US-Flugzeugträger »Harry S. Truman« auf dem
Weg in Richtung Persischer Golf – in Begleitung des deutschen
Verteidigungsministers Karl Theodor zu Guttenberg (14.6.2010)
Foto: AP
|
Seit der Verabschiedung der vierten Sanktionsresolution des
UN-Sicherheitsrats am 9. Juni überschlagen sich die
Gerüchte und Mutmaßungen über bald mögliche
militärische Angriffe gegen Iran. Sie erreichen eine
Umlaufgeschwindigkeit und Verbreitung, die ohne das Internet
unvorstellbar wäre. Indessen werden solche Geschichten schon
seit mindestens sechs Jahren regelmäßig von
unterschiedlichen, nicht immer präzise zu identifizierenden
Stellen in die Welt gesetzt. Auf iranischer Seite hat man sich
längst daran gewöhnt, alle diese Gerüchte, ebenso
wie die ständigen konkreten Angriffsdrohungen israelischer
Politiker, Militärs und Geheimdienstler, als »politische
Kriegführung« abzutun, mit der Iran eingeschüchtert
werden solle. Am 30. Juni sagte Präsident Mahmud
Ahmadinedschad in einem langen Gespräch mit der
japanischen
Nachrichtenagentur Kyodo, niemand könne und werde
es wagen, Iran anzugreifen, nicht einmal die USA und erst recht
nicht Israel. »Sie glauben, daß sie Vorteile für
die Verhandlungen gewinnen können, wenn sie den Knüppel
in der Hand halten, aber sie sollten wissen, daß das bestimmt
nicht geschehen wird.«
Ob Irans maßgebliche Politiker und Militärs sich
wirklich militärisch sicher fühlen oder ob sie diese
scheinbar unbekümmerte Reaktion lediglich für den
sinnvollsten Umgang mit den permanenten Kriegsdrohungen halten,
läßt sich nicht klären. Offensichtlich ist jedoch,
daß die Prognosen der vergangenen Jahre über einen nahen
Kriegstermin sich alle als falsch erwiesen haben. Vielen
Gerüchten war anzusehen, daß sie zum Zweck der
Desinformation in die Welt gesetzt worden waren. Auch die derzeit
kursierenden Sensationsgeschichten erweisen sich bei näherem
Hinsehen als unglaubwürdig.
Das schließt indessen keineswegs mit Sicherheit aus,
daß die USA oder Israel schon innerhalb der nächsten
Monate einen Krieg gegen Iran auslösen könnten. Als Start
könnten provozierte militärische Zwischenfälle oder
ein israelischer Luftangriff auf das Atomkraftwerk bei Buschehr
dienen, das
nach vielmaligen Verschiebungen nun wohl doch im
September in Betrieb genommen werden soll. Die bekannte Logik
israelischer Politik spricht für einen Angriff noch vor der
Einbringung der Brennelemente in den Reaktor. Im Vorfeld
könnte die Produktion von offensichtlichen Falschmeldungen
über militärische Vorbereitungsmaßnahmen auch als
bewußte Ablenkungstaktik interpretiert werden.
Destabilisierende Falschmeldungen
Die Serie der jüngsten Gerüchte eröffnete am 12.
Juni, nur drei Tage
nach der Entscheidung im UN-Sicherheitsrat, die
britische Times. Die ehemals als zwar konservativ, aber seriös
geltende Tageszeitung ist, seit sie 1981 vom neokonservativen
Mediengroßunternehmer Rupert Murdoch übernommen wurde,
schon wiederholt als Ausgangspunkt einschlägiger
Falschmeldungen aufgetreten. Mehr noch gilt das für die in
gleicher Hand befindliche Sunday Times. Typisch für beide
Blätter sind Artikel, deren zentrale Behauptungen fast
ausschließlich auf anonymen, nicht verifizierbaren
»Quellen« beruhen.
