01.12.2009 / Inland / Seite 1Inhalt

Auftakt im Kriegsverbrecherprozeß

Demjanjuks Verteidiger weist Vorwürfe zurück. Tumulte vor dem Münchner Landgericht

Mit einem Befangenheitsantrag der Verteidigung hat am Montag in München einer der letzten großen Nazi-Kriegsverbrecherprozesse begonnen. Der 89jährige Angeklagte John Demjanjuk sei ungerechtfertigt aus den USA nach Deutschland »zwangsdeportiert« worden, sagte dessen Anwalt Ulrich Busch vor dem Landgericht München. Demjanjuk muß sich wegen Beihilfe zum Mord an 27900 Juden verantworten. Laut Staatsanwaltschaft soll er als Trawniki, als ein zwangsverpflichteter Kriegsgefangener, 1943 Wächter im Vernichtungslager Sobibor im damals von Deutschland besetzten Polen gewesen sein.In dieser Zeit habe er Juden in die Gaskammern getrieben. Verteidiger Busch wies das zurück. Sein Mandant sei »ein Überlebender des Holocaust, nicht aber Täter«, sagte er. Demjanjuk stehe als Trawniki »auf gleicher Stufe« wie damalige jüdische Häftlinge mit Hilfsaufgaben. Das Gericht müßte zudem wissen, daß Demjanjuks Vorgesetzte alle freigesprochen wurden. Beihilfe zum Mord setze aber eine Haupttat voraus.

Der Nebenklagevertreter Corne­lius Nestler widersprach Buschs Behauptung, daß Trawniki mit jüdischen Häftlingen gleichzusetzen seien. »Die Trawniki in Sobibor waren gut ernährt, sie hatten Ausgang und Urlaub; Juden nicht. Die Trawniki mordeten, Juden nicht«, sagte Nestler. Demjanjuk war bereits in den 80er Jahren in Israel zum Tode verurteilt worden, weil ihn Zeugen als »Iwan, den Schrecklichen«, einen berüchtigten Wächter im KZ Treblinka identifiziert haben wollten. Nach mehrjähriger Haft sprach das oberste israelische Gericht Demjanjuk aber wegen erheblicher Zweifel frei.

Der gestrige Prozeß hatte unter chaotischen Umständen begonnen. Hunderte Journalisten und Zuhörer kämpften um einen der 147 Plätze im Gerichtssaal.Für die über 200 angemeldeten Medienvertreter standen nur 68 Sitze zu Verfügung. Die Journalisten warfen den Justizbehörden völlige Überforderung vor. (ddp/jW)
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