Erprobte Formeln
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Gleich zwei der in diesem Jahr für den Oscar nominierten Filme spielen mit der Simulation der Stummfilmerfahrung. »Hugo« von Martin Scorsese präsentiert Witze über das frühe Kino und die klassische Avantgarde als Kinderfilm. In »Hugo« sitzen Statisten, die aussehen wie James Joyce oder Dali im jeweiligen Tableau herum. Im Zentrum stehen Ausschnitte aus Filmen von Georges Méliès aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die mit neuer digitaler Technik in 3D reanimiert wurden.
»The Artist« von Michel Hazanavicius wiederum erzählt die Geschichte vom Verschwinden des Stummfilms am Beispiel des Niedergangs eines seiner großen Stars, George Valentine (Jean Dujardin). Dessen Tragikomödie spielt in der Phase des Übergangs zum Tonfilm, der sich relativ abrupt in den späten 1920ern vollzog (zunächst hatte es allerdings diverse Hybridformen gegeben).
»The Artist« parodiert den Hollywoodfilm dieser Periode, stumm und in Schwarzweiß. Natürlich werden die Manierismen des Schauspielstils der Zeit parodiert, die klassischen Genregesten (Abenteuer- und Kostümfilm, Melodram, Tanzfilm usw.) und die personalisierten Mythen der Filmindustrie über sich selbst (John Goodman spielt einen freundlich diktatorischen Produzententycoon, Penelope Ann Miller einen aufstrebenden weiblichen Filmstar neuen Typs so zwischen »Flapper« und aufgekratzter junger Katherine Hepburn).
Zitate zur Unterhaltung der Kenner dürfen nicht fehlen. Viele sind sehr offensichtlich auf Wiedererkennung aus, etwa die Protokoll-des-Verfalls-einer-Ehe-am-Frühstückstisch-Sequenz aus »Citizen Kane« (die »Wir-müssen-reden«-Floskel der Beziehungskrise bekommt in diesem Kontext eine entsprechend erweiterte Bedeutung) oder Bernard Herrmanns Filmmusik für »Vertigo« (inzwischen ungefähr so wiedererkennbar wie »Beethoven«).
Vor allem aber wird so getan, als sei der Stummfilm an sich schon so etwas wie ein Genre, das man parodieren könnte. »The Artist« gibt vor, selbst ein Stummfilm zu sein und inszeniert dabei in fast jeder Sequenz eine »innere« Abweichung dazu. Das macht seinen Charme, seinen Reiz als das neue Alte aus.
Anders gesagt, »Stummfilm« ist das neueste Gimmick einer Industrie, die seit einiger Zeit hauptsächlich mit Gimmicks ihre Krise (ökonomisch) und Überholtheit (technisch, ästhetisch) zu überwinden sucht. »Hugo« ist nicht mehr als eine Ansammlung von Gimmicks, der Manierismus von »The Artist« ein Gimmick an sich. Letzteres ist unterhaltsamer.
Gimmick und Krise: Wie sehr ähnelt die Situation der Filmindustrie Anfang der 1930er der heutigen? In seiner aktualisierenden Erweiterung von Paul Rothas berühmten Buch »The film till now« (1930) schrieb der Kritiker Richard Griffith 1948: »Im Jahr 1929 war der Film (motion picture) in der Krise. Über den kurzen Zeitraum eines Jahres war der Stummfilm verschwunden, um in den Kinos und den Herzen des größten Teils der Zuschauer durch Filme mit synchronem Dialog und Musik ersetzt zu werden. Es ist schwierig, die emotionale Wirkung dieser Revolution heute noch nachzuvollziehen.« Die Stummfilm-Erfahrung beschrieb Griffith leicht wehmütig als »eine Art verzauberter (charmed), hypnotischer Trance«, die er mit dem »unvorhersehbaren Muster der Bilder« des halbwachen Bewußtseins kurz vor dem Einschlafen verglich.
Stummfilm bedeutete »Trance«, und »Trance« ist ungefähr das Gegenteil dessen, was sich in »The Artist« abspielt. Da geht es um kalkulierten Effekt und Genrebewußtsein. Zu beweisen ist, daß die erprobten Formeln funktionieren, wenn man sie nur – mit der Ironie der leicht abweichenden Wiederholung – wieder vernünftig einsetzt. So gut wie jeder Witz und jeder Effekt in »The Artist« spielen mit den sorgfältig konstruierten »falschen« Erwartungen eines Publikums, das sich des Anachronistischen dessen, was vor seinen Augen inszeniert wird, sehr bewußt ist. Die scheinbar simple Konvention zum Beispiel, daß Bild und Ton in einem Film synchron sind, daß ein bestimmtes Geräusch einem jeweiligen Objekt quasi räumlich zuzuordnen ist wie in der Realität auch. Aber sowohl Experimentalfilm (kritisch) als auch z.B. TV-Nachrichten (unfreiwillig) verweisen immer wieder darauf, daß die Synchronität von Bild und Ton eine Konvention, phänomenologisch betrachtet eine Täuschung ist.
Der Ton sorgt bekanntlich für den Realitätseffekt im Kino. Verteidiger des Stummfilms wie Rudolf Arnheim hatten in der Übergangszeit am Tonfilm ja auszusetzen, daß er zu platt »realistisch«, zugleich auch zu statisch, theaterhaft, zu »unfilmisch« war. Sie wollten das Phantastische.
In der signfikantesten Szene von »The Artist« hat der Stummfilmstar einen Alptraum. Er sitzt in der Maske, und plötzlich entwickeln die ihn umgebenden Objekte ein Geräuschleben. Er geht aufs Studiogelände, und die hübschen Statistinnen können plötzlich sprechen. Nur sein eigener Entsetzensschrei bleibt alptraumhaft stumm. Der Alptraum aber ist nicht mehr als ein Scherz.
Was diese Szene auch zeigt: »The Artist« ist natürlich überhaupt kein »Stummfilm«. Im Gegenteil, der Film ist ein Musical. Er endet auch mit der (übrigens sehr schönen) Parodie einer glamourösen Ginger-Rogers-und-Fred Astaire-Tanznummer. »Bitte noch einmal«, fordert der Regisseur/Choreograph. »Aber mit dem größten Vergnügen«, antworten die Entertainer (die »artists«).
»The Artist«, Regie: Michel Hazanavicius, Frankreich/Belgien 2011, 100 min, gestern angelaufen