Guantánamo Bay, 12. Mai 2009: Suche nach unerlaubten Gegenständen bei Gefangenen
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Steven T. Wax ist staatlich bestellter Pflichtverteidiger in
Portland, Oregon/USA. In seinem Buch »Kafka in Amerika«
schildert er die Geschichte zweier Mandanten – des
US-Bürgers Brandon Mayfield und des in Guantánamo
inhaftierten Sudanesen Adel Hamad
Warum heißt Ihr Buch »Kafka in
Amerika«?
Während meiner College-Zeit habe ich den Roman »Der
Prozeß« von Franz Kafka gelesen. Was darin geschildert
wird, entspricht meiner Vorstellung von einem unfairen System. Als
ich mit der Arbeit als Strafverteidiger von Brandon Mayfield und
Adel Hamad begann, haben mich deren Fälle an das erinnert, was
ich bei Kafka gelesen hatte: Den Gefangenen war es verboten,
einander zu sehen; sie bekamen entweder keinen Rechtsanwalt oder
einen Strafverteidiger, der fast keine Möglichkeit hatte, mit
ihnen zu kommunizieren. Für mich war das ein kafkaeskes
System. Darum der Titel.
Der sogenannte Krieg gegen den Terror war Ursache für
die Entwicklung des von Ihnen beschriebenen Willkürsystems.
Sie schreiben, daß es 70 ähnlich gelagerte Fälle
wie den von Brandon Mayfield gab, der u.a. wegen seines
muslimischen Glaubens überwacht und verhaftet wurde. Wie
erklären Sie sich das Verhalten von Justiz und
Sicherheitsbehörden?
Bedenken Sie, ich habe nie zusammen mit George W. Bush oder Richard
Cheney im Weißen Haus gesessen. Daher kann ich nicht sagen,
was wirklich in ihnen vorging. Aus der Perspektive einer Person,
die in den USA lebt und arbeitet, kann ich es mir nur so
erklären: Der 11. September 2001 hatte einen dramatischen
Effekt auf die US-Bevölkerung und die Regierung. Er hat Angst
ausgelöst. Die Leute an der Macht antworteten aus einer
Position der Angst auf dieses Attentat, einer Angst, nicht mehr der
Verantwortung gewachsen zu sein, die Sicherheit der Gesellschaft
garantieren zu können. Ohne Frage, es gibt böse Jungs da
draußen. Es ist somit ausgesprochen kompliziert, auf die
Bedrohung durch Terrorismus zu reagieren. Doch unsere Politiker
benutzten die im Land vorhandene Angst, um die Bürger und ihre
eigenen Unterstützer zu manipulieren. Die Angst wirkt wie eine
Scheuklappe bei einem Rennpferd. Sie konnten nur das Ziel
verfolgen, das sie ohnehin anvisiert hatten. Alles was davon
abwich, fand keine Beachtung.
Der zweite Fall, den Sie beschreiben, ist der des
Sudanesen Adel Hamad – noch absurder als der des
US-Bürgers Mayfield. Ihrer Meinung nach gibt es für
Personen, die einmal in diese Justizmühle geraten sind, keinen
Ausweg. Sie vergleichen dieses System u.a. mit den
lateinamerikanischen Militärdiktaturen der 70er und 80er
Jahre, die Tausende Menschen einfach verschwinden ließen. Wie
ist es aus Ihrer Sicht möglich, daß so etwas in
sogenannten entwickelten westlichen Demokratien geschehen
kann?
In den USA wurde darüber debattiert, ob dem internationalen
Terrorismus unter strafrechtlichen oder militärischen
Voraussetzungen begegnet werden soll. Die Administration Bush hat
sich klar für die zweite Variante entschieden. Nach
internationalem Recht ist es während eines Krieges
möglich, jemanden auf dem Schlachtfeld zu verhaften und ihn
ohne langen Prozeß einzusperren. Da Bush der
Auseinandersetzung mit dem Terrorismus militärische Regeln
zugrunde legte, hielt er es für möglich, auch Prozesse
nach Kriegsrecht zu führen. Das Problem ist aber, daß
ein Großteil der Männer, die in Guantánamo
einsitzen, nicht auf dem Schlachtfeld, sondern wie Adel Hamad bei
sich zu Hause verhaftet wurden. Zudem ist der »Krieg gegen
den Terror« kein traditioneller Krieg mit einem Anfang und
einem Ende. Bushs Argumentation greift daher nicht. Das Oberste
Gericht mußte ihn dreimal darauf hinweisen, daß er
nicht über diese Macht verfügt.
Was hat sich mit Obama verändert?
