitäten. Finden Sie auch, dass Political Correctness, Gender und Postfeminismus das Waldsterben von heute sind?

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Gender und Postfeminimus sind ganz sicher der Asketismus von heute. Ein Sozialwissenschaftler beschrieb die rätselhafte Zunahme der Frauenfrömmigkeit im 14. Jahrhundert, die Masseneintritte in Bettelorden und Zisterzienserklöster mal als einen Versuch, durch ein möglichst seltsames Arrangement um den normalen Geschlechtsakt herumzukommen. Solche puritanistischen Revivals gibt es natürlich immer mal wieder in der Geschichte.

In Ihrem Buch thematisieren Sie das Aufkommen des Postmodernismus an der Universität. Welchen Eindruck hatten Sie von dieser Geistesrichtung?

Die postmodernen Theoretiker waren natürlich Nebelmaschinen, die in den Betrieb reingeschoben wurden – als Reaktion auf die Radikalisierung der Studentenbewegung. Ich habe kürzlich mal meinen Keller ausgemistet und beim Fund all der Volumen von Barthes, Lyotard, Baudrillard, aber auch Clastres, Bourdieu etc. nur gedacht: Herr im Himmel, wie viele sinnvolle Projekte – zum Beispiel Cocktailtrinken – hätte ich mit diesem Geld finanzieren können!

Ich hätte eher gedacht, dass Sie in Ihrer Studienzeit ein oder zwei Semester mit der Lektüre Lenins verbracht haben. Schließlich nehmen die Klassenverhältnisse in Ihren Büchern einen wichtigen Platz ein. Haben Sie Lenin gelesen?

Ich habe in der Tat mehrere Jahre damit verbracht – um genau zu sein, vom zweiten bis zum sechsten Semester –, Lenin zu lesen, so wie ich in meiner Schulzeit viele Stunden damit verbracht habe, Guerilleros in Schreibhefte zu kritzeln. Da an der Ludwig-Maximilian-Universität in München allerdings nur sehr wenig Seminare zum Thema »Sprachschönheit in ›Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück‹« angeboten wurden, musste man natürlich auch andere Bücher lesen. Aber logisch, für Komödienschreiber sind Klassenanalyse und Klassenpsychologie essentiell. Es sei denn, man ist Komödienschreiber fürs deutsche Kino.

Warum ist die Kenntnis von Klassenstrukturen für die Komödie so wichtig?

Wie soll man jemals eine kluge Komödie schreiben können – siehe hierzu Denis Diderot, Ludwig Thoma, Ernst Lubitsch oder die Farrelly-Brüder, also die Kings of Comedy – wenn man sich nicht ein bißchen mit Klassen und Klassenstrukturen beschäftigt? Ich sitze manchmal stundenlang vorm Spiegel, um mir bestimmte Sprach- und Argumentationsmuster meiner Protagonisten ins Gedächtnis zu rufen.

Ohne das Geheimnis Ihrer Mixtur zu verraten: Können Sie hier nicht ein wenig mehr aus dem Nähkästchen plaudern?

Der erste Schritt ist wahrscheinlich, Witze zu sammeln, weil ich fünf Sekunden, nachdem mir ein guter Witz eingefallen ist, diesen schon wieder vergessen habe. Im Computer häufe ich diese Witze dann wie ein Mistkäfer in verschiedenen thematischen Ecken zusammen. Wenn ich genügend Material beisammen habe, entwickelt sich der Ausgangspunkt einer Geschichte eigentlich ganz von selbst. Dann müssen nur noch ein paar lebensechte Personen eingebaut werden, und es kann los gehen.

Sie haben nun mit Freunden einen Verlag gegründet, um Ihren neuen Roman herauszubringen. Was sind die Gründe hierfür?

Die deutsche Verlagslandschaft ist eine Ansammlung bizarrer, lächerlicher Menschen, die nichts, aber auch wirklich nichts leisten, dafür jedoch 85 – 93 Prozent der Gewinne ihrer Autoren einstreichen. Ich habe zwei Jahre damit verplempert, mein erstes Buch, »Die 120 Tage von Tulúm«, anzubieten. Drei weitere Jahre habe ich damit vergeudet, mit »Der König von Mexiko« hausieren zu gehen, das sich dann schließlich ohne Werbung 16.000mal verkauft hat. Meine Geduld mit diesen Menschen ist am Ende. Unser Verlag ist eine Mobilmachung gegen diese Idiotie.

Stefan Wimmer, Jahrgang 1969, ist Münchner Schriftsteller. Früher war er Journalist in Mexiko City. 2010 wurde ihm der Deutsche Radiopreis für die beste Sendung des Jahres verliehen. Er hat nun den Blond-Verlag mitbegründet und dort sein neues Buch »Das große Bilderbuch der Vulkanvaginas« veröffentlicht

Stefan Wimmer: Das große Bilderbuch der Vulkanvaginas. Blond Verlag, München 2015, 259 S., 15,99 Euro

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