23.02.2012 / Leserbriefe / Seite 14
Inhalt
Aus Leserbriefen an die Redaktion
Jubelgesänge
- Zu jW vom 21. Februar: »Ein Neuer für die Anstalt«
Hosianna! Aus dem Himmel einer fragwürdigen Überparteilichkeit beschieden die Musterdemokraten aus fünf Parteien dem deutschen Michel geradezu einen Heiligen. So könnte man es glauben, wenn man nach dem verbissenen Tauziehen zwischen CDU/CSU und FDP sowie mit Sozialdemokraten und Grünen deren Jubelgesänge wörtlich nimmt. Die Wahloption für Gauck gilt einem vermeintlichen »Kandidaten der Herzen«. Allerdings hat er sich im Sinne der Herrschenden vielmehr als »demokratischer Inquisitor« und Befürworter deutscher Kriegsteilnahme in Afghanistan nützlich gemacht. Darüber hinaus hat der zwischen den politischen Wertorientierungen gaukelnde, nach eigenen Worten angeblich linke, liberale und zugleich konservative Präsidentschaftskandidat den faulen Säcken von Hartz-IVern mit dem Vorwurf mangelnder Eigeninitiative einmal so richtig den Marsch geblasen. Dieser Art christlicher Mitmenschlichkeit werden sich die sozial und manche politisch Ausgegrenzten wohl doch mit einem Quantum gemischter Gefühle erinnern. Zumindest dann, wenn ihnen in den nächsten fünf Jahren Gauck als »Präsident der Herzen« das Hohelied der FDGO (der freiheitlich-demokratischen Grundordnung) von der Kanzel seines Hochamtes zelebrieren wird: Gott strafe alle Linken.
Gregor Putensen, Greifswald
Richtigstellung
- Zu jW vom 21. Februar: »Politisches Gedächtnis ist sehr kurzlebig«
In Ihrer Ausgabe vom 21.02.2012 schreiben Sie auf der Seite 8 mich betreffende Zusammenhänge, welche Ihre Autorin Frau Daniela Dahn zusammengefaßt hat. Einer dieser Punkte (…) bedarf einer dringenden Richtigstellung. Ich bin kein Katholik, sondern bin als Christ in der evangelischen Kirche zugeordnet. Ich stehe etwas hemdsärmelig jedoch fest an der Seite meiner evangelischen Kirche. Ich wurde zwar in Rostock/Warnemünde getauft, jedoch nicht von Herrn Pastor Gauck, so daß der göttliche Segen mich durchaus noch erreichen könnte!
Auch mit der Wiedergabe meiner Zeilen als Leserbrief wäre ich einverstanden und würde sodann meine übrige anwaltliche Arbeit wieder aufnehmen.
Bleiben Sie bei der Wahrheit. Hierzu wünsche ich Ihnen eine spitze Feder, und falls Ihre Mitarbeiter und Sie neuerdings den Wunsch hegen, auszureisen, so würde ich Ihnen bei der Formulierung der Ausreiseanträge mit knappem Honorar Hilfe leisten. Derartige Formulierungshilfen habe ich auch zu DDR-Zeiten schon häufig gegeben und gelte diesbezüglich als erfahren.
Peter-Michael Diestel, Zislow
Bollwerk gegen Alternativen
- Zu jW vom 21. Februar: »Der Tiefflieger«
Na bitte, jetzt wird deutlich, warum in den letzten Wochen die Springer-Blätter so vehement gegen Wulf »geschossen« haben: Sie wollen einen neuen Präsidenten, der aus ihrer Sicht den neoliberalen Kahlschlag besser verkauft und durch die Mainstreammedien in den letzten Jahren als »Freiheitsapostel« gefeiert wurde. Gauck wird als Bollwerk gegen jegliche soziale Alternativen gebraucht. Ich hoffe nur, daß Die Linke den Mut und das Vermögen aufbringt, seine sozial- und außenpolitischen Positionen öffentlich zu thematisieren. Ansonsten droht in Deutschland ein gesellschaftliches Klima wie in Tschechien, Ungarn oder Polen.
Carsten Schulz, Berlin
Ergebene Marionette
- Zu jW vom 20. Februar: »Amtswürdig«
In den Mainstreammedien wird derzeit die Lobhudelei für Gauck auf volle Touren gebracht (O-Ton: »der Präsident der Herzen«). Auch das bürgerliche Lager ist sich nach anfänglichen Zirkuseinlagen schnell einig bei dieser Personalie. Kein Wunder, mit Gauck steht ihm eine ergebenste Marionette zur Verfügung.
Es ist bekannt, daß der ostdeutsche Pfarrer den Kriegseinsatz in Afghanistan befürwortet. Wenn aber 80 Prozent der Bevölkerung letzteren ablehnen, dann würde manchem, der die Medien heute von diesem »volksnahen Präsidenten« so überschwenglich reden hört (von einem Kandidaten reden die Medien schon gar nicht mehr, ganz so, als ob er schon gewählt sei!), sicher ein Licht aufgehen. Natürlich verfolgt man mit dieser verlogenen Masche auch noch ein weiteres Ziel. Dieses lautet: Stigmatisierung der Partei Die Linke, als volks (=gauck)feindlich und »realitätsfern«, falls sie dieser Kandidatur Gaucks eine eigene entgegensetzt. Und so wird sich bald zeigen, ob die Führung der Linkspartei geschlossen hinter einem eigenen Kandidaten stehen wird, oder ob die sogenannten Realos in ihr nicht eigene, vermeintlich realere Wege gehen wollen …
Thomas Klinger, per E-Mail
Russen wurden nicht gefragt
- Zu jW vom 20. Februar: »Russisch wird nicht zweite Amtssprache«
Beim Weiterreichen von Agenturmeldungen sollte man auch darauf sehen, was nicht drinsteht: Wahlberechtigt sind in Lettland eben die Letten. Die knapp 27 Prozent Russen sind, sofen sie nicht lettisch sprechen, als »Nichtbürger« vom Wahlrecht ausgeschlossen. Das heißt, die Einwohner mit einem wirklichen Interesse an Russisch als offizieller Sprache wurden gar nicht gefragt.
P. Werthmann, per E-Mail
Rentenvergleich war daneben
- Zu jW vom 15. Februar: »Sie verschließen die Augen vor der Realität«
Ich war über das Interview von Gitta Düperthal mit Walter Ofer sehr erstaunt. Hier wurde die alte Lüge von den höheren DDR-Renten wiederholt. Die beiden wissen es bestimmt nicht besser. Man kann nicht die Renten Ost–West vergleichen. Wenn man vergleichen will, dann muß die Altersversorgung Ost–West zugrunde gelegt werden. Darüber habt ihr mehrfach richtig berichtet.
Eberhard Reddig, Berlin