Aus: Ausgabe vom 25.02.2016, Seite 16 / Sport

Rauhe Dockerromantik

Zum Niedergang des Hafenstadtfußballs in Rotterdam, Antwerpen, Hamburg und anderswo

Von Gerrit Hoekman
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Leuchtende Zeichen der Verbundenheit mit Feyenoord – Hafenarbeiterstreik im Januar in Rotterdam

Als die Docker in Rotterdam neulich die Arbeit niederlegten, zündeten die Streikposten blutrote Leuchtfeuer – Zeichen der Verbundenheit mit dem Fußballklub Feyenoord im gleichnamigen Hafenarbeiterviertel. Ob Christian Attah Gyan aus Ghana unter den Streikenden war, ist nicht bekannt. Denkbar wäre es. Der 23malige Nationalspieler war elf Jahre bei Feyenoord unter Vertrag. Nach der Profikarriere lief beim ehemaligen Verteidiger finanziell manches schief, heute malocht der 37jährige in den Docks. Der Klub hat ihm geholfen, den Job zu finden. »Warum soll das keine Arbeit für mich sein?« fragte Gyan in der Vereinszeitung Feyenoord Magazine. »Niemand ist zu groß für den Hafen«. Diese Einstellung machte ihn als Spieler zum Liebling von »Het Legioen« (Die Legion), wie die Fans von Feyenoord genannt werden. Gyan war keiner der großen Stars, sein fußballerisches Können recht limitiert. Aber er war ein Kämpfer vor dem Klabautermann, einer, der immer alles gab. Die besten Voraussetzungen, um in einem Klub Kultstatus zu erlangen, in dem Fußball immer mehr gearbeitet als filigran zelebriert wurde.

Feyenoord ist im Hafen verwurzelt und hat im wahrsten Sinne des Wortes nah am Wasser gebaut. Wer nach Einbruch der Dunkelheit mit einem Dampfer auf der Nieuwe Maas, Rotterdams Lebensader, schippert, kann bei Heimspielen am Südufer das imposante Flutlicht über dem Stadion »De Kuip« (Die Wanne) strahlen sehen. Früher, als die großen Frachtschiffe noch in der Stadt anlegten, amüsierten sich die Matrosen in den Bars und Kneipen im Stadtteil Feijenoord, der anders als der Fußballverein seine alte niederländische Schreibweise beibehalten hat. Heute machen die Pötte schon draußen an den Containerterminals von Europoort und Maasvlakte fest. Die 30 Kilometer nach Feijenoord nimmt von den Seeleuten kaum noch jemand auf sich. Keine Zeit. Roll on, roll off.

Traditionell besteht ein großer Teil der Anhänger aus Hafenarbeitern, doch die werden immer weniger. Roboter nehmen ihnen die Jobs weg. Das ist in Rotterdam so, in Antwerpen oder Hamburg nicht anders. Täuscht es oder liegt der Hafenstadtfußball gerade in ganz Europa im Trockendock? Fährt man mit dem Finger auf der Karte die europäischen Küsten ab, sind da überall Orte mit leckgeschlagenen Koggen und Schlachtschiffen. Dem letzten DDR-Meister Hansa Rostock droht der Absturz in die vierte Liga. Die ehemaligen Europapokalsieger Werder Bremen, Hamburger SV und Sampdoria Genua haben Probleme, die erste Klasse zu halten. In Frankreich ist Le Havre mal wieder zweitklassig, Bordeaux und Marseille versinken im grauen Mittelmaß der Ligue 1. La Coruña, Gijón und San Sebastián sind von der spanischen Meisterschaft so weit entfernt wie München vom Atlantik. Selbst Liverpool wartet seit 26 Jahren auf einen Premier-League-Titel.

Die Seehäfen boomen, die ansässigen Fußballvereine aber gehen baden. Antwerpen ist inzwischen wieder der zweitgrößte Port in Europa, vor Hamburg. Gerade wird an der Scheldemündung für 300 Millionen Euro die größte Schleuse der Welt gebaut. Der hypermoderne Hafen wächst und wächst. Inzwischen ist er mehr als 20.000 Fußballfelder groß. Die Kicker von Royal Antwerp FC indes wären froh, wenn sie wenigstens einen Fußballplatz hätten, der höchsten Ansprüchen genügt. Dem Stadion »De Bosuil« (Der Waldkauz) sieht man die 90 Jahre an, die es auf dem Buckel hat. Von den Wänden bröckelt der Putz, in den Sitzbänken bohrt der Holzwurm. Seit elf Jahren kickt Royal, der älteste Fußballklub in Belgien, in der zweiten Liga. Immerhin winkt in dieser Saison endlich wieder der Aufstieg. Den Lokalrivalen und ehemaligen Erstligisten AC Beerschot hat es schlimmer erwischt. Er musste im Mai 2013 Insolvenz anmelden und löste sich auf. Unter dem neuen Namen FCO Beerschot Wilrijk arbeitet sich der Klub nun langsam von der fünften Klasse wieder nach oben. In der nächsten Saison wird er wohl wieder in der zweiten Liga spielen. Dennoch ist der Frust offenbar groß in Antwerpen: Die Anhänger beider Vereine demolieren sich im Moment gegenseitig die Fankneipen.

Randale gibt es bei Feyenoord Rotterdam zur Zeit nicht, auch wenn sich der Klub gerade mal wieder in einer sportlichen Krise befindet. Am vergangenen Sonntag gab es ein mickriges 1:1 gegen den Aufsteiger Roda Kerkrade. Es war der erste Punkt für Feyenoord nach unglaublichen sieben Niederlagen in Folge. Nach zehn Spieltagen hatten die Fans noch geglaubt, ihr Verein könnte mal wieder um den Titel mitspielen. Doch dann wurde die Mannschaft von einer Art Zentralparalyse befallen. Vor der Partie gegen Kerkrade ging »Het Legioen« deshalb auf die Straße und prangerte die angebliche Misswirtschaft im Klub an. Obwohl der Protest friedlich verlief, nahm die Polizei 326 Supporter vorübergehend fest. Die Demonstration war nicht angemeldet. Den Verhafteten wurden wegen vermeintlicher Zusammenrottung Bußgelder in Höhe von je 220 Euro aufgebrummt.

Die Feyenoord-Anhänger gelten als ruppig. Das ist Teil der rauhen Dockerromantik, die der Verein immer noch verkörpert. Nachdem die niederländische Nationalmannschaft im WM-Endspiel 2010 den Gegnern aus Spanien 120 Minuten lang rustikal in die Beine getreten hatte, schrieb eine Zeitung, die Oranjes wären aufgetreten, wie »elf Hafenarbeiter aus Rotterdam«.

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