Losungen wie »Lohnverzicht schafft Arbeitsplätze« werden nicht wegen der Stichhaltigkeit des Arguments von Beschäftigten übernommen (Nürnberg 1998)
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Warum gelingt es dem Kapitalismus trotz seiner Krisen und
Widersprüche, die Menschen immer wieder an sich zu binden?
Warum wird der Neoliberalismus auch von Klassen und Schichten
unterstützt, denen nur eine Opferrolle zugedacht ist? Das sind
auch für Jan Rehmann in seiner »Einführung in die
Ideologietheorie«1 Fragen von erkenntnisleitender Bedeutung.
Der »Gebrauchswert« des Buches wird an seiner
Fähigkeit zu messen sein, solche Effekte ideologischer
Herrschaftsreproduktion zu erklären.
Zunächst jedoch wird die aufmerksame Leserin, der aufmerksame
Leser davon überrascht, daß dieses Buch alles andere als
eine Einführung in die Ideologietheorie darstellt, wie der
Titel es verspricht. Was präsentiert wird, ist vielmehr eine
Sichtweise auf den Komplex gesellschaftlicher
Bewußtseinsformen; Problemverständnis und
Selektionsraster dieser Sichtweise dominieren auch bei der
Beschäftigung mit kontrastierenden Positionen. Grundlegend
für Rehmann ist das Ideologieverständnis der Haug-Schule,
von dem auch seine abweichenden Akzentuierungen noch geprägt
sind.
In verschiedenen Veröffentlichungen seit den 70er Jahren ist
dieses Konzept unter dem Titel »Projekt
Ideologietheorie« (PIT), vor allem jedoch durch entsprechende
Publikationen von Wolfgang Fritz Haug, verbreitet worden. Es ist
dabei immerhin mit dem Anspruch einer »Neufundierung
historisch-materialistischer Ideologieforschung« (wie es
bestätigend auch im Klappentext des Rehmann-Buches
heißt) aufgetreten. Ob diese Selbsteinschätzung
angemessen ist und ob diese »Neufundierung« zum
Verständnis der ideologischen Prozesse, als Dreh- und
Angelpunkt der Machtreproduktion im entwickelten Kapitalismus,
Fundierendes beitragen kann, wird sich zu zeigen haben.
Ein großes Fragezeichen drängt sich jedoch schon auf den
ersten Seiten angesichts des Verfahrens auf, die theoretische
Ausgangssituation auf die eigenen Argumentationsbedürfnisse
zurechtzustutzen. Dieses Vorgehen manifestiert sich beispielsweise
in der Behauptung, daß die »Reduktion von Ideologien
auf bloße Erscheinungen des Ökonomischen« (S. 10)
im Marxismus weit verbreitet wäre. Eine solche Feststellung
hat zwar eine gewisse Berechtigung, jedoch von nicht geringer
Präsenz in der marxistischen Theoriegeschichte sind Arbeiten
zum Ideologieproblem, die genau diesen Reduktionismus zum
Ausgangspunkt ihrer eigenen Überlegungen machen und
differenzierte Sichtweisen vorgeschlagen haben.
Überraschenderweise werden jedoch viele dieser Positionen von
Rehmann ignoriert; und zwar nicht nur in seinen systematischen
Ausführungen, sie tauchen auch in der bibliographischen
Auflistung nicht auf. Es dominiert die gleiche selektive
Wahrnehmungspraxis wie in den umfangreichen Texten und
Bibliographien zur Ideologieproblematik im von Haug edierten
»Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus«
(Hamburg 1994ff.), an dem Jan Rehmann maßgeblich beteiligt
ist.
