Zubair-Ölfeld am 26. Oktober: Irakische Ölarbeiter in einer Raffinerie. Das Vorkommen ging am 2. November u. a. an ENI (Italien) und Occidental (USA)
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Mitte Dezember ging in Bagdad die zweite Bieterrunde über die
Bühne, in der sich internationale Konzerne um
milliardenschwere Serviceaufträge für den Ausbau der
irakischen Ölförderung bewerben konnten. Die erste
öffentliche Auktion fand im Juni statt. Dort hatten sich nur
British Petroleum und die China National Petroleum Corporation
(CNPC) bereit gefunden, auf die Bedingungen der irakischen
Regierung einzugehen und sich gemeinsam die Arbeiten am riesigen
Rumaila-Feld gesichert – dem größten Ölfeld
des Iraks.
Angeboten wurden reine Dienstleistungsverträge mit dem Ziel,
die Fördermenge des betroffenen Ölfeldes auf ein
festgelegtes Niveau zu bringen. Die Auftragnehmer begleichen dabei
zunächst die Investitionskosten – pro Feld einige
Milliarden Dollar –, bekommen das Geld jedoch
zurückerstattet, sobald eine gewisse
Produktionssteigerung erreicht ist. Als Entgelt erhalten sie
einen festen Betrag für jedes zusätzlich geförderte
Barrel Öl. Bei Laufzeiten von 20 Jahren können sie dabei
zwar durchaus Milliarden verdienen, erhalten aber nach wie vor
weder Anteile am geförderten Öl noch die Kontrolle
über die Quellen. (Siehe »Wer dreht am Rad?« jW
vom 5.August 2009)
Schlechtere Konditionen
Westliche Wirtschaftsexperten, erbost über die dürftigen
Angebote, die das kriegsgeschädigte, bankrotte Land den
Ölmultis zu unterbreiten wagte, wollten die Zurückhaltung
der Firmen daher als Scheitern werten, das vorhersehbar gewesen
sei. Ihre Hoffnung, daß der Irak bald
»nachbessern« würde, erfüllte sich jedoch
nicht. Statt dessen paßten im Herbst zwei weitere Konsortien
ihr Gebot den irakischen Vorstellungen an und unterzeichneten
Vorverträge. Die italienische ENI verpflichtete sich nun
zusammen mit der US-amerikanischen Occidental Petroleum Oil und der
südkoreanischen KoGas, zehn Milliarden US-Dollar zu
investieren, um den Output des Zubair- Feldes in sieben Jahren von
200000 auf 1,1 Millionen Barrel pro Tag (b/d) zu steigern. Die
Ölgiganten Exxon Mobile und Royal Dutch Shell teilten sich den
Auftrag, das Fördervolumen von West-Kurna-1 von 280000 auf 2,1
Millionen b/d zu erhöhen. Kurz vor Vertragsabschluß
stehen zudem drei japanische Firmen.
Bei der aktuellen Runde beeilten sich nun weitere Konzerne, Zugang
zum irakischen Ölgeschäft zu bekommen und akzeptierten
dabei sogar noch schlechtere Konditionen als die Vorreiter BP und
CNPC. Während diese zwei US-Dollar für jedes
zusätzliche Barrel erhalten, begnügten sich nun Shell und
der staatliche Ölkonzern Malaysias Petronas beim
Majnoon-Ölfeld mit 1,39 US-Dollar. Die russische Lukoil gab
sich sogar mit 1,15 Dollar für den Ausbau von West-Kurna-2
zufrieden.
Insgesamt wurden bei der zweiten Runde Aufträge für
sieben Ölfelder vergeben. CNPC hat sich im Verein mit der
französischen Total und Petronas noch einen weiteren Auftrag
gesichert. Petronas führt zudem ein Konsortium zur
Erschließung des Gharaf-Feldes an. Auffällig ist,
daß mit Exxon Mobile und Occidental Petroleum Oil nur zwei
der sieben involvierten US-Konzerne zum Zuge kamen. Die anderen
wollten oder konnten sich offenbar nicht mit den für sie
ungewohnten Bedingungen arrangieren. Damit ist, so Pepe Escobar von
der Asia Times, der Traum von Cheney, Rumsfeld und Co
endgültig geplatzt.