Am 12. Juni waren es »militärische Quellen in der
Golfregion«, »US-amerikanische militärische
Quellen in dem Gebiet« und »Quellen in
Saudi-Arabien«. Unter Berufung auf diese behauptete die
Times, die saudische Regierung habe Israel die Erlaubnis erteilt,
für Angriffe gegen Iran einen »schmalen
Luftraumkorridor« im Norden des Landes zu benutzen, um die
Flugstrecke abzukürzen. Israelische Flugzeuge hätten
selbst mit Auftanken in der Luft Schwierigkeiten, die Ziele im Iran
zu erreichen, wenn sie nicht über Saudi-Arabien fliegen
dürften, schrieb zumindest die Times. Das saudische
Militär habe bereits Tests gemacht, um das kurzzeitige
Abschalten ihrer Luftabwehr für einen solchen Fall zu
erproben. Das Ganze erfolge mit Zustimmung des
US-Außenministeriums.
Auffallend war, daß nicht nur die saudische Regierung die
Meldung sofort dementieren ließ, sondern kurz darauf auch
Irans Präsident Ahmadinedschad auf klare Distanz ging:
»Zweifellos« seien die USA und Israel »Feinde
Irans und Saudi-Arabiens«. Daher versuchten sie, zwischen den
beiden Ländern »eine Kluft zu schaffen«.
»Wenn Iran und Saudi-Arabien zusammenstehen, werden es unsere
Feinde nicht wagen, mit ihrem aggressiven Verhalten, der Besetzung
und dem Druck gegen die moslemische Welt fortzufahren.«
– Grundsätzlich ist festzustellen, daß Teheran auf
alle westlichen Ver
suche, die Staaten der arabischen Halbinsel
gegen Iran auszuspielen und in Front zu bringen, mit Appellen zur
Einheit antwortet.
Am 19. Juni meldete die in London erscheinende
propalästinensische Tageszeitung Al-Quds Al-Arabi, daß
der US-Flugzeugträger »Harry S. Truman« und elf
oder zwölf weitere Kriegsschiffe den Suezkanal in Richtung
Indischer Ozean und Persischer Golf durchfahren hätten. Die
Meldung stimmte. Fragwürdig waren und sind jedoch die daran
geknüpften Spekulationen, daß diese
außergewöhnlich massive Flottendemonstration, an der
übrigens auch die deutsche Fregatte »Hessen«
teilnahm, bereits Teil unmittelbarer Kriegsvorbereitungen sei.
Kritiker dieser Überlegungen wiesen darauf hin, daß
immer wieder NATO-Kriegsschiffe den Suezkanal durchfahren und
daß das Besondere in diesem Fall nur deren
möglicherweise vorübergehende Zusammenfassung zu einem
großen Verband gewesen sei. Die US-Marine hat schon seit
Jahren ständig mindestens einen Flugzeugträger, zeitweise
auch zwei, mit Begleitschiffen in der Nähe Irans stationiert.
Diese wechseln sich alle fünf bis sechs Monate ab. Zur Zeit
spricht nichts gegen die Annahme, daß die
»Truman« routinemäßig den in der Region
befindlichen Träger »Dwight D. Eisenhower«
ablösen soll.
Am 23. Juni erschien in allen israelischen Medien ein
Sensationsbericht, dem angeblich eine Meldung der iranischen
Nachrichtenagentur Fars zugrunde lag. Ob es diese wirklich gegeben
hat, ist ungewiß. Im englischen Dienst der Agentur ist sie
nicht zu finden, angeblich auch nicht in der Landessprache Farsi.
Einige Quellen behaupten, die Meldung sei lediglich auf Arabisch
erschienen. Sicher ist jedenfalls, daß ein solches
Gerücht der erklärten Politik der iranischen Führung
– sich nicht einschüchtern zu lassen – total
widerspräche. Anders als das für Fars im Westen gern
gebrauchte Attribut »halboffiziell« suggerieren soll,
herrscht allerdings in iranischen Medien eine erstaunliche
Anarchie, oft in Verbindung mit mangelnder Professionalität.
