09.02.2010 / Thema / Seite 10Inhalt

Marx’ Pointe verpaßt

Buchrezension. Wie der Philosoph Jan Rehmann über historisch-materialistische Grundeinsichten ­ideologischer Herrschaftsvermittlung hinweggeht

Von Werner Seppmann
Losungen wie »Lohnverzicht schafft
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Losungen wie »Lohnverzicht schafft Arbeitsplätze« werden nicht wegen der Stichhaltigkeit des Arguments von Beschäftigten übernommen (Nürnberg 1998)
Warum gelingt es dem Kapitalismus trotz seiner Krisen und Widersprüche, die Menschen immer wieder an sich zu binden? Warum wird der Neoliberalismus auch von Klassen und Schichten unterstützt, denen nur eine Opferrolle zugedacht ist? Das sind auch für Jan Rehmann in seiner »Einführung in die Ideologietheorie«1 Fragen von erkenntnisleitender Bedeutung. Der »Gebrauchswert« des Buches wird an seiner Fähigkeit zu messen sein, solche Effekte ideologischer Herrschaftsreproduktion zu erklären.

Zunächst jedoch wird die aufmerksame Leserin, der aufmerksame Leser davon überrascht, daß dieses Buch alles andere als eine Einführung in die Ideologietheorie darstellt, wie der Titel es verspricht. Was präsentiert wird, ist vielmehr eine Sichtweise auf den Komplex gesellschaftlicher Bewußtseinsformen; Problemverständnis und Selektionsraster dieser Sichtweise dominieren auch bei der Beschäftigung mit kontrastierenden Positionen. Grundlegend für Rehmann ist das Ideologieverständnis der Haug-Schule, von dem auch seine abweichenden Akzentuierungen noch geprägt sind.

In verschiedenen Veröffentlichungen seit den 70er Jahren ist dieses Konzept unter dem Titel »Projekt Ideologietheorie« (PIT), vor allem jedoch durch entsprechende Publikationen von Wolfgang Fritz Haug, verbreitet worden. Es ist dabei immerhin mit dem Anspruch einer »Neufundierung historisch-materialistischer Ideologieforschung« (wie es bestätigend auch im Klappentext des Rehmann-Buches heißt) aufgetreten. Ob diese Selbsteinschätzung angemessen ist und ob diese »Neufundierung« zum Verständnis der ideologischen Prozesse, als Dreh- und Angelpunkt der Machtreproduktion im entwickelten Kapitalismus, Fundierendes beitragen kann, wird sich zu zeigen haben.

Ein großes Fragezeichen drängt sich jedoch schon auf den ersten Seiten angesichts des Verfahrens auf, die theoretische Ausgangssituation auf die eigenen Argumentationsbedürfnisse zurechtzustutzen. Dieses Vorgehen manifestiert sich beispielsweise in der Behauptung, daß die »Reduktion von Ideologien auf bloße Erscheinungen des Ökonomischen« (S. 10) im Marxismus weit verbreitet wäre. Eine solche Feststellung hat zwar eine gewisse Berechtigung, jedoch von nicht geringer Präsenz in der marxistischen Theoriegeschichte sind Arbeiten zum Ideologieproblem, die genau diesen Reduktionismus zum Ausgangspunkt ihrer eigenen Überlegungen machen und differenzierte Sichtweisen vorgeschlagen haben. Überraschenderweise werden jedoch viele dieser Positionen von Rehmann ignoriert; und zwar nicht nur in seinen systematischen Ausführungen, sie tauchen auch in der bibliographischen Auflistung nicht auf. Es dominiert die gleiche selektive Wahrnehmungspraxis wie in den umfangreichen Texten und Bibliographien zur Ideologieproblematik im von Haug edierten »Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus« (Hamburg 1994ff.), an dem Jan Rehmann maßgeblich beteiligt ist.

Selektiver Wahrnehmungshorizont

Da die Aufzählung der sowohl im »Wörterbuch« als auch der »Einleitung« ignorierten Positionen (und auch Problemkomplexe) viele Seiten füllen würden, müssen einige Beispiele genügen. So werden die produktiven Beiträge zur marxistischen Ideologietheorie von Thomas Metscher verschwiegen, der immerhin lange Mitarbeiter der ebenfalls von Haug herausgegebenen Theoriezeitschrift Das Argument war. Jedoch hat Metscher ein Sakrileg begangen: Er hat sich eigene Gedanken gemacht und die Ideologieauffassung der Haug-Schule kritisiert. Es spricht nicht für theoretische Souveränität, wenn die prägnanteste Kritik an der eigenen Position ignoriert wird. Kaum noch in Worte zu fassen ist, daß auch über das gewichtige Ideologiekapitel in Georg Lukács’ Spätwerk »Ontologie des gesellschaftlichen Seins« geschwiegen wird. Über Lukács wird zwar ausführlich geredet, jedoch so, als ob er in den 20er Jahren, nach Erscheinen von »Geschichte und Klassenbewußtsein«, verstorben wäre. Der Leser erfährt nichts von seinen Präzisierungen zur Ideologieproblematik in der »Ontologie«, nichts über deren Einbettung in einen umfassenden sozialtheoretischen Kontext und eine allgemeine Theorie der gesellschaftlichen Funktionalität des Bewußtseins.

