22.02.2012 / Feuilleton / Seite 12
Inhalt
Allgemeine Verkehrskontrolle
Der kleine Provinzberater
Von Frank Schäfer
Ich habe viele Jahre in der Stadt gelebt, bin durch einige deutsche und europäische Metropolen mit dem Auto gefahren, nie, wirklich nie hat mich die Polizei angehalten, um mal kurz nachzuprüfen, ob ich einen Führerschein besitze, die Reifen genügend Profiltiefe aufweisen oder ob meine dem Beamten ins Gesicht wehende Rachenstandarte das Resultat eines Abends entschlossener Alkoholverkostung ist. Auf dem Dorf passiert einem das zweimal im Jahr.
Die Gründe liegen auf der Hand. Auch hier wird geistigen Getränken in vergleichbarer Größe, Zahl und Frequenz zugesprochen, nur fahren nach Feierabend keine Busse mehr. Und Taxis zu benutzen, hat der Dörfler nie gelernt. Das heißt, er steigt sowieso ins Auto, in jedem Fall, was auch immer der Abend gebracht und er seinen Innereien zugeführt hat. Damit haben wir sozusagen die Opferseite. Auf der Täterseite steht der gelangweilte Provinzschupo, der seine Nachtschicht sinnvoll herumbringen muß. Also stellt er sich hinter das nächste größere Gebüsch gleich am Ortsausgang und kellt jeden Wagen raus, der nach der »Tagesschau« noch unterwegs ist. Und so bedingt das eine das andere. Weil die Dorfsheriffs häufig und systematisch kontrollieren und die Provinzler häufig und systematisch saufen und anschließend noch Auto fahren, lohnen sich solche polizeilichen Kontrollgänge immer, weshalb sie entsprechend häufig und systematisch zur Anwendung kommen.
Das ist lästig, vor allem für junge Menschen, weil die viel unterwegs sind und viel trinken müssen. Man hat als jugendlicher Autofahrer in der Provinz leider häufiger mit den Uniformierten Umgang, als einem lieb sein kann. Man kennt sich, wenn schon nicht mit Namen, dann doch wenigstens als Typus. Und entsprechend unfreundlich ist der Wachtmeister, wenn er wieder mal einen Wagen mit angedudelten Endzehnern angehalten hat. Um dem vorausgeahnten Autoritätsverlust gleich etwas Solides entgegenzusetzen, staucht der staatlich geprüfte Schnauzbartträger erst mal die ganze Fahrgemeinschaft zusammen. Danach muß der Fahrer pusten. Egal wie aufrichtig er versichert, er habe nur Faßbrause zu sich genommen. Und wenn tatsächlich stimmt, was er behauptet, darf er die Überlandfahrt fortsetzen. Nachdem er 20 Euro berappt hat, denn irgendwas findet sich immer.
Immerhin füllt sich der Anekdotenschatz auf solche Weise. Jeder hat eine Geschichte erlebt oder doch wenigstens gehört. Etwa die von dem leidlich hackedichten Fahrer, der sich dem polizeilich verfügten Halt via Vollgas entzieht, was dann eine einstündige Verfolgungsjagd nötig werden läßt, an der fünf weitere Peterwagen beteiligt sind, bis der Alkoholsünder zu Fuß in den dunklen Forst flüchtet und man eine Hundestaffel zur Hilfe holen muß, um ihn, langgestreckt in einer Wildschweinsuhle ausharrend, doch noch dingfest zu machen, mittlerweile durchaus wieder nüchtern.
Oder die komplementäre Story vom notorischen Dorfpichel, der nach dem Fußballtraining anstelle eines Abendessens sieben Bier und eine halbe Flasche Jägermeister zu sich nimmt, um dann ebenfalls, ja, was denn sonst, von der Polente gestellt zu werden. Man hält ihm gleich das Mundstück des Alkomats hin, aber auch nach dem dritten Versuch zeigt dieses Präzisionsgerät keinen Ausschlag auf der nach oben offenen Promilleskala.
Solche Geschichten halten die überlieferten Feindbilder auf beiden Seiten lebendig. Man hat sich eingerichtet. Und damit alles auf ewig so bleibe, setzt die Bullerei schon bei kleinen Kindern einiges daran, sich unbeliebt zu machen. Denn irgendwann sind die ja auch mal auf vier Rädern unterwegs.
Als ich neulich mal wieder in meinem Heimatdorf weilte, wurde ich Zeuge einer hübschen kleinen Szene, die genauso vor fünfzig Jahren hätte stattfinden können. Sie ist vermutlich so alt wie die Provinz selbst. Ein kleiner Junge kam auf dem Fahrrad gefahren, freihändig. Ein Polizist hielt ihn an. »Haste mal n zwölfer Schlüssel?« Der Junge überlegte, schaute hilfsbereit in die Satteltasche, und tatsächlich, sein vorausschauender Vater hatte ihm ein kleines Arsenal Reparaturutensilien zusammengestellt. Stolz zeigte er dem Polypen das Gewünschte. Der nickte zufrieden. »Dann schraub dir mal den Lenker ab, den brauchste ja nicht mehr.«