28.01.2012 / Wochenendbeilage / Seite 3 (Beilage)Inhalt

Preußische Mythologie

Das Jahr 2012 nutzen Politik und Medien zum Abfeiern Friedrichs II. und wärmen alte Legenden um ihn wieder auf. Mit ihnen befaßte sich Franz Mehring bereits 1891

Protestaktion während der Festveranstaltung anläß
Protestaktion während der Festveranstaltung anläßlich des 300. Geburtstages von »Friedrich dem Großen« vor dem Nikolaisaal in Potsdam am 24. Januar
Das Neue Palais ist in seiner Art auch ein Siegesdenkmal; Friedrich II. erbaute es in sechs Jahren gleich nach dem Siebenjährigen Kriege, derweil das Land aus tausend Wunden blutete. Es liegt am westlichen Rande des Parks von Sanssouci, ein ungeheures Gebäude mit zahllosen Prunksälen; auf seiner Kuppel tragen die Erzgestalten der drei Grazien mit erhobenen Armen die preußische Krone; den Köpfen der Frauen, die ihm seine Krone halten müssen, hat der König die Züge Maria Theresias, der Pompadour und der Zarin Elisabeth geben lassen. Ein in seiner Art vielleicht nicht übler Witz; nur schade, daß er dem Volke nahezu ebensoviel kostete, wie der König in den dreiundzwanzig Jahren seiner Regierung nach dem Siebenjährigen Kriege auf die Hebung des verwüsteten Landes verwandt hat! (…)

Sicherlich war es persönlichen Schwächen Voltaires geschuldet, daß er sich durch die Schmeicheleien Friedrichs verlocken ließ, unter die Hofnarren von Sanssouci zu gehen (…). Aber was den »schlechten und undankbaren Menschen« schließlich mit dem Könige auseinanderbrachte, war doch nur der Umstand, daß Voltaire sich trotz alledem nicht zum Hofnarren entwürdigen ließ, sondern daß die Freiheit der Wissenschaft ihm höher stand als die Gunst eines Königs. Er warf sich zum Ritter für einen Gelehrten auf, den die Berliner Akademie der Wissenschaften unter dem Schutze des Königs gewaltsam zu unterdrücken suchte, und er führte den Kampf mit den heute noch glänzenden Waffen eines unerschöpflichen Witzes, wie ihn Friedrich nur mit den Bajonetten seiner Grenadiere oder gar mit der Brandfackel des Henkers zu führen wußte. So gewann Voltaire wenigstens einen würdigen Ausgang aus den vielfach unwürdigen Verhältnissen, unter denen er in Berlin und Potsdam gelebt hatte, und das Ende beider Männer zeigte vollends, wer von ihnen tatsächlich dem Fortschritte der Menschheit gelebt hatte. Die menschlich freie und heitere Gastfreundschaft des Patriarchen von Ferney und der düstere, menschenfeindliche Hof des Einsiedlers von Sanssouci – welche Gegensätze! Und welche Gegensätze auch darin, daß Voltaire ganz Europa unter den Schlägen erzittern ließ, mit denen er die Calas und Sirven, die unschuldigen Opfer einer verrotteten Justiz, an ihren Peinigern rächte, während Friedrich in seinem Greisenalter den Gang der geordneten, ohnehin schon drakonischen Rechtspflege durch die Blutbefehle seiner Kabinettsjustiz nur zu stören bedacht war. So befahl er, selbst schon auf den Tod erkrankt, die Hinrichtung eines unfreiwilligen Totschlägers, der von dem ordentlichen Gerichte zu einer gelinden Festungsstrafe verurteilt worden war, indem er die Gegenvorstellung des Justizministers durch den Hinweis auf die »göttlichen Gesetze« zurückwies. (…)

Diese urkundliche Wahrheit sticht freilich seltsam ab von einem kostbaren Kleinod der preußischen Mythologie, von der patriotischen Fabel über den Müller von Sanssouci, der den König Friedrich durch das geflügelte Wort: »Ja, wenn das Kammergericht in Berlin nicht wäre!« von dem beabsichtigten Eingriffe in sein Eigentum abgehalten haben soll. Am bekanntesten ist die französische Fassung dieses Worts, und zwar mit Recht, denn der Ursprung der Fabel ist ein französischer; die Phantasie eines deutschen Fabeldichters, so viele es ihrer zu Friedrichs II. Zeiten gab, hätte auch nimmermehr zu dieser Fabel ausgereicht (Francois) Andrieux (1759–1833) hat den »Müller von Sanssouci« in einer kleinen, poetischen Erzählung erfunden, und sein Vers: Oui, si nous n avions pas des juges a Berlin, Ja, wenn wir nicht Richter in Berlin hätten, hat sich dann zu dem geflügelten Worte verdichtet: il y a des juges a Berlin, es gibt Richter zu Berlin! Andrieux war ein zu harmloser Poet, als daß man ihn in dem Verdacht haben könnte, eine boshafte Revanche für Roßbach (gemeint ist die Schlacht bei Roßbach am 5. November 1757, d. Red.) genommen zu haben; gleichwohl wird sein böhmisches Glas, das jetzt in der preußischen Mythologie als seltener Edelstein glänzt, den Hebern dieses Schatzes dermaleinst scharf in die Finger schneiden. An dem Tage nämlich, an welchem eine wahrhaftige Geschichte der preußischen Kabinettsjustiz, die mit Friedrich II. sowenig geboren wie gestorben ist, geschrieben sein wird.

Franz Mehring: ­Sanssouci. In: Die Neue Zeit, 9. Jg. 1890/91, Zweiter Band, S. 553–556. Hier zitiert nach: Franz Mehring: Gesammelte Schriften, Band 5. Dietz Verlag, Berlin 1982, Seiten 502–506
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