31.12.2009 / Inland / Seite 4Inhalt

Dauerhafter Rumpfbetrieb

Berlin: S-Bahn-Werkstätten können Wartungsrückstände wegen verkürzter Fristen nicht abarbeiten. Weitere Verkehrseinschränkungen ab Januar

Von Rainer Balcerowiak
Kommt sie oder kommt sie nicht? Bei Minusgraden macht das
Warten
Kommt sie oder kommt sie nicht? Bei Minusgraden macht das Warten auf die S-Bahn besonders viel Spaß
Seit einigen Tagen führen der Berliner Senat und die Bahn AG eine Geisterdiskussion, ob der Normalbetrieb der Berliner S-Bahn bereits im kommenden Jahr wieder aufgenommen werden kann. Eisenbahner berichteten jW allerdings, daß davon auszugehen sei, daß sich die Lage Anfang des kommenden Jahres eher noch verschlechtern werde. Durch die vom Eisenbahnbundesamt (EBA) verfügte erneute Halbierung der Austausch- und die Verkürzung der Wartungsintervalle für die Radsätze einiger Baureihen sei mittlerweile die Situation entstanden, daß bereits überarbeitete Züge erneut in die Werkstatt müßten, obwohl die »Altlasten« noch gar nicht abgearbeitet seien, hieß es. Trotz der Belastungen gebe es entgegen anderslautenden Berichten auch noch keine endgültige Entscheidung über die Reaktivierung der 2006 stillgelegten Betriebswerkstatt in Friedrichsfelde, da die Zustimmung der Konzernleitung noch ausstehe. Bisher neueingestellte Werkstattmitarbeiter hätten zudem nur befristete Verträge bekommen, während der Stellenabbau bei den regulär Beschäftigten weitergehe, z.B. im Bereich der Bahnhofsaufsichten.

Die katastrophale Personalsituation bei der S-Bahn betrifft nahezu alle Bereiche. So mußte am 2. Weihnachtsfeiertag der Verkehr im Bereich Bernau stark eingeschränkt und ab 23 Uhr sogar für sieben Stunden eingestellt werden, weil Stellwerke nicht besetzt werden konnten. Einen ähnlichen Vorfall gab es vor einigen Wochen im Bereich des Bahnhofs Waidmannslust.

Man darf gespannt sein, wie das EBA das anhaltende Chaos bei der S-Bahn bewertet. Die vor einigen Wochen erteilte Verlängerung der Betriebserlaubnis ist auf zwölf Monate befristet. Zudem muß die S-Bahn eine zusätzliche Sicherheitsbescheinigung beantragen. Falls diese nicht erteilt wird, wäre die Betriebserlaubnis hinfällig.

Die Kunden des Nahverkehrsunternehmens müssen sich derweil auf weitere Beeinträchtigungen einstellen. Der Verkehr auf der Stadtbahn wird so stark ausgedünnt, daß wieder Verstärkerzüge von DB Regio eingesetzt werden müssen, die aber nicht an allen Bahnhöfen halten können. Auf einigen Strecken werden die Zuglängen nochmals verkürzt. Laut Informationen der Bahn werden ab Anfang Januar zunächst nur noch 310 Viertelzüge zur Verfügung stehen, 70 weniger als Mitte Dezember. Für einen Normalbetrieb wären 550 Einheiten notwendig.

Politiker aller Parteien forderten am Mittwoch die Bahn auf, Vorschläge für eine erneute Entschädigung der Fahrgäste auf den Tisch zu legen. Für die seit mehr als einem halben Jahr andauernden Verkehrseinschränkungen haben Dauerkartennutzer bislang einen Freimonat erhalten, andere Fahrgäste konnten an den Adventssonntagen Einfachfahrscheine als Tageskarten nutzen.

Hans-Werner Franz, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) verlangte von der Bahn, ihrer »Verantwortung nachzukommen und sich etwas einfallen zu lassen, wie sie den Vertrauensverlust in der Öffentlichkeit und die Unannehmlichkeiten, denen die Fahrgäste in den nächsten drei bis vier Jahren ausgesetzt sind, wiedergutmachen kann«. Das Unternehmen habe es in den vergangenen zwölf Monaten »schändlich versäumt, die notwendigen strukturellen Maßnahmen in Gang zu setzen«. Obwohl es bereits im Januar zu massiven Störungen durch fehlende Wartungskapazitäten gekommen sei, wurde die geschlossenen Werkstatt in Friedrichsfelde bis zum heutigen Tage nicht reaktiviert, so Franz.
Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

jW-Regio:

Mehr aus: Inland

Navigation


Zum Seitenanfang springen

Aktuelle Angebote und Hinweise der jungen Welt

Aktuelle Titelseite

Aktuelle Titelseite der Tageszeitung junge Welt

Von Lesern empfohlen:

Top 20 der letzten...
12 Monate / 48 Stunden

Beilage vom 18. März|

|

Bewegte Geschichte|

|

1000 + x|

|

Drei Wochen gratis|

|

Termine

Newsletter

Newsletter Abonnieren


- Freitag, 19. März 2010, Nr. 66

Werbung

Kiepenheuer
Print-Abo

Kampagne

Zum Seitenanfang springen.