06.01.2010 / Schwerpunkt / Seite 3Inhalt

Tohuwabohu ohne Ende

Weniger Qualität, höhere Preise – Bahn-Chef Grube macht 2010 dort weiter, wo Vorgänger Mehdorn aufhörte: beim Kaputtsparen

Von Winfried Wolf
»Unsere Preise schonen ihren Geldbeutel« –
Wer
»Unsere Preise schonen ihren Geldbeutel« – Werbeslogan auf Lokomotiven der Deutschen Bahn AG (November 2007)
In der DDR soll es den Spottwortwechsel gegeben haben: »Was sind die vier Feinde der Deutschen Reichsbahn?« Antwort: »Frühling, Sommer, Herbst und Winter.« Wie auch immer es damals gewesen sein mag – die Deutsche Bahn AG bemüht sich redlich, dem subversiven Spott gerecht zu werden: Im Frühling bringen Matsch und Tauwetter den Fahrplan durcheinander. Im Sommer mag Hitzeeinwirkung schon mal die Qualität der Schienenstränge beeinträchtigen und Weichenstörungen zur Folge haben. Im Herbst gibt es vielfach Klagen über Laub auf den Schienen, was die Leistungen von Loks und Triebwagen beeinträchtigt. Und nun das: Zum Jahreswechsel 2009/2010 gab es doch tatsächlich einen völlig unerwarteten Wintereinbruch. Die als Schicksal präsentierten Folgen sind Weichenstörungen, vereiste oder auch gleich abgerissene Oberleitungen, unzureichend geräumte Schienenstrecken. In der Summe immer wieder das, was im Bahn-Deutsch als »Störungen im Betriebsablauf« bezeichnet wird.

Typisch ist da die Meldung aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Dienstag über massive Bahnstörungen auf der Strecke Mainz–Frankfurt am Main: »Kontakt mit Eiszapfen legt S-Bahn lahm.« Was als Naturereignis präsentiert wird, könnte auch die Frage hervorrufen: Wie kann man zulassen, daß sich unter einer Brücke bis zu 30 Zentimeter lange Eiszapfen entwickeln, die dann in die Oberleitung hineinwachsen und einen Kurzschluß herbeiführen?

Normalerweise müßte ein Serviceunternehmen Bahn zu Weihnachten zusätzliche Züge einsetzen, um dem Spitzen-Fahrgastaufkommen gerecht zu werden. Die Deutsche Bahn konterkarierte zu den Festtagen ihren Werbespruch »Die Bahn kommt« – viele Züge kamen erst gar nicht. Auf der Stecke Berlin–München wurde vier Tage lang nur jeder zweite ICE eingesetzt. Auf anderen Verbindungen gab es lediglich Halbzüge. Reservierungen, die gerade an den Feiertagen – wenn zahlreiche Senioren und Familien mit Kindern eine Zugreise unternehmen – wichtig sind, fielen in vielen Fernverkehrszügen aus.

Das Tohuwabohu soll sich im gesamten ersten Vierteljahr 2010 fortsetzen und verstärken. Bei allen ICE-Zügen soll es eine gesonderte Wartung geben – angeblich wegen Problemen mit Klimaanlagen, Türen und Toiletten. Die Bahn wählt für diese massiven Beeinträchtigungen des Schienenverkehrs einen besonders sensiblen Zeitraum – und verschärft damit alle Probleme, die in dieser Jahreszeit im Zugverkehr inzwischen ohnehin auftreten.

Sicher ist: Die Bahn fährt seit gut fünf Jahren einen rigorosen Sparkurs, um sich »fit für die Börse« zu machen. Sie hat dabei die Ausgaben für die Instandhaltung des Schienennetzes heruntergefahren und vor allem an der Wartung des rollenden Materials gespart. Gleichzeitig hat sie das Netz in seiner Qualität radikal geschwächt. Allein im Zeitraum 1994 bis 2006 wurde die Länge der Gleise (einschließlich der Nebengleise usw.) um 17,7 Prozent gekappt. 44 Prozent aller Weichen und Kreuzungen wurden aus dem Schienennetz herausgenommen und 66 Prozent aller Privatgleisanschlüsse (»Industriegleise«, Gleisanschlüsse für Firmen etc.) abgebaut.

Das rächt sich jetzt bitter. Gibt es also demnächst Einsicht? Tatsächlich verkündete Bahnchef Rüdiger Grube zum Jahreswechsel einen nochmals rigoroseren Sparkurs. Unter anderem sollen 72 Güterbahnhöfe geschlossen und allein im Güterverkehrsbereich weitere 4000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Im übrigen gilt die Absurdistan-Logik: Für abnehmende Qualität werden höhere Preisen verlangt.
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