Selektiver Wahrnehmungshorizont
Da die Aufzählung der sowohl im »Wörterbuch«
als auch der »Einleitung« ignorierten Positionen (und
auch Problemkomplexe) viele Seiten füllen würden,
müssen einige Beispiele genügen. So werden die
produktiven Beiträge zur marxistischen Ideologietheorie von
Thomas Metscher verschwiegen, der immerhin lange Mitarbeiter der
ebenfalls von Haug herausgegebenen Theoriezeitschrift Das Argument
war. Jedoch hat Metscher ein Sakrileg begangen: Er hat sich eigene
Gedanken gemacht und die Ideologieauffassung der Haug-Schule
kritisiert. Es spricht nicht für theoretische
Souveränität, wenn die prägnanteste Kritik an der
eigenen Position ignoriert wird. Kaum noch in Worte zu fassen ist,
daß auch über das gewichtige Ideologiekapitel in Georg
Lukács’ Spätwerk »Ontologie des
gesellschaftlichen Seins« geschwiegen wird. Über
Lukács wird zwar ausführlich geredet, jedoch so, als ob
er in den 20er Jahren, nach Erscheinen von »Geschichte und
Klassenbewußtsein«, verstorben wäre. Der Leser
erfährt nichts von seinen Präzisierungen zur
Ideologieproblematik in der »Ontologie«, nichts
über deren Einbettung in einen umfassenden sozialtheoretischen
Kontext und eine allgemeine Theorie der gesellschaftlichen
Funktionalität des Bewußtseins.
Daß auch von Leo Kofler keinerlei Notiz genommen wird, mag
dann nicht mehr überraschen. Bemerkenswert ist das jedoch
allemal, weil er einen umfangreichen und differenzierten (wenn auch
sperrigen) Werkkomplex mit grundlegenden Untersuchungen sowohl zu
den methodologischen Grundfragen der Ideologieforschung und den
Mechanismen ideologischer Herrschaftsvermittlung vorgelegt hat.
Immerhin war es Ernst Bloch, der diese Leistung mit den Worten
gewürdigt hat, daß »Leo Kofler für die
Analyse der vielfältigen Formen der Ideologie im
Spätkapitalismus (…), das ganze detektorische
Vermögen des Marxismus« aufgeboten hat. Es drängt
sich der Eindruck auf, daß bei Rehmann vieles deshalb
ausgeklammert bleibt, weil es die Plausibilität des eigenen
Argumentationsschemas in Frage stellen könnte.
»Vergesellschaftung von oben«
Trotz seiner konzeptionellen Abhängigkeit ist es keineswegs
so, daß Rehmann dem Ideologieverständnis der Haug-Schule
blind folgen würde; jedoch noch in seinen vorsichtigen Kritik-
und Revisionsversuchen bleibt er von diesen Vorgaben geprägt.
Zutreffend skizziert er diesen Theorieansatz: »Das
Ideologische bezeichnet die Grundstruktur ideologischer Mächte
›über‹ der Gesellschaft und damit den
Wirkungszusammenhang einer (wie es in einem Text des
»Projekts Ideologietheorie« und unzählige Male bei
Haug heißt – W. S.) ›entfremdeten
Vergesellschaftung-von-Oben‹« (S. 155). Der
Infiltrationsprozeß des Ideologischen wird also als
hierarchische Anordnung gedacht. Ausdrücklich will Rehmann im
Sinne von Haug, diese »Fremdvermittlung« der Ideologien
durch »aus der Gesellschaft ausgelagerte, von ihr
entfremdeten ideologischen Instanzen« (S. 153) verstanden
wissen.
Was ist daran problematisch? Hier wird »Ideologie«
vorrangig als das Geschäft von »Propagandisten«
betrachtet, die der Gesellschaft eine interessendominierte
Sichtweise aufdrängen. Theoriegeschichtlich hat dieses
Problemverständnis seine Wurzeln im bürgerlichen
Materialismus des 18. Jahrhunderts
(»Priestertrugstheorie«). Unmittelbar geprägt ist
es (trotz demonstrativer Distanzierungsgesten) jedoch von Louis
Althussers Konzept »ideologischer Staatsapparate«, in
dem die ideologischen Momente in einem deterministischen Sinne
ebenfalls als »äußere Anordnung« verstanden
werden, als institutionell vermittelte Formatierungen, die in das
praktische Leben der Menschen eindringen.
