24.12.2009 / Inland / Seite 2Inhalt

»Hartz IV hat soziale Kälte gebracht«

Vor fünf Jahren wurde das Gesetz eingeführt – zum Stichtag sind kaum Proteste in Sicht. Ein Gespräch mit Martin Behrsing

Interview: Gitta Düperthal
Bild 1
Martin Behrsing ist Sprecher des Erwerbslosenforums Deutschland

Aus Protest gegen die Einführung von HartzIV gab es am 2. Januar 2005 erstmals die Aktion »Agenturschluß«. Das ist jetzt fast genau fünf Jahre her – wird es nun erneut Aktionen geben?

Bundesweit ist für den 2. Januar nichts geplant, was sich mit der Agenturschluß-Aktion vergleichen läßt, die in immerhin 70 Städten stattfand. Damals hatten die Aktivisten dafür gesorgt, daß der Betrieb in den Jobagenturen stillstand – vielfach waren die Eingänge blockiert.

Am kommenden 2.Januar finden wahrscheinlich in mehreren Städten Aktionen statt – vermutlich wird vor allem in Köln was los sein. Die Einführung von Hartz IV war eine »Unreform«: Nichts von dem, was man damals versprochen hat, wurde eingehalten. Die Erwerbslosigkeit z. B. ist nicht zurückgegangen – wenn man diejenigen mit einbezieht, die durch Hartz IV aus der Statistik herausgefallen sind. Rund sieben Millionen Menschen sind betroffen, wenn man Kinder und Jugendliche mitrechnet. Das Gesetz hat soziale Kälte in die Republik gebracht.

Was sind die schlimmsten Grausamkeiten, und wie hat sich die Situation in den Ämtern während der vergangenen fünf Jahre verändert?

Kinder und Jugendliche wurden ohne Not in die Armut gestoßen. Mit dem Hartz-IV-System wurde ein Bürokratiemonster entwickelt, das jegliche Menschlichkeit vermissen läßt. Vom beabsichtigten »Fördern und Fordern« kann keine Rede sein, mittlerweile stehen die Behörden den Betroffenen mit »unerfüllbarem Fordern« gegenüber. Der Bundesregierung sollte zu denken geben, wenn sich derzeit zahlreiche Persönlichkeiten, darunter der Literaturnobelpreisträger Günter Grass, dafür aussprechen, das Sanktionssystem auszusetzen.

Manche Agenturen sind wie Festungen aufgerüstet, um sich gegen ihre Klientel abzuschotten…

In Bonn gibt es zu diesem Zweck nicht nur Security-Mitarbeiter; wie in einer Polizeiwache verschanzen sich die Behördenmitarbeiter am Eingang, so daß kein Durchkommen zum Beratungsbereich ist. Ist das Foyer gefüllt – was bereits bei 30 Menschen der Fall ist – müssen die Erwerbslosen draußen Schlange stehen. Bei jedem Wetter!

Ist soziale Härte auch als eine der Ursachen dafür anzusehen, daß Erwerbslose Suizid verübt haben?

Der Grund dafür ist sicherlich nicht einzig bei Hartz IV zu suchen. Ein Suizid hat meist eine lang Geschichte. Aber die Behandlung seitens der Behörden ist häufig derart demütigend, daß bei Arbeitslosen das letzte bißchen Selbstbewußtsein dahinschwindet und sich Hoffnungslosigkeit ausbreitet. Vor allem alleinstehende Menschen bekommen die Isolation zu spüren, wenn sie finanziell nicht mithalten können. Bekannte und Verwandte haben oft keine Zeit, weil sie im Arbeitsprozeß eingespannt sind. In unserer Gesellschaft verursacht Erwerbslosigkeit psychosomatische Erkrankungen.

Warum gestaltet es sich mancherorts schwierig, Hartz-IV-Proteste zu organisieren?

Erwerbslose sind eine heterogene Gruppe. Anders als bei der Friedens- oder Antiatomkraftbewegung existieren beim Hartz-IV-Protest sehr unterschiedliche Interessen vor. Viele empfinden zudem Scham, arbeitslos zu sein. Weiterhin setzen die Behörden alles daran, Betroffene zu vereinzeln. Die Mitarbeiter informieren meist nicht darüber, daß Hartz-IV-Bezieher berechtigt sind, Begleitpersonen mitzunehmen. Ihre Rechte werden ihnen vorenthalten. Sie müssen sich im Amt im übertragenen Sinn komplett ausziehen, alles offenlegen.

Weshalb funktioniert der Widerstand der Erwerbslosen gegen die Arbeitsagenturen in Köln besser als anderswo?

Eine Reihe von Initiativen in der unmittelbaren Umgebung sind miteinander in Kontakt, unter anderem die Bonner. Ein Erfolgserlebnis war der erste »Zahltag«, der im Oktober 2007 in Köln stattfand. Die Arbeitsagentur wurde zwei Tage lang besetzt, obgleich 300 Polizisten im Einsatz waren. Gemeinsames Agieren schafft Stärke und verbindet. In Köln schließen sich unserem Widerstand auch Initiativen an, die mit Arbeitslosigkeit gar nichts zu tun haben: Zum Beispiel »Die sozialistische Selbsthilfe Köln«, die vor Jahren Leute aus der Psychiatrie herausgeholt hat. Auch Studenten beteiligen sich – die Universität ist direkt gegenüber der Arbeitsagentur.


www.erwerbslosenforum.de
Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland
  • Bleiberechtsregel der Innenminister ist Steilvorlage für Behördenwillkür
    Ulla Jelpke
  • Arbeiter verhindern mit Betriebsblockade Abtransport von Maschinen in letzter Minute. Unternehmen muß mit Gewerkschaft und Betriebsrat verhandeln
    Jörn Boewe
  • Mieterforum Ruhr kündigt Protest gegen Börsengang mit 60000 Quartieren an
  • Jahresrückblick 2009. Im Gesundheitswesen sind die Verfechter der endgültigen Zerschlagung des solidarischen Versicherungssystems auf dem Vormarsch
    Rainer Balcerowiak

Navigation


Zum Seitenanfang springen

Aktuelle Angebote und Hinweise der jungen Welt

Aktuelle Titelseite

Aktuelle Titelseite der Tageszeitung junge Welt

Von Lesern empfohlen:

Top 20 der letzten...
12 Monate / 48 Stunden

Beilage vom 3. März|

|

Bewegte Geschichte|

|

1000 + x|

|

Drei Wochen gratis|

|

Termine

Newsletter

Newsletter Abonnieren


- Donnerstag, 18. März 2010, Nr. 65

Werbung

jW-Ladengalerie
Online-Abo

Kampagne

Zum Seitenanfang springen.