Gegen Auslandsfirmen
Falls alles wie geplant läuft, könnte der Irak seine
Kapazität innerhalb von dreizehn Jahren auf über
zwölf Millionen b/d steigern. Damit würde er
Saudi-Arabien, den aktuell größten Produzenten,
überflügeln. Es verfügt über eine
Kapazität von knapp elf Millionen b/d, fördert aber im
Moment nur etwa acht Millionen b/d. Vorerst müssen sich die
Saudis allerdings keine Sorgen machen, daß der Irak das
weltweit verfügbare Angebot an Rohöl bald ähnlich
stark beeinflussen kann wie sie. Experten gehen davon aus,
daß die Konzerne sowohl die zu erreichenden Fördermengen
als auch die Geschwindigkeit des Ausbaus stark übertrieben
haben. So erklärte der Chef des französischen
Ölmultis Total, Christophe de Margerie, eine
Produktionskapazität von zehn bis zwölf Millionen b/d
für völlig unrealistisch. Angesichts der nach wie vor
ungünstigen Sicherheitsbedingungen, der Widerstände in
den irakischen Ölfirmen, juristischer Hindernisse etc.
scheinen die Zeitvorgaben nicht viel mehr als Wunschvorstellungen
zu sein.
Auch wenn die Ölmultis nur Serviceaufträge erhielten, so
ist das den meisten Irakern noch viel zu viel. Sie fürchten,
daß diese allein durch die gewaltigen Dimensionen der
Ausbaumaßnahmen, die das ganze Land umkrempeln werden, einen
starken Einfluß auf die gesellschaftliche Entwicklung nehmen
können. Viele sehen nicht ein, wofür man
ausländischen Konzernen einen erheblichen Teil der
Öleinnahmen hinterherwerfen soll. Die Führungskräfte
der staatlichen Firmen sind überzeugt, daß sie die
Vorhaben auch aus eigener Kraft schaffen, etwas langsamer,
dafür nachhaltiger – vorausgesetzt, der Wille in der
Führung des Landes wäre vorhanden.
Natürlich könnte der Staat zusätzliche Gelder gut
gebrauchen. Unter den aktuellen Machtverhältnissen haben die
meisten Iraker wenig Hoffnung, daß bei ihnen viel davon
ankommt. Trotz der erheblichen Öleinnahmen der letzten Jahre
hat sich beim Wiederaufbau der Infrastruktur, des
Gesundheitswesens, des Bildungssystems etc. nicht viel getan. Ein
erheblicher Teil des Geldes versackte durch Inkompetenz und
Korruption – Irak liegt hier an der Weltspitze – oder
floß in den Krieg gegen die Opposition im Land.
Wacklige Grundlage
Die Ölfelder im Süden werden als relativ sicher
angesehen. Daher konzentrierten sich auf diese auch die Gebote. Nur
die Angolaner wagten sich an Ölfelder im Norden, wo allerdings
in den letzten Monaten Anschläge auf Pipelines den Export
mehrfach für jeweils eine Woche unterbrachen. Die großen
Ölfelder im Süden liegen zum Teil jedoch im Gebiet der
Stämme, die in den 1920er Jahren im Kampf gegen die Briten
führend waren und auch in den vergangenen Jahren
maßgeblich dazu beitrugen, daß die Briten geschlagen
aus dem Südirak abziehen mußten. Sollte es der Regierung
und Ölmultis nicht gelingen, die Opposition gegen die
ausländische Konzerne durch erhebliche materielle
Verbesserungen, Jobs etc. zu dämpfen, so könnten sie nach
Ansicht von Reidar Visser, einem Kenner der Verhältnisse im
Südirak, auch hier leicht »nigerianische
Zustände« bekommen.
Daß dies nicht pure Spekulation ist, zeigt der Aufstand
einiger Dörfer rund um das Ahdad-Ölfeld im April dieses
Jahres gegen den chinesischen Staatskonzern CNPC, der dort die
Arbeiten auf Basis eines alten Vertrages aufgenommen hat. Da sie
nach ein paar Monaten weder Jobs noch eine Verbesserung der
örtlichen Infrastruktur sahen, entlud sich der Zorn der
Dorfbewohner in Sabotage an Einrichtungen und Abtransport von
Material und Maschinen.
Erheblichen Widerstand gegen die Abkommen gibt es auch im
Parlament. Dessen Öl- und Gasausschuß besteht darauf,
daß ihm alle Verträge mit ausländischen Firmen
– wie vom alten, noch geltenden Ölgesetz zwingend
vorgeschrieben – zur Zustimmung vorgelegt werden müssen.
Einige Abgeordnete haben auch bereits Klage gegen die Kontrakte
eingereicht.
Niemand weiß, wie es nach den Parlamentswahlen im
Frühjahr weitergehen wird. Aufgrund der wackligen
Rechtsgrundlage, auf der die Abkommen geschlossen wurden,
könnte eine neue Regierung sie prinzipiell auch jederzeit
annullieren. Für die westlichen Konzerne gibt es dagegen
– angesichts der Vertragslaufzeiten von 20 Jahren – nur
eine Garantie: die fortgesetzte Präsenz der US-amerikanischen
Truppen.
Weitere Informationen zu den Öldeals im Internet:
jghd.twoday.net