Soll heißen: Es kann nicht sicher ausgeschlossen werden,
daß das Gerücht wirklich zuerst von Fars
veröffentlicht wurde.
Im wesentlichen besagte es, daß am 18. und 19. Juni
israelische Hubschrauber auf dem saudi-arabischen
Militärflughafen Tabuk gelandet seien. Die Besatzungen
hätten dort militärische Ausrüstung abgeladen und
neun Kilometer von der Stadt entfernt einen Stützpunkt
errichtet. Alle zivilen Flüge von und
nach Tabuk seien in
dieser Zeit eingestellt worden. Ein angeblicher Zeuge wurde mit der
Aussage zitiert, den Flugpassagieren seien Hotelüber
nachtungen
bezahlt worden. Angesichts des Fehlens sonstiger Quellen für
die ganze Geschichte ist nicht auszuschließen, daß das
Gerücht seine Wurzel zunächst in einer Störung des
saudischen Flugverkehrs hatte. Kritiker weisen darauf hin,
daß ein permanenter israelischer Stützpunkt auf
saudischem Gebiet einen hohen Grad an Unwahrscheinlichkeit hat,
zumal er selbstverständlich nicht geheimgehalten werden
könnte. Schon gar nicht aber mache eine Basis in Tabuk
irgendeinen erkennbaren Sinn im Zusammenhang mit möglichen
Kriegsvorbereitungen gegen Iran. Denn der Ort liegt nur 200
Kilometer vom israelischen Hafen Eilat entfernt, würde also
keine nennenswerte Verkürzung der langen Flugstrecke zu den
iranischen Zielen darstellen.
Behauptungen und Spekulationen
Von einem Boot der iranischen Revolutionsgarden aus wird auf
ein stillgelegtes Kriegsschiff in der Straße von Hormus
gezielt (22.4.2010)
Foto: AP
|
Falschmeldungen über eine angebliche militärische
Kooperation zwischen Israel und Saudi-Arabien verfolgen einen
mehrfachen Zweck. Neben dem Schüren von Zwietracht und
Mißtrauen dienen sie auch der Legende, Iran habe, von ganz
wenigen Ausnahmen abgesehen, die gesamte »internationale
Gemeinschaft« gegen sich. Vor allem die zionistische
Propaganda verbreitet unermüdlich das Märchen, die
arabischen Staaten hätten vor Iran viel mehr Angst als vor
Israel, und sie würden sich wegen Irans nicht vorhandenen
Atomwaffen weitaus mehr Sorgen machen als wegen der real
existierenden israelischen. Die wirkliche Situation, daß
Israel zur Zeit in der Region völlig isoliert ist, wird in ihr
Gegenteil verkehrt. Da es keine offiziellen, verifizierbaren
Aussagen in diesem Sinne gibt, müssen nicht zu widerlegende
anonyme »Quellen« herhalten.
Am 26. Juni meldeten arabische Zeitungen der Golf-Region, darunter
Akhbar Al-Khaleej und Gulf Daily News (beide aus Bahrain),
daß in Aserbaidschan – einem postsowjetischen
Nachbarstaat Irans – US-amerikanische Bodentruppen und
israelische Kampfflugzeuge stationiert worden seien. Das würde
in der Tat die Flugstrecke zu den iranischen Zielen entscheidend
verkürzen. Außerdem werde, diesen Gerüchten aus wie
üblich anonymen Quellen zufolge, auf dem Seeweg über das
Schwarze Meer militärisches Material, größtenteils
aus US-Beständen, zu einem nicht namentlich genannten
georgischen Hafen transportiert. »Georgische Küstenwacht
und israelische Lotsen« (controllers) würden
zusammenarbeiten, »um die Operationen vor russischen Schiffen
zu verbergen«, behauptete die Gulf Daily News.
