29.07.2010 / Sport / Seite 16Inhalt

Es gibt keine Option

Das Blaue vom Himmel: Die großen Versprechen des neuen brasilianischen Nationaltrainers

Von Andreas Knobloch
Zweite Wahl hin oder her, seit dem Wochenende ist Mano Menezes brasilianischer Nationaltrainer. Am Dienstag gab er bekannt, wen er zum Testspiel am 10. August in New Jersey gegen die USA mitnimmt. Sieben der elf Spieler, die im WM-Viertelfinale gegen die Niederlande zu Kaninchen vor der Schlange mutierten, blieben unberücksichtigt. Damit ist Menezes einer Forderung von Verbandspräsident Ricardo Teixeira nachgekommen: »Entweder bilden wir eine neue Seleçao, oder wir bilden eine neue Seleçao, es gibt keine Option.«

Menezes’ erste Verlautbarungen im neuen Amt waren ähnlich vollmundig. Er werde der Seleçao zu früherem Glanz verhelfen, versprach er. Ihm sei es um nicht weniger als eine Mannschaft zu tun, »die in der Lage ist, im Stadion alle unsere Ansprüche, unsere Träume und Wünsche in Sachen Fußball« zu erfüllen.

Zehn Länderspieldebütanten hat Mano Menezes für den Test in New Jersey nominiert, darunter drei Verheißungen vom FC Santos: Neymar (18), André (19) und Ganso (20). Auf deren schmalen Schultern lasten die Hoffungen der lädierten Fußballnation schon etwas länger. Anfang des Jahres gewann das Dreigestirn mit hinreißendem Offensivfußball die Meisterschaft des Bundesstaates Sao Paulo. Im Anschluß forderten die Medien beinahe unisono, der Nationalcoach möge sie mit zur WM nehmen, was Carlos Dunga geflissentlich überhörte.

Sein Nachfolger hat nun angekündigt, verstärkt auf Spieler aus der heimischen Liga zu setzen. Die Hälfte seines aktuellen 24er-Aufgebots kickt in Brasilien. Von den Corinthians, die Menezes am Samstag zum vorläufig letzten Mal trainierte, ist nur einer dabei, und der hat im Verein zuletzt auf der Bank gesessen: Mittelfeldspieler Jucilei (22). Teamkollege Roberto Carlos blieb unberücksichtigt, obwohl er im Alter von 37 Jahren ein Abschiedsspiel weiter ablehnt und für die Seleçao zur Verfügung steht.

Auch die berufenen »Europäer« hören nicht auf die ganz großen Namen. Aus der Bundesliga fliegt der Hoffenheimer Eduardo Carlos mit zu den Yankees. Menezes kennt ihn noch aus der gemeinsamen Zeit bei Gremio Porto Alegre. Alexandre Pato vom AC Milan kriegt eine neue Chance, ebenso André Santos, der unter Menezes bei Corinthians Nationalspieler wurde und mittlerweile bei Fenerbahce in der Türkei unter Vertrag ist. Dauerhaft wird Menezes aber auf die »WM-Kaninchen« Luis Fabiano, Maicon oder Kaká nicht verzichten. Und auch mit der Wiederbelebung des »jogo bonito« (ungefähr: schönes Offensivspiel) dürfte es nicht allzuweit her sein. Vom »futebol arte«, dem gern mystifizierten »Samba-Fußball«, der drei WM-Titel einbrachte, verabschiedete sich der Verband nach dem WM-Ausscheiden 1982. Damals setzte die Europäisierung ein. Gespielt wurde nun vor allem praktisch, diszipliniert, effizient. Dunga, Kapitän der WM-Titel-Elf von 1994, galt als Personifizierung dieses Stils. Und ohne den seltsamen Einbruch der Mannschaft in der zweiten Halbzeit gegen die Niederlande wäre Menezes sicher heute noch bei Corinthians und die Debatte eine andere.

Dagegen, daß Menezes der Seleçao das Zaubern beibringt, spricht einiges. Er hat einen Abschluß in Unternehmensführung und eine Ausbildung zum Sportlehrer. Beides Indizien für Pragmatismus. Seine Erfolge als Trainer bei Gremio und Corinthians – als Spieler war er nur in Amateurligen unterwegs –, basierten auch nicht gerade auf dem »jogo bonito«. Mit beiden Vereinen gewann er die Zweite Liga. Überdies erreichte er mit Gremio das Finale der Copa Libertadores und gewann mit Corinthians den brasilianischen Pokal. Er hat diese Klubs aus der Krise geführt. Diese Erfahrungen dürften ihm auf dem neuen Posten zugute kommen. Als Nationalcoach hat er mehr Optionen und will offensiver spielen lassen. Wahrscheinlich läuft es auf ein 4-2-3-1-System hinaus, mit zwei Sechsern, einem zentralen Stürmer und zwei offensiven Außen.

Menezes’ letztes Spiel auf der Corinthians-Bank endete 3:1. Danach war sein Team Tabellenführer. Es zog an Fluminense vorbei, das von Muricy Ramalho trainiert wird und im Stadtderby bei Botafogo über ein 1:1 nicht hinauskam. Ramalho war vorher von allen großen Zeitungen schon als neuer Nationalcoach vorgestellt worden. Er hatte den Job angenommen. Dann verweigerte sein Club ihm die Freigabe. Die Entscheidungsfindung hatte einiges von den im Fernsehen so beliebten Telenovelas (Seifenopern): Es gab einen angefressenen Boß (des Verbands), mehrere aussichtsreiche Kandidaten, großes Drama, überraschende Wendungen, Leiden und Leidenschaften. Das kleine Happy End besteht nun darin, daß Mano Menezes die Seleçao bei der WM 2014 im eigenen Land zum sechsten Titel führen soll. Immerhin hat der Verband sich und uns eine Trainerfindungskommission à la DFB erspart. Solch ein Wortungetüm für eine institutionalisierte Peinlichkeit bekommen eben nur die Deutschen hin.
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