Daß auch von Leo Kofler keinerlei Notiz genommen wird, mag dann nicht mehr überraschen. Bemerkenswert ist das jedoch allemal, weil er einen umfangreichen und differenzierten (wenn auch sperrigen) Werkkomplex mit grundlegenden Untersuchungen sowohl zu den methodologischen Grundfragen der Ideologieforschung und den Mechanismen ideologischer Herrschaftsvermittlung vorgelegt hat. Immerhin war es Ernst Bloch, der diese Leistung mit den Worten gewürdigt hat, daß »Leo Kofler für die Analyse der vielfältigen Formen der Ideologie im Spätkapitalismus (…), das ganze detektorische Vermögen des Marxismus« aufgeboten hat. Es drängt sich der Eindruck auf, daß bei Rehmann vieles deshalb ausgeklammert bleibt, weil es die Plausibilität des eigenen Argumentationsschemas in Frage stellen könnte.

»Vergesellschaftung von oben«

Trotz seiner konzeptionellen Abhängigkeit ist es keineswegs so, daß Rehmann dem Ideologieverständnis der Haug-Schule blind folgen würde; jedoch noch in seinen vorsichtigen Kritik- und Revisionsversuchen bleibt er von diesen Vorgaben geprägt. Zutreffend skizziert er diesen Theorieansatz: »Das Ideologische bezeichnet die Grundstruktur ideologischer Mächte ›über‹ der Gesellschaft und damit den Wirkungszusammenhang einer (wie es in einem Text des »Projekts Ideologietheorie« und unzählige Male bei Haug heißt – W. S.) ›entfremdeten Vergesellschaftung-von-Oben‹« (S. 155). Der Infiltrationsprozeß des Ideologischen wird also als hierarchische Anordnung gedacht. Ausdrücklich will Rehmann im Sinne von Haug, diese »Fremdvermittlung« der Ideologien durch »aus der Gesellschaft ausgelagerte, von ihr entfremdeten ideologischen Instanzen« (S. 153) verstanden wissen.

Was ist daran problematisch? Hier wird »Ideologie« vorrangig als das Geschäft von »Propagandisten« betrachtet, die der Gesellschaft eine interessendominierte Sichtweise aufdrängen. Theoriegeschichtlich hat dieses Problemverständnis seine Wurzeln im bürgerlichen Materialismus des 18. Jahrhunderts (»Priestertrugstheorie«). Unmittelbar geprägt ist es (trotz demonstrativer Distanzierungsgesten) jedoch von Louis Althussers Konzept »ideologischer Staatsapparate«, in dem die ideologischen Momente in einem deterministischen Sinne ebenfalls als »äußere Anordnung« verstanden werden, als institutionell vermittelte Formatierungen, die in das praktische Leben der Menschen eindringen.

Wäre nur ein Mangel an diesem Vermittlungsverständnis des Ideologischen zu benennen, dann ist es das Fehlen einer systematischen Vorstellung von der Rolle des Subjekts innerhalb seiner Praxiskonstellationen, die für die Marxsche Beschäftigung mit den gesellschaftlichen Bewußtseinsformen konstitutiv ist. Zwar fehlt Rehmann keineswegs die Sensibilität für individuelle Verarbeitungs- und Reaktionsformen, aber sie werden als von den ideologischen Mächten determiniert dargestellt, so daß es in der Systematik seines Ideologieverständnisses für das menschliche »Selbstdenken« keinen Platz gibt. Die »übergestülpten« Denkformen werden zum primären Moment stilisiert, sie seien den »einzelnen Individuen vorgegeben«, und die Individuen müssen sich, »um handlungsfähig zu sein«, in den Denkformen bewegen (S. 155).