Wäre nur ein Mangel an diesem Vermittlungsverständnis des
Ideologischen zu benennen, dann ist es das Fehlen einer
systematischen Vorstellung von der Rolle des Subjekts innerhalb
seiner Praxiskonstellationen, die für die Marxsche
Beschäftigung mit den gesellschaftlichen
Bewußtseinsformen konstitutiv ist. Zwar fehlt Rehmann
keineswegs die Sensibilität für individuelle
Verarbeitungs- und Reaktionsformen, aber sie werden als von den
ideologischen Mächten determiniert dargestellt, so daß
es in der Systematik seines Ideologieverständnisses für
das menschliche »Selbstdenken« keinen Platz gibt. Die
»übergestülpten« Denkformen werden zum
primären Moment stilisiert, sie seien den »einzelnen
Individuen vorgegeben«, und die Individuen müssen sich,
»um handlungsfähig zu sein«, in den Denkformen
bewegen (S. 155).
Das sehen Marx und Engels prinzipiell auch so – jedoch mit
entschieden anderen Akzentuierungen. Sie gehen davon aus, daß
Ideologie in ihrer primären Form nicht in das Leben eindringt
(wie es das Theorem einer »Vergesellschaftung von oben«
impliziert), sondern sich innerhalb der Praxiszusammenhänge
entwickelt: Das macht den Materialismus ihrer Vorgehensweise aus!
Das fetischisierte Bewußtsein
Marx hat gezeigt, wie entfremdete Denkformen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit durch die Praxis unter kapitalistischen Bedingungen entstehen (Köln 25.6.2008)
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Marx hat in seinen Analysen des fetischisierten Bewußtseins
im »Kapital« (auf diese Passagen geht Rehmann nur
ironisierend und distanzierend ein) gezeigt, wie entfremdete
Denkformen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit durch die
soziale Praxis unter kapitalistischen Bedingungen entstehen.
Vermittels des Warencharakters aller sozialen Beziehungen und durch
die verwertungsorientierte Prägung der gesellschaftlichen
Arbeitsteilung bilden sich Vorstellungen, die das Bild von den
(klassengesellschaftlich strukturierten) sozialen
Zusammenhängen systematisch verzerren: »Das
Geheimnisvolle der Warenform besteht (…) darin, daß
sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen
Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte
selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge
zurückspiegelt«, heißt es dazu im
»Kapital« (MEW 23, S. 86). Was die Menschen produziert
haben, erleben sie als verselbständigte Machtanordnung.
Der Eindruck einer scheinbar irreversiblen Festgefügtheit der
herrschenden Zustände muß den Praxis-Subjekten also
nicht, wie das Ideologieverständnis der Haug-Schule
unterstellt, erst »von oben« eingeredet werden:
Grundlegend für das Marxsche Verständnis ist, daß
Ideologie von den Menschen nicht »empfangen«, sondern
»gelebt« wird. Diese primären
Bewußtseinsverzerrungen wirken, anders als Rehmann
unterstellt (S. 69), herrschaftskonform, ohne daß es der
systematisierenden Intervention ideologischer Apparate bedarf. Die
Alltagsideologien sind in ihrer Unmittelbarkeit mit den
herrschenden Zwecken weitgehend deckungsgleich.
Wird Ideologie im Sinne der Haug-Schule vorrangig jedoch als
Komplex verwalteter Normen verstanden, muß notwendigerweise
die alltägliche Selbsttäuschung »aus dem
Ideologiebegriff ausgeschlossen« werden (S. 45). Damit wird
das Marxsche Verständnis ideologischer Prozesse und Formen
negiert. Es stellt sich gegenüber dieser sachfremden
Konstruktion eine ganz einfache Frage: Wenn die Ideologien nicht
aus den gesellschaftlichen Prozessen resultieren, woher haben die
Vermittler der Ideologen dann ihre inhaltlichen Orientierungen?
