Das Blaue vom Himmel: Die großen Versprechen des neuen brasilianischen Nationaltrainers
Von Andreas Knobloch
Zweite Wahl hin oder her, seit dem Wochenende ist Mano Menezes
brasilianischer Nationaltrainer. Am Dienstag gab er bekannt, wen er
zum Testspiel am 10. August in New Jersey gegen die USA mitnimmt.
Sieben der elf Spieler, die im WM-Viertelfinale gegen die
Niederlande zu Kaninchen vor der Schlange mutierten, blieben
unberücksichtigt. Damit ist Menezes einer Forderung von
Verbandspräsident Ricardo Teixeira nachgekommen:
»Entweder bilden wir eine neue Seleçao, oder wir
bilden eine neue Seleçao, es gibt keine Option.«
Menezes’ erste Verlautbarungen im neuen Amt waren
ähnlich vollmundig. Er werde der Seleçao zu
früherem Glanz verhelfen, versprach er. Ihm sei es um nicht
weniger als eine Mannschaft zu tun, »die in der Lage ist, im
Stadion alle unsere Ansprüche, unsere Träume und
Wünsche in Sachen Fußball« zu erfüllen.
Zehn Länderspieldebütanten hat Mano Menezes für den
Test in New Jersey nominiert, darunter drei Verheißungen vom
FC Santos: Neymar (18), André (19) und Ganso (20). Auf deren
schmalen Schultern lasten die Hoffungen der lädierten
Fußballnation schon etwas länger. Anfang des Jahres
gewann das Dreigestirn mit hinreißendem Offensivfußball
die Meisterschaft des Bundesstaates Sao Paulo. Im Anschluß
forderten die Medien beinahe unisono, der Nationalcoach möge
sie mit zur WM nehmen, was Carlos Dunga geflissentlich
überhörte.
Sein Nachfolger hat nun angekündigt, verstärkt auf
Spieler aus der heimischen Liga zu setzen. Die Hälfte seines
aktuellen 24er-Aufgebots kickt in Brasilien. Von den Corinthians,
die Menezes am Samstag zum vorläufig letzten Mal trainierte,
ist nur einer dabei, und der hat im Verein zuletzt auf der Bank
gesessen: Mittelfeldspieler Jucilei (22). Teamkollege Roberto
Carlos blieb unberücksichtigt, obwohl er im Alter von 37
Jahren ein Abschiedsspiel weiter ablehnt und für die
Seleçao zur Verfügung steht.
Auch die berufenen »Europäer« hören nicht auf
die ganz großen Namen. Aus der Bundesliga fliegt der
Hoffenheimer Eduardo Carlos mit zu den Yankees. Menezes kennt ihn
noch aus der gemeinsamen Zeit bei Gremio Porto Alegre. Alexandre
Pato vom AC Milan kriegt eine neue Chance, ebenso André
Santos, der unter Menezes bei Corinthians Nationalspieler wurde und
mittlerweile bei Fenerbahce in der Türkei unter Vertrag ist.
Dauerhaft wird Menezes aber auf die »WM-Kaninchen« Luis
Fabiano, Maicon oder Kaká nicht verzichten. Und auch mit der
Wiederbelebung des »jogo bonito« (ungefähr:
schönes Offensivspiel) dürfte es nicht allzuweit her
sein. Vom »futebol arte«, dem gern mystifizierten
»Samba-Fußball«, der drei WM-Titel einbrachte,
verabschiedete sich der Verband nach dem WM-Ausscheiden 1982.
Damals setzte die Europäisierung ein. Gespielt wurde nun vor
allem praktisch, diszipliniert, effizient. Dunga, Kapitän der
WM-Titel-Elf von 1994, galt als Personifizierung dieses Stils. Und
ohne den seltsamen Einbruch der Mannschaft in der zweiten Halbzeit
gegen die Niederlande wäre Menezes sicher heute noch bei
Corinthians und die Debatte eine andere.
Dagegen, daß Menezes der Seleçao das Zaubern
beibringt, spricht einiges. Er hat einen Abschluß in
Unternehmensführung und eine Ausbildung zum Sportlehrer.
Beides Indizien für Pragmatismus. Seine Erfolge als Trainer
bei Gremio und Corinthians – als Spieler war er nur in
Amateurligen unterwegs –, basierten auch nicht gerade auf dem
»jogo bonito«. Mit beiden Vereinen gewann er die Zweite
Liga. Überdies erreichte er mit Gremio das Finale der Copa
Libertadores und gewann mit Corinthians den brasilianischen Pokal.
Er hat diese Klubs aus der Krise geführt. Diese Erfahrungen
dürften ihm auf dem neuen Posten zugute kommen. Als
Nationalcoach hat er mehr Optionen und will offensiver spielen
lassen. Wahrscheinlich läuft es auf ein 4-2-3-1-System hinaus,
mit zwei Sechsern, einem zentralen Stürmer und zwei offensiven
Außen.
Menezes’ letztes Spiel auf der Corinthians-Bank endete 3:1.
Danach war sein Team Tabellenführer. Es zog an Fluminense
vorbei, das von Muricy Ramalho trainiert wird und im Stadtderby bei
Botafogo über ein 1:1 nicht hinauskam. Ramalho war vorher von
allen großen Zeitungen schon als neuer Nationalcoach
vorgestellt worden. Er hatte den Job angenommen. Dann verweigerte
sein Club ihm die Freigabe. Die Entscheidungsfindung hatte einiges
von den im Fernsehen so beliebten Telenovelas (Seifenopern): Es gab
einen angefressenen Boß (des Verbands), mehrere
aussichtsreiche Kandidaten, großes Drama, überraschende
Wendungen, Leiden und Leidenschaften. Das kleine Happy End besteht
nun darin, daß Mano Menezes die Seleçao bei der WM
2014 im eigenen Land zum sechsten Titel führen soll. Immerhin
hat der Verband sich und uns eine Trainerfindungskommission
à la DFB erspart. Solch ein Wortungetüm für eine
institutionalisierte Peinlichkeit bekommen eben nur die Deutschen
hin.