Das sehen Marx und Engels prinzipiell auch so – jedoch mit entschieden anderen Akzentuierungen. Sie gehen davon aus, daß Ideologie in ihrer primären Form nicht in das Leben eindringt (wie es das Theorem einer »Vergesellschaftung von oben« impliziert), sondern sich innerhalb der Praxiszusammenhänge entwickelt: Das macht den Materialismus ihrer Vorgehensweise aus!

Das fetischisierte Bewußtsein

Marx hat gezeigt, wie entfremdete Denkformen mit einer gewissen
Marx hat gezeigt, wie entfremdete Denkformen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit durch die Praxis unter ­kapitalistischen Bedingungen entstehen (Köln 25.6.2008)
Marx hat in seinen Analysen des fetischisierten Bewußtseins im »Kapital« (auf diese Passagen geht Rehmann nur ironisierend und distanzierend ein) gezeigt, wie entfremdete Denkformen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit durch die soziale Praxis unter kapitalistischen Bedingungen entstehen. Vermittels des Warencharakters aller sozialen Beziehungen und durch die verwertungsorientierte Prägung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung bilden sich Vorstellungen, die das Bild von den (klassengesellschaftlich strukturierten) sozialen Zusammenhängen systematisch verzerren: »Das Geheimnisvolle der Warenform besteht (…) darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt«, heißt es dazu im »Kapital« (MEW 23, S. 86). Was die Menschen produziert haben, erleben sie als verselbständigte Machtanordnung.

Der Eindruck einer scheinbar irreversiblen Festgefügtheit der herrschenden Zustände muß den Praxis-Subjekten also nicht, wie das Ideologieverständnis der Haug-Schule unterstellt, erst »von oben« eingeredet werden: Grundlegend für das Marxsche Verständnis ist, daß Ideologie von den Menschen nicht »empfangen«, sondern »gelebt« wird. Diese primären Bewußtseinsverzerrungen wirken, anders als Rehmann unterstellt (S. 69), herrschaftskonform, ohne daß es der systematisierenden Intervention ideologischer Apparate bedarf. Die Alltagsideologien sind in ihrer Unmittelbarkeit mit den herrschenden Zwecken weitgehend deckungsgleich.

Wird Ideologie im Sinne der Haug-Schule vorrangig jedoch als Komplex verwalteter Normen verstanden, muß notwendigerweise die alltägliche Selbsttäuschung »aus dem Ideologiebegriff ausgeschlossen« werden (S. 45). Damit wird das Marxsche Verständnis ideologischer Prozesse und Formen negiert. Es stellt sich gegenüber dieser sachfremden Konstruktion eine ganz einfache Frage: Wenn die Ideologien nicht aus den gesellschaftlichen Prozessen resultieren, woher haben die Vermittler der Ideologen dann ihre inhaltlichen Orientierungen?

Ideologische Apparate

Für Marx sind ideologische Selbsttäuschungen Funktionselemente des Alltagslebens. Gerade durch ihren verzerrten Charakter können kategoriale Bewußtseinsformen als soziales Orientierungswissen dienen; sie sind zwar »entfremdete und irrationale Formeln«, jedoch in ihnen fühlen sich die Produktionsagenten »völlig zu Hause (…), denn es sind eben die Gestaltungen des Scheins, in welchem sie sich bewegen und womit sie täglich zu tun haben« (MEW 25, S. 838).

Durch die ideologischen Basisentwicklungen ist jedoch die Notwendigkeit konzeptiver Ideologien (also einer »Vergesellschaftung-von-Oben«) nicht suspendiert. Ihr Einsatz ist im herrschenden Interesse bitter nötig, weil viele gesellschaftliche Widersprüche unübersehbar sind und den Menschen erklärt werden muß, daß dennoch, wie Marx es ironisch genannt hat, »die bürgerliche Welt die beste aller Welten ist«.

Bei diesem Vermittlungsprozeß können sich die ideologischen Apparate auf die spontanen, praxisvermittelten Verzerrungen des Bewußtseins stützen, die fundierend für die Haupttrends einer »klassenüberschreitenden« Selbsttäuschung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft sind. Sie koppeln an ihnen an und systematisieren und verstärken die entfremdeten Formen praktisch-geistiger Weltaneignung. Ist beispielsweise die Wahrnehmung von fremdländischen Arbeitskraftverkäufern als Konkurrenten um den eigenen Arbeitsplatz ein spontaner Vorgang, so ist die Transformation der daraus resultierenden Existenzangst zu rechtsextremen Weltbildmustern ein Akt systematisierter Ideologiearbeit unter Einbeziehung verinnerlichter Ideologieelemente (Vorurteile etc.).