Nicht überprüfbare Behauptungen und Spekulationen,
daß Aserbaidschan bereit sein könnte, sich als
Hinterland für Militärschläge gegen Iran zur
Verfügung zu stellen, kursieren seit Jahren. Sie dienen
hauptsächlich der Vergiftung des Verhältnisses zwischen
den beiden Staaten. Das allein ist allerdings kein sicherer Beweis,
daß alle Gerüchte total falsch sind. Belastbare Indizien
für diese von der aserbaidschanischen Regierung mehrfach
zurückgewiesene Theorie gibt es indessen nicht. Was aber die
aktuellen Behauptungen angeht, sind sie äußerst
unwahrscheinlich und durch keine identifizierbare Quelle
gestützt.
Bereits am 30. Mai hatte die Sunday Times gemeldet, drei
israelische U-Boote mit nuklear bestückten Cruise Missiles
seien »im Golf nahe der iranischen Küste im
Einsatz«. Es handele sich um die in Deutschland produzierten
U-Boote der Delphin-Klasse, die Israel zu mehr als der Hälfte
geschenkt wurden. Daß sie atomar
nachrüstbar seien, ist
zwar eine plausible Annahme, die aber nicht bewiesen ist.
Überhaupt beruht alles, was die israelischen Atomwaffen
angeht, einschließlich ihrer Anzahl, fast
ausschließlich auf Vermutungen. Die angebliche Entsendung der
drei U-Boote in den Persischen Golf diene als Signal der
Abschreckung, aber auch der Sammlung militärischer
Erkenntnisse und eventuell der Landung von Agenten des
Geheimdienstes Mossad, schrieb die Sunday Times. Die U-Boote seien
schon früher gelegentlich in den Golf eingefahren. Aber jetzt
sei die Entscheidung gefallen, permanent mindestens eines der sich
abwechselnden Boote dort zu haben.
Rückblick: Kriegsgerüchte
An dieser Stelle ist ein kurzer Rückblick auf die wichtigsten
Kriegsgerüchte der letzten Jahre angebracht: Im Oktober 2003
wußte der Spiegel zu berichten, der Mossad habe den Auftrag
bekommen, Pläne zur Zerstörung der iranischen Atomanlagen
auszuarbeiten.
Während des Jahres 2004 wurde auf mehr oder weniger linken
Internetseiten immer stärker die Überzeugung aufgebaut,
daß Präsident George W. Bush noch vor der Wahl im
November, die über seine zweite Amtszeit entscheiden
würde, einen Krieg gegen Iran eröffnen wolle, um seine
Siegeschancen zu verbessern.
Im März 2005 behauptete die Sunday Times, das sogenannte
innere Kabinett des damaligen Regierungschefs Ariel Scharon habe
die Ausarbeitung von Angriffsplänen gegen Iran und die
Vorbereitung von Militärschlägen beschlossen.
Im November 2006 berichtete der international angesehene
US-Journalist Seymour Hersh im Magazin The New Yorker,
»Insider« im amerikanischen Regierungsapparat
würden noch während der (im Januar 2009 ablaufenden)
Amtszeit von Bush mit militärischen Angriffen gegen Iran
rechnen.
Im Januar 2007 meldete die Sunday Times unter Berufung auf nicht
näher bezeichnete »israelische
Militärquellen«, daß Israel den Einsatz von
Nuklearwaffen gegen Iran plane. Zwei Luftwaffengeschwader
übten bereits Angriffe auf iranische Atomanlagen.
Im März 2007 berichtete die
Nachrichtenagentur AP, die
US-Marine führe ihr größtes Manöver im
Persischen Golf seit Beginn des Irak-Krieges vor vier Jahren durch.