Obama hat noch in der ersten Woche nach Amtsantritt jede einzelne
der Präsidialverfügungen, die Bush unterschrieben hatte,
außer Kraft gesetzt. Er sagte, daß es sich bei den
sogenannten Enhanced Interrogations, einigen Verhörpraktiken,
unter die auch das »Waterboarding« fällt, um
Folter handelt. Und er hat jede einzelne der zwischen dem
11.September 2001 und dem 19.Januar 2009 von Bush erlassene
Anordnungen für aufgehoben erklärt.
Aber der Patriot Act, das Gesetz, auf dem alle
Verfügungen beruhen, bleibt weiter in Kraft?
Das stimmt, auch wenn er in einigen Aspekten modifiziert wurde.
Insgesamt vertreten Sie sieben Mandanten, die in
Guantánamo sind oder waren. Wie ist deren Situation heute
dort?
Der Alltag in dem Lager hat sich seit dem Antritt von
Präsident Obama erheblich verbessert, er ist sehr viel
einfacher geworden. Die Gefangenen können Fußball
spielen, sie können Filme schauen, auch die Kommunikation
untereinander ist nun möglich, und sie können freier mit
ihren Familien sprechen. Es ist immer noch ein Gefängnis,
viele von ihnen sollten nicht da sein.
Können Sie ausschließen, daß heute in
Guantánamo gefoltert wird?
Ja, das kann ich ausschließen. Vor sechs Jahren wurde
Guantánamo-Chef General Miller nach Abu Ghraib bei Bagdad
versetzt. Seitdem wird bei den Verhören zwar psychologischer
Druck erzeugt. Es wurde jedoch niemand geschlagen, in einen 50 Grad
heißen Raum gesteckt oder mit Schlafentzug und ähnlichem
bestraft.
Wann wird Guantánamo geschlossen?
Das ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Präsident Obama hat
bei Amtsantritt angekündigt, er wolle das Lager innerhalb
eines Jahres schließen. Dadurch schuf er eine hervorragende
Angriffsfläche für die Republikaner. Sie konnten Obama am
einfachsten dadurch schaden, daß sie die Schließung von
Guantánamo verhinderten. Damit waren sie erfolgreich. Ob es
zu einer Schließung kommen wird, ist leider von vielen
Faktoren abhängig.
Den »bösen Jungs« dort kann in den USA der
Prozeß gemacht werden. Die anderen, die nicht da sein
sollten, wollen nach Hause. Es wurden inzwischen schon viele
entlassen. Einige Insassen aus dem Jemen, Libyen, Syrien, Algerien
oder China wollen jedoch nicht in ihre Heimatländer. Wenn sie
dorthin kommen, werden sie wie politische Dissidenten behandelt,
ihnen droht Folter. Sie sind verdammt, wenn sie gehen, aber auch
verdammt, wenn sie bleiben. Für diese Leute brauchen die USA
leider Hilfe. Albanien hat z.B. 2006 eine erste Gruppe von
fünf chinesischen Gefangenen aufgenommen. Einen Tag nach ihrer
Ankunft dort kam der Auslieferungsantrag aus China.
Dankenswerterweise ist das Land nicht eingeknickt. Aber der Rest
der Welt wird es sich nun zweimal überlegen, bevor er
Guantánamo-Häftlinge aufnimmt. Spanien, Portugal,
Irland, die Schweiz und Slowenien haben das gemacht, Deutschland
nicht. Während meiner jetzigen Lesereise haben mich Leute hier
gefragt: »Warum sollten wir auch?« Ich habe ihnen
geantwortet, weil es erstens richtig und zweitens in eurem
Interesse ist, den USA bei der Schließung von
Guantánamo zu helfen– das Symbol des »Krieges
gegen den Terror«, das Al Qaida hilft, Kämpfer zu
rekrutieren.
Der Untertitel Ihres Buches »Wie der Krieg gegen den
Terror Bürgerrechte bedroht« suggeriert, daß alles
mit Bush begonnen hat. In der Geschichte der USA sind solche Phasen
von Justizwillkür aber immer wieder
aufgetreten.
Die USA wie andere Länder auch durchlaufen in ihrer Geschichte
verschiedene Zyklen. Im Buch spreche ich auch über die
Watergate-Affäre in den 70er Jahren, die McCarthy-Kommission
in den 50er Jahren, die Internierung von US-Bürgern
japanischer Abstammung während des Zweiten Weltkrieges, die
Kommunistenverfolgung Anfang der 20er Jahre oder die
Kriminalisierung der Gewerkschaftsbewegung Ende des 19.
Jahrhunderts. Was wir heute haben, ist aber nicht das gleiche wie
in vergangenen Zeiten – weder in der Qualität noch in
der Quantität. Nach meiner Auffassung ist Geschichte zyklisch,
d.h. es gibt immer wieder Perioden mit ausgedehnter
Regierungsmacht, in denen wir mit blinden Augen auf die Gesetze
schauen.
Kafka kommt und geht also?
(lacht) Er ist immer schlafend bei uns und wacht plötzlich
auf.