In seiner offensichtlichen Reibungslosigkeit kann das System ideologischer Herrschaftsreproduktion nur funktionieren, weil den aus der unmittelbaren Praxis entstammenden Bewußtseinsverzerrungen und Selbsttäuschungen mehrschichtige Strukturen des Vor- und Unbewußten mit repressiver Funktionalität vorgelagert sind. Entspricht beispielsweise eine Vorstellung, daß »die-da-oben« doch machen, was sie wollen, zunächst der Unmittelbarkeit sozialen Erlebens, so entfaltet diese Vorstellung ihre vollständige Wirkung erst durch die Prägekraft der verinnerlichten Koordinaten eines »repressiven Menschenbildes« (L. Kofler). Es besteht aus verschiedenen, teils tief verwurzelten Bewußtseinsebenen (die als kulturelle Gedächtnisstrukturen bezeichnet werden könnten), die auf die Interpretation und mentale Strukturierung des aktuellen Erlebens einen nachhaltigen Einfluß ausüben. Sie sind das Produkt der gesamten klassengesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit: In ihnen sind die historischen Erfahrungen der Unterdrückung und der Mühseligkeit des Lebens der Subalternen gespeichert.

Diesen verschiedenen Ebenen sind die Subjekte jedoch nicht nur passiv ausgesetzt: Sie müssen von ihnen »verarbeitet« und in der Perspektive ihrer praktischen Problemlagen »homogenisiert« werden.

Psychische Formierungen

In diesem Zusammenhang gehören auch die aktuellen Formen »spontaner« Herrschaftsreproduktion: Konformität wird vorrangig nicht mehr durch die Orientierung auf normative Weltbilder (konzeptive Ideologien) erzeugt, sondern durch die systemadäquate Formatierung der Massenpsyche gesichert. Durch verinnerlichte (Selbst-)Unterdrückungsmuster werden die Menschen emotional instrumentalisiert, so daß nicht nur ihr Denken, sondern auch ihr Fühlen und Wahrnehmen herrschaftskonform funktioniert. Mit dem Theorietypus der »Vergesellschaftung-von-Oben« kommt man jedenfalls angesichts dieser Problemlagen nicht weit.

Viele der angedeuteten Facetten der Ideologieproblematik werden von Rehmann durchaus angesprochen, jedoch bleiben sie Andeutungen, die sich zu keinem theoretisch stimmigen Gesamtbild fügen wollen. Sie wirken als additive Momente, ohne systematische Bedeutung, weil produktive Hinweise auf die Maßeinheiten der eigenen Vorentscheidungen reduziert werden, so daß ihr Erklärungspotential unentfaltet bleibt. Zwar behandelt Rehmann die alltagspraktische Funktionalität von Ideologien, jedoch gelingt es ihm dadurch nicht, die in der Haug-Schule dominierende Überbetonung der Rolle von Strukturen und Apparaten bei der Ideologievermittlung dialektisch zu relativieren. Die Selbsttätigkeit der Subjekte schlägt in dieser Konzeption in Funktionalität um, die gleichzeitig als hinreichender Grund angesehen wird, sich von der Unterscheidung von adäquaten und bewußtseinsverzerrenden Denkmustern zu verabschieden. Damit wird jedoch die eigentliche Pointe marxistischer Ideologietheorie verpaßt, nämlich daß sowohl für die Bewußtseinsverzerrungen die Ursachen in den kapitalistischen Vergesellschaftungsformen (Arbeitsteilung, Warenfetischismus) nachgewiesen, als auch die Möglichkeiten objektivierender (»wahrer«) Erkenntnisweisen aus den gleichen gesellschaftlichen Verkehrsformen herausgearbeitet werden: Eine Gesellschaft ist, wie Marx in den »Grundrissen« betont, »unter ganz bestimmten Bedingungen fähig (…), sich selbst zu kritisieren« (MEW 13/637).

Gegenüber dem herrschenden Eindruck einer irreversiblen Schicksalsverfallenheit (aus der sich auch der Eindruck einer »Unüberwindbarkeit« herrschender Zustände ableitet) ist diese Positionierung politisch von kaum zu überschätzender Bedeutung, weil unterdrückte Klassen als Basis ihres möglichen Emanzipationskampfes ein klares Bewußtsein ihrer gesellschaftlichen Stellung, also des Charakters der Machtverhältnisse benötigen. Wer die Notwendigkeit (gar die Möglichkeit) der Unterscheidung von falschen und realitätsadäquaten Bewußtseinsformen bestreitet, unterwirft sich dagegen den aus der klassengesellschaftlichen Strukturierung entstammenden Fetischisierungen.

