Die Klasse von ’64 vor der Meisterfeier
Foto: dpa
|
Fußball ist ein Spiel, bei dem 22 Individuen auf einer Wiese herumrennen und versuchen, den Ball ins Tor des Gegners zu schießen. Über viele Jahrzehnte hinweg galt diese Ansicht als Ausdruck der Distanz und wurde von Mitgliedern einer Intellektuellenkaste geäußert, der das Spiel als vielleicht nicht edel genug galt. Man mußte, wollte man sich in gewissen Kreisen fehlerfrei bewegen, darauf achten, dem Sport des Proletariats, oder schlichtweg: der vermeintlich Minderbemittelten, auf keinen Fall zu nahe zu kommen.
Seit Anfang des neuen Jahrtausends hat sich der Wind gedreht. Fußball gilt nicht nur als schick, sondern verkommt inzwischen zum Event, bei dem es darum geht, Fähnchen durch die laue Fanmeilenluft zu schwenken. Dazu wird er zum Objekt kulturwissenschaftlicher Neugier. Bücher – oft gar nicht mal schlechte – über sokratische Grundlagen moderner Spielsysteme oder die Verfeinerung des Catenaccio in Anbetracht des Zusammenbruchs des realexistierenden Sozialismus füllen ganze Regalmeter.
Was hat das nun alles mit einem kleinen sächsischen Fußballverein zu tun, dem im Laufe seiner holprigen Geschichte das eine oder andere Wunder gelang? Eigentlich nichts. Aber wiederum auch alles. Die Historie der BSG Chemie Leipzig ist nämlich dermaßen verwinkelt, daß es fast schon höchsten Expertentums bedarf, um in den teilweise spärlich beleuchteten Gängen nicht verlorenzugehen. Man muß jedenfalls auf dem langen Weg vom SV Tura 1932 Leipzig bis hin zur heutigen (wieder auferstandenen) BSG mehr als einmal den Kopf einziehen, um sich nicht am niedrigen Gebälk zu stoßen.
Konzentrieren wir uns auf das unmittelbar Zurückliegende. Zum Beispiel auf die Abwicklung des FC Sachsen Leipzig, zu Wendezeiten aus der alten BSG hervorgegangen und etliche Male am Aufstieg in den Profifußball gescheitert. Große und größenwahnsinnige Investoren wie der Gründer des Filmverleihs Kinowelt, Michael Kölmel, halfen nicht in die angestrebten höheren Regionen hinauf. Am 18. Mai 2011 wurden die Sachsen aus dem Vereinsregister gelöscht.
Dazu wurde bereits 1997, parallel und in antipodischer Haltung zum FC Sachsen, die BSG Chemie im Stadtteil Leutzsch neu gegründet. Fragt man die Protagonisten dieser Neugründung, wird deutlich, daß es sich bei »dieser« BSG um die »echte« BSG handelt. Allein an diesem kurzen Ausflug in die jüngere Geschichte wird klar, daß man im Leipziger Fußball eine hohe Verwirrungsresistenz mitbringen muß.
Seit der aktuellen Saison leben also zwei Leutzscher Vereine nebeneinander und teilen sich eine Spielstätte. Aus den Trümmern des einst so ambitionierten FC Sachsen erwuchs, zusätzlich zur schon erwähnten BSG Chemie, die SG Leipzig-Leutzsch. Von einer Feindschaft der beiden Vereine zu sprechen, wäre sicherlich zu militaristisch gedacht, zumal im Leipziger Fußball ohnehin genügend Potential für Flächenbrände steckt, der eingeborenen Animosität zwischen Chemikern und Lokisten sei Dank (von Roter Stern und den Roten Bullen mal ganz zu schweigen). So richtig grün ist man sich aber nicht. Schließlich will ein Erbe verteilt und verwaltet werden.
Die Heimstätte des Leutzscher Fußballs bildet der Alfred-Kunze-Sportpark. Das Fassungsvermögen des 1920 erbauten, bedrohlich kompakt wirkenden Stadions mußte, aufgrund der Sicherheitsauflagen des DFB, von 18000 auf 4999 reduziert werden. Die Zeiten, in denen Stadtderbys ins Zentralstadion ausgelagert werden mußten, sind allerdings auch schon lange vorbei.
An Alfred Kunze erinnert man sich indes nur allzu gern, gilt er doch als Vater der Leutzscher Legende: Zur Saison 1963/64 fanden tiefgreifende Umstrukturierungen statt. In Probstheida, in unmittelbarer Nähe zum Völkerschlachtdenkmal, wurde ein Bezirksleistungszentrum installiert, in das die vermeintlich besten Spieler der bis dato rivalisierenden Vereine abkommandiert wurden. Der ausgesonderte Rest wurde nach Leutzsch geschickt, zu Alfred Kunze, der den Abstieg aus dem Oberhaus verhindern soll. Kunze aber hat andere Ziele; aus den Ungewollten formt er für die BSG eine verschworene Truppe und gewann 1964 mit ihnen den Titel: die zweite und letzte Meisterschaft nach 1951, die nach Leipzig geholt werden konnte.
Unter der Last der Legende trägt sich das grün-weiße Trikot natürlich besonders schwer. Und was hat ein aktueller Landesligist, der zur Halbserie im Mittelfeld der Tabelle siedelt, dem historischen Druck entgegenzusetzen? Glaubt man den Anhängern, verhält es sich mit der BSG Chemie wie mit einem angeschossenen Hund: Man hegt und pflegt ihn. Der Alte wird er nicht mehr werden, aber die Hoffnung auf einen letzten phantastischen Tag bleibt bis zum Schluß.