Ideologische Apparate
Für Marx sind ideologische Selbsttäuschungen
Funktionselemente des Alltagslebens. Gerade durch ihren verzerrten
Charakter können kategoriale Bewußtseinsformen als
soziales Orientierungswissen dienen; sie sind zwar
»entfremdete und irrationale Formeln«, jedoch in ihnen
fühlen sich die Produktionsagenten »völlig zu Hause
(…), denn es sind eben die Gestaltungen des Scheins, in
welchem sie sich bewegen und womit sie täglich zu tun
haben« (MEW 25, S. 838).
Durch die ideologischen Basisentwicklungen ist jedoch die
Notwendigkeit konzeptiver Ideologien (also einer
»Vergesellschaftung-von-Oben«) nicht suspendiert. Ihr
Einsatz ist im herrschenden Interesse bitter nötig, weil viele
gesellschaftliche Widersprüche unübersehbar sind und den
Menschen erklärt werden muß, daß dennoch, wie Marx
es ironisch genannt hat, »die bürgerliche Welt die beste
aller Welten ist«.
Bei diesem Vermittlungsprozeß können sich die
ideologischen Apparate auf die spontanen, praxisvermittelten
Verzerrungen des Bewußtseins stützen, die fundierend
für die Haupttrends einer
»klassenüberschreitenden« Selbsttäuschung
innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft sind. Sie koppeln an
ihnen an und systematisieren und verstärken die entfremdeten
Formen praktisch-geistiger Weltaneignung. Ist beispielsweise die
Wahrnehmung von fremdländischen Arbeitskraftverkäufern
als Konkurrenten um den eigenen Arbeitsplatz ein spontaner Vorgang,
so ist die Transformation der daraus resultierenden Existenzangst
zu rechtsextremen Weltbildmustern ein Akt systematisierter
Ideologiearbeit unter Einbeziehung verinnerlichter
Ideologieelemente (Vorurteile etc.).
In seiner offensichtlichen Reibungslosigkeit kann das System
ideologischer Herrschaftsreproduktion nur funktionieren, weil den
aus der unmittelbaren Praxis entstammenden
Bewußtseinsverzerrungen und Selbsttäuschungen
mehrschichtige Strukturen des Vor- und Unbewußten mit
repressiver Funktionalität vorgelagert sind. Entspricht
beispielsweise eine Vorstellung, daß
»die-da-oben« doch machen, was sie wollen,
zunächst der Unmittelbarkeit sozialen Erlebens, so entfaltet
diese Vorstellung ihre vollständige Wirkung erst durch die
Prägekraft der verinnerlichten Koordinaten eines
»repressiven Menschenbildes« (L. Kofler). Es besteht
aus verschiedenen, teils tief verwurzelten Bewußtseinsebenen
(die als kulturelle Gedächtnisstrukturen bezeichnet werden
könnten), die auf die Interpretation und mentale
Strukturierung des aktuellen Erlebens einen nachhaltigen
Einfluß ausüben. Sie sind das Produkt der gesamten
klassengesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit: In ihnen sind
die historischen Erfahrungen der Unterdrückung und der
Mühseligkeit des Lebens der Subalternen gespeichert.
Diesen verschiedenen Ebenen sind die Subjekte jedoch nicht nur
passiv ausgesetzt: Sie müssen von ihnen
»verarbeitet« und in der Perspektive ihrer praktischen
Problemlagen »homogenisiert« werden.