An den Militärübungen seien zwei Flugzeugträger mit
ihren Begleitschiffen und mehr als 10000 Soldaten beteiligt. 100
Kampfflugzeuge sollten Angriffe gegen die iranische Küste
trainieren. Die Meldung stimmte offenbar. Falsch waren nur die weit
verbreiteten Interpretationen, die das Manöver fast schon als
Kriegsbeginn ansahen.
Am 2. September 2007 behauptete die Sunday Times, daß das
US-Kriegsministerium rund 1200 iranische Ziele für
Luftangriffe festgelegt habe. Am 23. September 2007 meldete
dasselbe Blatt, das Pentagon habe schon im Juni eine streng geheime
Planungsgruppe für einen Luftkrieg gegen Iran
eingesetzt.
Am 4. Mai 2008 berichtete die Sunday Times unter Berufung auf
anonyme Quellen, die US-Streitkräfte würden an
Plänen für einen »chirurgischen Schlag« gegen
ein Ausbildungslager irakischer Milizen auf iranischem Gebiet
arbeiten. Präsident Bush sei entschlossen, das
»Iran-Problem« nicht an seinen
Nachfolger zu
übergeben, ohne eine militärische Konfrontation auf den
Weg gebracht zu haben.
Mögliche Provokationen
Bei aller begründeten und notwendigen Skepsis gegenüber
der Gerüchteflut gibt es aber auch reale Indikatoren für
einen militärischen Konflikt noch im laufenden Jahr. Der
wichtigste ist die zu vermutende Entschlossenheit Israels, den
Reaktor von Buschehr zu zerstören, bevor er in Betrieb
genommen werden kann. Als Termin dafür gibt Iran zur Zeit Ende
September 2010 an. Allerdings könnte das mit dem Bau
beauftragte russische Unternehmen, das die Fertigstellung immer
wieder hinausgezögert hat, vielleicht eine nochmalige
Verschiebung herbeiführen.
Daß die am 9. Juni vom UN-Sicherheitsrat beschlossenen
erweiterten Sanktionen weder den wirtschaftlichen Zusammenbruch
Irans noch die Kapitulation seiner politischen und
militärischen Führung erzwingen können, muß
allen Beteiligten klar sein. Sie sind auch völlig ungeeignet,
die Iraner »kompromißbereiter« zu machen, zumal
man ihnen in Wirklichkeit gar keine
Kompromißmöglichkeiten anbietet. USA und EU sprechen
zwar von Verhandlungen, sehen aber außer dem bedingungslosen
und unbefristeten Verzicht Irans auf die Urananreicherung kein
anderes Ergebnis als denkbar vor. Ob selbst mit einem solchen
Verzicht der Konflikt friedlich beendet werden könnte, ist
äußerst fraglich. Denn zumindest die USA haben
inzwischen weitere Themen unentwirrbar mit dem Atomstreit
verknüpft. Darunter die iranische »Unterstützung
für den internationalen Terrorismus« (gemeint sind
Hisbollah und Hamas) und die »Verletzung der
Menschenrechte« im Iran.
Ahmadinedschad hat inzwischen angekündigt, daß Iran zu
neuen Gesprächen nicht vor Ende August bereit sein wird. Er
bezeichnete das als »Strafe« für die
Sanktionsresolution. Tatsächlich geht es aber wohl viel mehr
um Zeitgewinn in der heiklen Phase, die mit der Inbetriebnahme von
Buschehr verbunden ist. Teil der am 9. Juni verabschiedeten
Sicherheitsresolution 1929 ist eine Fristsetzung von 90 Tagen, die
Anfang September endet. Hat Iran bis dahin nicht sämtliche
Forderungen akzeptiert, die sich allerdings anhand der bisherigen
Resolutionen noch nicht einmal exakt definieren lassen, sind die
nächsten Strafmaßnahmen fällig.
