28.01.2012 / Feuilleton / Seite 13Inhalt

Zitrusfrüchte importieren

Mafiotisch organisiert: Zwei neue Bücher zur Krise in Griechenland

Von Gregor Kritidis
Seit Anfang 2010 wird über die de-facto Pleite Griechenlands und ihre Auswirkungen auf die Entwicklungen in der Euro-Zone diskutiert. Die Fragen, die mit dem Griechenland-Desaster zusammenhängen, liegen auf der Hand: Warum ist ausgerechnet Griechenland zum Brennpunkt der Schuldenkrise in Europa geworden? Inwiefern handelt es sich dabei um das Symptom für eine allgemeine Strukturkrise? Und vor allem: Welche Lösungen werden vorgeschlagen, um diese Krise zu überwinden?

Aus neoliberaler Sicht hat dazu der britische Krimiautor und Wirtschaftsjournalist Matthew Lynn das Buch »Pleite. Griechenland, der Euro und die Staatsschuldenkrise« vorgelegt. Lynn läßt kein gängiges Vorurteil aus, ihm zufolge gehört die griechische Ökonomie schlicht zu den »verdorbensten« in Europa. Mit einer – teilweise haarsträubend sachlich fehlerhaften – Schil derung der griechischen Verhältnisse aber hält sich Lynn auch gar nicht lange auf. Griechenland ist für ihn nur das Symptom für eine Politik der Verschwendung und Verschuldung, deren Wurzel er in der Fehlkonstruktion der Euro-Zone ausmacht. Diese ist für ihn ein utopisches Projekt idealistischer Politiker. Anstatt nun die Euro-Zone aufzulösen und zu den nationalen Währungen zurückzukehren, würde die Krise durch die Brüsseler Rettungspakete verstetigt.

Sieht man einmal von Lynns Begeisterung für das deutsche Modell der Exportorientierung und seinem Bekenntnis zu den Tugenden einer schwäbischen Hausfrau ab, so ist ihm durchaus zuzustimmen, wenn er konstatiert, daß die Schuldenkrise sich auf Dauer nicht mit noch größerer Verschuldung bekämpfen läßt und daß die ökonomischen Unterschiede in der EU durch die gemeinsame Währung sich weiter vertieft haben. Allerdings kommt Lynn gar nicht in den Sinn, daß auch Verschuldung und »Verschwendung« wirtschaftliche Effekte haben, etwa die Exporte deutscher Rüstungs- und Baukonzerne zu befördern, deren Aktivitäten in Griechenland er ignoriert. Daß die Verschuldung der letzten Jahrzehnte das wirtschaftliche Wachstum erst ermöglicht hat, scheint ihm keine Erwägung wert, lieber polemisiert er gegen die »blutrote Wirtschaftspolitik nach den Vorstellungen von J.M. Keynes«.

Lynn betreibt genau das, was er den europäischen Politikern vorwirft: Implizit propagiert er die Utopie eines »normalen«, »funktionierenden« Kapitalismus ohne Verschuldungskrisen und andere Widersprüche. So zutreffend seine Kritik an der Konstruktion der Euro-Zone im Kern auch ist, so sehr macht er sich zum Exponenten der Interessen der britischen Finanzindustrie. Wer über den Kapitalismus nicht reden möchte, sollte zum Euro daher besser schweigen.

Der deutsch-griechische Journalist Wassilis Aswestopoulos legt im Gegensatz zu Lynn sein Augenmerk auf die spezifisch griechischen Aspekte der Schuldenkrise. Ihn treibt die Frage um, warum es in Griechenland nie geglückt ist, Klientelismus, Vetternwirtschaft und Korruption zu überwinden, obwohl es dazu immer wieder positive Ansätze gegeben hat. Neben den mentalitätsgeschichtlichen Folgen des Bürgerkrieges – den besiegten Unter- und Mittelschichten stand eine Oberschicht gegenüber, die sich vor allem durch Schwarzhandel und Kollaboration mit den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg bereichert hatte – diagnostiziert er eine langandauernde politische Krise, die eine Übertragung westeuropäischer Modelle immer wieder habe scheitern lassen. So hätte der Beitritt zur EG für die griechische Landwirtschaft wegen ihrer Fehlanreize katastrophale ökonomische und ökologische Folgen gehabt; beispielsweise könne Griechenland aufgrund des »Subventionswahnsinns« den Eigenbedarf an landwirtschaftlichen Produkten nicht mehr decken und sei groteskerweise zum Importeur von Zitrusfrüchten geworden. Auf der individuellen Ebene verdeutlicht Aswestopoulos an zahlreichen Beispielen, wie zweckrationales Handeln des Einzelnen gesellschaftlich vollkommen irrationale Ergebnisse zeitigt. So sei es eigentlich sogar geboten, Steuern zu hinterziehen, da Steuerehrlichkeit mitunter willkürlich Maßnahmen der Steuerbehörden zur Folge habe, während Steuerhinterziehung zumeist straffrei bleibe, weil man sich durch Pauschalbeträge freikaufen könne.

Allgemein betrachtet ist für Aswestopoulos die mafiotisch organisierte politische Klasse Teil der allgemeinen Korruption und nicht in der Lage, das Land zu führen, stattdessen habe sie versucht, die zahlreichen sozialen und ökonomischen Widersprüche mit Krediten zuzudecken. Interessant ist, daß die Regierung Papandreou zu Beginn der Staatskrise nicht sofort den Gang zum IWF angetreten ist, sondern zunächst versuchte, umfangreiche Kredite von chinesischer und russischer Seite zu bekommen. Der von Papandreous Vorgänger Karamanlis mit Putin vereinbarte Bau einer Gas-Pipeline als Teil des South-Stream-Projekts soll jedoch von US-amerikanischer Seite torpediert worden sein, woraufhin sich das griechisch-russische Verhältnis merklich abgekühlt habe. Die EU und die USA favorisieren das Pipeline-Projekt Nabucco von Aserbaidschan in die Türkei. Ebenso dürfte der EU der Verkauf von griechischen Staatsunternehmen an chinesische Investoren wenig geschmeckt haben. Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, daß in den Kreditverträgen, die Griechenland im Mai 2010 mit den Staaten der Euro-Zone vereinbart hat und mit denen praktisch das ganze Land verpfändet wurde, Kreditverträge mit Dritten ausgeschlossen werden.

Diesen geopolitischen Einflüssen geht Aswestopoulos jedoch nicht systematisch nach. Das ist durchaus exemplarisch für sein Buch: Seine Thesen trägt der Autor eher implizit und versteckt unter einer Fülle von Details vor. Eines jedoch wird überdeutlich: Der Versuch der EU und des IWF, den gordischen Knoten zu durchschlagen, wird nicht zuletzt am Unverständnis, die griechischen Verhältnisse zu verstehen, scheitern.

Matthew Lynn: Pleite - Griechenland, der Euro und die Staatsschuldenkrise. Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2011, 348 Seiten, 19,90 Euro * Aus dem Englischen von Carsten Roth

Wassilis Aswestopoulos: Griechenland – eine Europäische Tragödie. Ambition Verlag, Berlin 2011, 240 Seiten, 24,99 Euro
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