Psychische Formierungen
In diesem Zusammenhang gehören auch die aktuellen Formen
»spontaner« Herrschaftsreproduktion: Konformität
wird vorrangig nicht mehr durch die Orientierung auf normative
Weltbilder (konzeptive Ideologien) erzeugt, sondern durch die
systemadäquate Formatierung der Massenpsyche gesichert. Durch
verinnerlichte (Selbst-)Unterdrückungsmuster werden die
Menschen emotional instrumentalisiert, so daß nicht nur ihr
Denken, sondern auch ihr Fühlen und Wahrnehmen
herrschaftskonform funktioniert. Mit dem Theorietypus der
»Vergesellschaftung-von-Oben« kommt man jedenfalls
angesichts dieser Problemlagen nicht weit.
Viele der angedeuteten Facetten der Ideologieproblematik werden von
Rehmann durchaus angesprochen, jedoch bleiben sie Andeutungen, die
sich zu keinem theoretisch stimmigen Gesamtbild fügen wollen.
Sie wirken als additive Momente, ohne systematische Bedeutung, weil
produktive Hinweise auf die Maßeinheiten der eigenen
Vorentscheidungen reduziert werden, so daß ihr
Erklärungspotential unentfaltet bleibt. Zwar behandelt Rehmann
die alltagspraktische Funktionalität von Ideologien, jedoch
gelingt es ihm dadurch nicht, die in der Haug-Schule dominierende
Überbetonung der Rolle von Strukturen und Apparaten bei der
Ideologievermittlung dialektisch zu relativieren. Die
Selbsttätigkeit der Subjekte schlägt in dieser Konzeption
in Funktionalität um, die gleichzeitig als hinreichender Grund
angesehen wird, sich von der Unterscheidung von adäquaten und
bewußtseinsverzerrenden Denkmustern zu verabschieden. Damit
wird jedoch die eigentliche Pointe marxistischer Ideologietheorie
verpaßt, nämlich daß sowohl für die
Bewußtseinsverzerrungen die Ursachen in den kapitalistischen
Vergesellschaftungsformen (Arbeitsteilung, Warenfetischismus)
nachgewiesen, als auch die Möglichkeiten objektivierender
(»wahrer«) Erkenntnisweisen aus den gleichen
gesellschaftlichen Verkehrsformen herausgearbeitet werden: Eine
Gesellschaft ist, wie Marx in den »Grundrissen« betont,
»unter ganz bestimmten Bedingungen fähig (…),
sich selbst zu kritisieren« (MEW 13/637).
Gegenüber dem herrschenden Eindruck einer irreversiblen
Schicksalsverfallenheit (aus der sich auch der Eindruck einer
»Unüberwindbarkeit« herrschender Zustände
ableitet) ist diese Positionierung politisch von kaum zu
überschätzender Bedeutung, weil unterdrückte Klassen
als Basis ihres möglichen Emanzipationskampfes ein klares
Bewußtsein ihrer gesellschaftlichen Stellung, also des
Charakters der Machtverhältnisse benötigen. Wer die
Notwendigkeit (gar die Möglichkeit) der Unterscheidung von
falschen und realitätsadäquaten Bewußtseinsformen
bestreitet, unterwirft sich dagegen den aus der
klassengesellschaftlichen Strukturierung entstammenden
Fetischisierungen.
Neoliberales Herrschaftssystem
Kommen wir auf die Eingangsfrage zurück, ob das von Rehmann
vorgetragene Konzept in der Lage ist, den Siegeszug des
Neoliberalismus und die verbreiteten Selbstunterwerfungen
hinreichend zu erklären. Hinsichtlich der Wirkung
ideologischer Apparate werden relevante Hinweise gegeben –
die jedoch in den linken Diskussionen mittlerweile Allgemeingut
sind. Gegenüber dem Selbstanspruch einer
»Neubegründung« des Ideologieverständnisses
bleibt der Text jedoch vieles schuldig. So wird die produktive
Darstellung der alltagspraktischen Funktion von Ideologien, durch
eine sachlich wenig hilfreiche Verabsolutierung eines Aspekts des
Hegemoniekonzepts Antonio Gramcis konterkariert, das ja bekanntlich
von der zutreffenden Beobachtung ausgeht, daß herrschende
Klassen sich durch den »Anschluß« an die
Vorstellungen und Bedürfnisse der Subalternen Anerkennung
verschaffen können. Rehmann (auch in diesem Punkt
stellvertretend für viele andere Autoren der Haug-Schule
genannt) hat sich mit Hilfe dieses methodologischen Leitfadens auf
die Suche gemacht – und ein »nach wie vor attraktives
Befreiungsversprechen des Neoliberalismus« (S. 19) gefunden.