Ein zusätzlicher Gesichtspunkt ist, daß im September,
ganz genau wohl am 25. des Monats, das von der israelischen
Regierung unter starkem amerikanischen Druck zugestandene
zehnmonatige »Siedlungsmoratorium« endet. Die rechten
Parteien der Jerusalemer Regierungskoalition haben jetzt schon
angekündigt, daß sie das Moratorium keinesfalls
verlängern wollen. Damit entsteht dann für Israel neuer
außenpolitischer Ablenkungsbedarf. Die westliche
»Öffentlichkeit« scheint mittlerweile hinreichend
konditioniert, um für israelische oder amerikanische
Militärschläge gegen Iran weitaus mehr Verständnis
aufzubringen als für die seit über 40 Jahren andauernde
Unterdrückung der Palästinenser.
Anlaß zu starker Besorgnis sind die Punkte 14 bis 20 der
Resolution 1929, die die Durchsuchung iranischer Schiffe in
ausländischen Häfen, aber auch auf hoher See regeln.
Jeder Staat darf demzufolge Kriegsschiffe einsetzen, um Schiffe,
die von und
nach iranischen Häfen unterwegs sind, zur
»Inspektion« aufzufordern. Die einzige Voraussetzung
ist, daß dem betreffenden Staat »Informationen«
vorliegen müssen, die »vernünftige Gründe zu
der Vermutung« geben, daß sich an Bord des Schiffes
sanktionierte Güter (insbesondere Waffen und
Ausrüstungsteile für die Atomindustrie) befinden
könnten. In der Realität kann jeder Staat sein Verhalten
unüberprüfbar und unkorrigierbar selbst bestimmen.
Eine wesentliche Einschränkung ist, daß das Land, unter
dessen Flagge das betroffene Schiff fährt, der Untersuchung
zustimmen muß. Da Iran sich voraussichtlich weigern wird,
Inspektionen zuzulassen, bleibt zunächst hauptsächlich
die propagandistische Ausschlachtung solcher Vorfälle als
angeblichen Beweis iranischer Schuld. Außerdem könnten
die betroffenen Schiffe auf der Weiterfahrt keinen Hafen mehr
anlaufen, da es dort kein Weigerungsrecht gegen Inspektionen
gibt.
Gegen nordkoreanische Schiffe sind Durchsuchungen auf hoher See
schon seit 2006 zulässig. Die entsprechenden Bestimmungen
wurden vom Sicherheitsrat am 12. Juni 2009 verschärft. Da
nach
kann der Staat, unter dessen Flagge das Schiff fährt, zwar
immer noch einer Inspektion auf See widersprechen.
Anschließend muß das Schiff aber den nächsten
»geeigneten« Hafen ansteuern, um dort durchsucht zu
werden.
Im Falle Nordkoreas hat China zwar den Resolutionen beide Male
zugestimmt, aber seinen ausdrücklichen Widerspruch gegen das
Inspektionsrecht zu Protokoll gegeben. Tatsächlich hat es
bisher außer einem Fall, wo US-Kriegsschiffe einen
nordkoreanischen Frachter »beschatteten«, der angeblich
Waffen
nach Myanmar transportieren sollte, und ihn damit
schließlich zur Umkehr zwangen, keine Konfrontationen
gegeben.
Die USA könnten aber von der Lizenz, die ihnen Resolution 1929
gibt, einen sehr viel umfangreicheren und aggressiveren Gebrauch
machen. Naheliegend wäre es, darüber recht bald einen
Beschluß der NATO und die Aufstellung eines internationalen
Flottenverbandes herbeizuführen. Iran hat bereits
angekündigt, auf Belästigungen seiner Schiffe mit
analogen Inspektionsmaßnahmen im Persischen Golf und in der
Meerenge von Hormus zu reagieren. Damit hätten die USA und
Israel die Kriegsprovokation, die sie anstreben. Und die EU,
einschließlich Deutschlands, säße vermutlich
ebenso hilf- wie widerspruchslos »mit im Boot«.