Neoliberales Herrschaftssystem

Kommen wir auf die Eingangsfrage zurück, ob das von Rehmann vorgetragene Konzept in der Lage ist, den Siegeszug des Neoliberalismus und die verbreiteten Selbstunterwerfungen hinreichend zu erklären. Hinsichtlich der Wirkung ideologischer Apparate werden relevante Hinweise gegeben – die jedoch in den linken Diskussionen mittlerweile Allgemeingut sind. Gegenüber dem Selbstanspruch einer »Neubegründung« des Ideologieverständnisses bleibt der Text jedoch vieles schuldig. So wird die produktive Darstellung der alltagspraktischen Funktion von Ideologien, durch eine sachlich wenig hilfreiche Verabsolutierung eines Aspekts des Hegemoniekonzepts Antonio Gramcis konterkariert, das ja bekanntlich von der zutreffenden Beobachtung ausgeht, daß herrschende Klassen sich durch den »Anschluß« an die Vorstellungen und Bedürfnisse der Subalternen Anerkennung verschaffen können. Rehmann (auch in diesem Punkt stellvertretend für viele andere Autoren der Haug-Schule genannt) hat sich mit Hilfe dieses methodologischen Leitfadens auf die Suche gemacht – und ein »nach wie vor attraktives Befreiungsversprechen des Neoliberalismus« (S. 19) gefunden. Nachvollziehbare Beispiele nennt er jedoch nicht!

Fraglos gibt es Profiteure der ausbeutungsorientierten Umgestaltung der ökonomischen und sozialen Verhältnisse, jedoch im Kern ist die Durchsetzungsgeschichte des Neoliberalismus und die gesellschaftliche Verallgemeinerung seiner Orientierungen ein Prozeß der Unterwerfung der Lohnabhängigen, bedingt durch Fremdbestimmung und Verunsicherung. Prozesse sozialer Destruktion werden von Rehmann auch summarisch erwähnt, spielen konzeptionell jedoch keine entscheidende Rolle. Aufgrund seiner Denkvoraussetzungen benötigt er das Konstrukt einer massenwirksamen »Überzeugungsfähigkeit« des Neoliberalismus, muß er behaupten, daß seine Akteure mit ihren Interventionen »von oben« an den Interessenhorizont der Subalternen anschließen würden. Daß ist jedoch nur in einem begrenzten Sinne der Fall. Mit der Formel, daß »Gewinne Arbeitsplätze schaffen« würden, wird zwar tatsächlich auf die Interessenlage der Lohnabhängigen gezielt. Partiell übernommen werden solche Sichtweisen jedoch weniger aufgrund der Überzeugungskraft des Arguments, sondern wegen der Angst vor dem Arbeitsplatzverlust und dem sozialen Absturz.

Die Voraussetzungen für die fast reibungslose Wirkung solch selbstunterdrückender Reaktionsmuster wurden durch die sozialen Destruktionsstrategien (»Deregulierungen«, soziale Verunsicherungsstrategien) geschaffen, die von einer überwiegenden Bevölkerungsmehrheit als gewaltförmige Umgestaltungen ihrer Lebensbedingungen erlebt werden. Wenn Rehmann trotzdem die ideologische Intervention bei diesem Unterwerfungsprozeß als das primäre Moment begreift, verfehlt er das Verständnis des Neoliberalismus als eines Herrschaftsmodus, der durch die Verallgemeinerung von Unsicherheit und Perspektivlosigkeit funktioniert.

Die beiden zuvor erschienenen Bücher von Jan Rehmann (über Max Weber und vor allem die Studie zum »Postmodernen Links-Nietzscheanismus«) waren theoretische Ereignisse. Deren Stärke, die substantielle Verbindung von philologischer Präzision und ideologiekritischer Nachdrücklichkeit finden sich in dem vorliegendem Band seltener, ohne jedoch ganz zu fehlen, wie in den Kapiteln über Jacques Lacan (S. 109ff.), Friedrich August von Hayek (S. 169ff.) und Michel Foucault (S. 202ff.) deutlich wird. In einem entscheidenden Punkt widerlegt sich Rehmann in diesen Exkursen selbst, weil sie nämlich demonstrieren, daß Ideologiekritik, die ihren Namen verdient, auf das Streben nach objektivierender Erkenntnis nicht verzichten kann.

Jan Rehmann: Einführung in die Ideologietheorie. Argument Verlag, Hamburg 2008, 246 Seiten, 16,90 Euro

1 Die Seitenangaben im Text beziehen sich auf das Buch

Werner Seppmann ist Vorsitzender der Marx-Engels-Stiftung inWuppertal.

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