»Unsere Preise schonen ihren Geldbeutel« – Werbeslogan auf Lokomotiven der Deutschen Bahn AG (November 2007)
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In der DDR soll es den Spottwortwechsel gegeben haben: »Was
sind die vier Feinde der Deutschen Reichsbahn?« Antwort:
»Frühling, Sommer, Herbst und Winter.« Wie auch
immer es damals gewesen sein mag – die Deutsche Bahn AG
bemüht sich redlich, dem subversiven Spott gerecht zu werden:
Im Frühling bringen Matsch und Tauwetter den Fahrplan
durcheinander. Im Sommer mag Hitzeeinwirkung schon mal die
Qualität der Schienenstränge beeinträchtigen und
Weichenstörungen zur Folge haben. Im Herbst gibt es vielfach
Klagen über Laub auf den Schienen, was die Leistungen von Loks
und Triebwagen beeinträchtigt. Und nun das: Zum Jahreswechsel
2009/2010 gab es doch tatsächlich einen völlig
unerwarteten Wintereinbruch. Die als Schicksal präsentierten
Folgen sind Weichenstörungen, vereiste oder auch gleich
abgerissene Oberleitungen, unzureichend geräumte
Schienenstrecken. In der Summe immer wieder das, was im
Bahn-Deutsch als »Störungen im Betriebsablauf«
bezeichnet wird.
Typisch ist da die Meldung aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
vom Dienstag über massive Bahnstörungen auf der Strecke
Mainz–Frankfurt am Main: »Kontakt mit Eiszapfen legt
S-Bahn lahm.« Was als Naturereignis präsentiert wird,
könnte auch die Frage hervorrufen: Wie kann man zulassen,
daß sich unter einer Brücke bis zu 30 Zentimeter lange
Eiszapfen entwickeln, die dann in die Oberleitung hineinwachsen und
einen Kurzschluß herbeiführen?
Normalerweise müßte ein Serviceunternehmen Bahn zu
Weihnachten zusätzliche Züge einsetzen, um dem
Spitzen-Fahrgastaufkommen gerecht zu werden. Die Deutsche Bahn
konterkarierte zu den Festtagen ihren Werbespruch »Die Bahn
kommt« – viele Züge kamen erst gar nicht. Auf der
Stecke Berlin–München wurde vier Tage lang nur jeder
zweite ICE eingesetzt. Auf anderen Verbindungen gab es lediglich
Halbzüge. Reservierungen, die gerade an den Feiertagen –
wenn zahlreiche Senioren und Familien mit Kindern eine Zugreise
unternehmen – wichtig sind, fielen in vielen
Fernverkehrszügen aus.
Das Tohuwabohu soll sich im gesamten ersten Vierteljahr 2010
fortsetzen und verstärken. Bei allen ICE-Zügen soll es
eine gesonderte Wartung geben – angeblich wegen Problemen mit
Klimaanlagen, Türen und Toiletten. Die Bahn wählt
für diese massiven Beeinträchtigungen des
Schienenverkehrs einen besonders sensiblen Zeitraum – und
verschärft damit alle Probleme, die in dieser Jahreszeit im
Zugverkehr inzwischen ohnehin auftreten.
Sicher ist: Die Bahn fährt seit gut fünf Jahren einen
rigorosen Sparkurs, um sich »fit für die
Börse« zu machen. Sie hat dabei die Ausgaben für
die Instandhaltung des Schienennetzes heruntergefahren und vor
allem an der Wartung des rollenden Materials gespart. Gleichzeitig
hat sie das Netz in seiner Qualität radikal geschwächt.
Allein im Zeitraum 1994 bis 2006 wurde die Länge der Gleise
(einschließlich der Nebengleise usw.) um 17,7 Prozent
gekappt. 44 Prozent aller Weichen und Kreuzungen wurden aus dem
Schienennetz herausgenommen und 66 Prozent aller
Privatgleisanschlüsse (»Industriegleise«,
Gleisanschlüsse für Firmen etc.) abgebaut.
Das rächt sich jetzt bitter. Gibt es also demnächst
Einsicht? Tatsächlich verkündete Bahnchef Rüdiger
Grube zum Jahreswechsel einen nochmals rigoroseren Sparkurs. Unter
anderem sollen 72 Güterbahnhöfe geschlossen und allein im
Güterverkehrsbereich weitere 4000 Arbeitsplätze abgebaut
werden. Im übrigen gilt die Absurdistan-Logik: Für
abnehmende Qualität werden höhere Preisen verlangt.