Nachvollziehbare Beispiele nennt er jedoch nicht!
Fraglos gibt es Profiteure der ausbeutungsorientierten Umgestaltung
der ökonomischen und sozialen Verhältnisse, jedoch im
Kern ist die Durchsetzungsgeschichte des Neoliberalismus und die
gesellschaftliche Verallgemeinerung seiner Orientierungen ein
Prozeß der Unterwerfung der Lohnabhängigen, bedingt
durch Fremdbestimmung und Verunsicherung. Prozesse sozialer
Destruktion werden von Rehmann auch summarisch erwähnt,
spielen konzeptionell jedoch keine entscheidende Rolle. Aufgrund
seiner Denkvoraussetzungen benötigt er das Konstrukt einer
massenwirksamen »Überzeugungsfähigkeit« des
Neoliberalismus, muß er behaupten, daß seine Akteure
mit ihren Interventionen »von oben« an den
Interessenhorizont der Subalternen anschließen würden.
Daß ist jedoch nur in einem begrenzten Sinne der Fall. Mit
der Formel, daß »Gewinne Arbeitsplätze
schaffen« würden, wird zwar tatsächlich auf die
Interessenlage der Lohnabhängigen gezielt. Partiell
übernommen werden solche Sichtweisen jedoch weniger aufgrund
der Überzeugungskraft des Arguments, sondern wegen der Angst
vor dem Arbeitsplatzverlust und dem sozialen Absturz.
Die Voraussetzungen für die fast reibungslose Wirkung solch
selbstunterdrückender Reaktionsmuster wurden durch die
sozialen Destruktionsstrategien (»Deregulierungen«,
soziale Verunsicherungsstrategien) geschaffen, die von einer
überwiegenden Bevölkerungsmehrheit als gewaltförmige
Umgestaltungen ihrer Lebensbedingungen erlebt werden. Wenn Rehmann
trotzdem die ideologische Intervention bei diesem
Unterwerfungsprozeß als das primäre Moment begreift,
verfehlt er das Verständnis des Neoliberalismus als eines
Herrschaftsmodus, der durch die Verallgemeinerung von Unsicherheit
und Perspektivlosigkeit funktioniert.
Die beiden zuvor erschienenen Bücher von Jan Rehmann
(über Max Weber und vor allem die Studie zum
»Postmodernen Links-Nietzscheanismus«) waren
theoretische Ereignisse. Deren Stärke, die substantielle
Verbindung von philologischer Präzision und
ideologiekritischer Nachdrücklichkeit finden sich in dem
vorliegendem Band seltener, ohne jedoch ganz zu fehlen, wie in den
Kapiteln über Jacques Lacan (S. 109ff.), Friedrich August von
Hayek (S. 169ff.) und Michel Foucault (S. 202ff.) deutlich wird. In
einem entscheidenden Punkt widerlegt sich Rehmann in diesen
Exkursen selbst, weil sie nämlich demonstrieren, daß
Ideologiekritik, die ihren Namen verdient, auf das Streben nach
objektivierender Erkenntnis nicht verzichten kann.
Jan Rehmann: Einführung in die Ideologietheorie. Argument
Verlag, Hamburg 2008, 246 Seiten, 16,90 Euro
1 Die Seitenangaben im Text beziehen sich auf das Buch
Werner Seppmann ist Vorsitzender der Marx-Engels-Stiftung
inWuppertal.