Dr. Dirk Sander ist Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe
e. V.
Seit Jahren wird sehr häufig die gleiche Frage gestellt:
Wie kriegen wir schwule Männer dazu, endlich wieder mehr
Kondome zu benutzen?
Die Schwulen benutzen doch wie verrückt Kondome! (lacht) Im
Ernst: Die Motivation, sich zu schützen, ist bei schwulen
Männern ungebrochen.
Wie können Sie da so sicher sein?
Studien zeigen immer wieder, daß das Schutzverhalten nicht
abnimmt. Die Bereitschaft, sich beim Sex zu schützen, bleibt
auf hohem Niveau stabil.
Wieso ist dann die Zahl der HIV-Neuinfektionen in den
letzten Jahren gestiegen?
Das hat verschiedene Ursachen. Die wichtigste ist, daß sich
andere sexuell übertragbare Infektionen verbreiten,
insbesondere die Syphilis. Wenn ein HIV-negativer Mensch die
Syphilis hat, steigt die Wahrscheinlichkeit, daß er sich mit
HIV infiziert. Ein HIV-Positiver mit Syphilis kann HIV leichter
weitergeben.
Was ist mit der Vermutung, die HIV-Neuinfektionen seien
gestiegen, weil HIV seinen tödlichen Schrecken verloren
hat?
So einfach ist der Zusammenhang nicht. Viele Leute haben lange auf
bestimmte Dinge beim Sex verzichtet, aus Furcht vor einer
HIV-Infektion. Jetzt gibt es wieder mehr sexuelle Aktivität,
auch mehr Analverkehr. Dabei kommt es logischerweise auch zu mehr
Risikosituationen. Es hat immer Situationen gegeben, wo der Schutz
nicht hundertprozentig gelingt, das liegt in der Natur der Sache.
Jetzt gibt es mehr Sex – und damit auch mehr Risiko. Das ist
ein reines Rechenspiel! Es bedeutet eben nicht, daß sich
immer weniger Leute schützen wollen.
Interessant: Man könnte ja denken, daß mit der
Todesdrohung tatsächlich eine wesentliche Motivation
verschwunden ist.
Die Leute haben doch auch Grund genug, sich vor einer chronischen
Erkrankung zu schützen. HIV ist noch lange kein
Zuckerschlecken. Es gehört zu unseren Aufgaben, das zu
vermitteln.
Wie haben sich die Botschaften der Prävention
verändert?
Die grundlegenden Safer-Sex-Botschaften sind gelernt und bekannt.
Das Schutzverhalten ist stabil, und nur noch ein Fünftel der
Befragten sagt in unserer aktuellen Erhebung zu den
Bedürfnissen der Zielgruppe, daß sie Infos zu Safer Sex
wollen. Das bestätigen auch die Vor-Ort-Arbeiter: Wenn sie mit
der altbekannten Safer-Sex-Ansage kommen, dann fragen die Leute:
Habt ihr nicht was Neues auf der Pfanne?
Und haben Sie?
Statt mit der puren Aufforderung, Kondome zu benutzen, arbeiten wir
mit differenzierten Botschaften. Wir sagen zum Beispiel: Benutzt
Kondome, wenn sie nötig sind. Das ist aber nicht immer der
Fall. Wir wollen nicht, daß alle sich gleich verhalten,
obwohl sie unter ganz verschiedenen Bedingungen Sex haben–
zum Beispiel als Positive oder als Negative, in einer gefestigten
Beziehung oder nachts auf dem Parkplatz.
Überfordert man die Männer nicht mit
differenzierten Botschaften?
Die Leute suchen selber zunehmend nach individuellen Lösungen.
Ein Beispiel: Innerhalb einer offenen Beziehung wird das Kondom
weggelassen, und außerhalb wird es genommen. Früher
hätte man den Leuten gesagt, sie sollen auch innerhalb der
Beziehung ein Kondom benutzen.
Es gibt Menschen, die sagen: Wenn einfach alle weiter
Kondome nehmen, statt irgendwelche Strategien auszuprobieren,
hätten wir kein Problem.
Ich glaube nicht, daß das alte Konzept auf Dauer
tragfähig ist. Man muß berücksichtigen, daß
sich die Konsequenzen einer HIV-Infektion verändert haben
– und damit ändert sich auch das Verhalten der Menschen.
Unsere Prävention setzt genau da an, weil wir sonst an den
Leuten vorbeigehen. Das ist einfach pragmatisch und menschlich. Wir
wollten ganz bewußt weg von den ganzen negativen Diskussionen
der letzten Jahre. Die haben nämlich eine offene und ehrliche
Auseinandersetzung verhindert.
Bei vielen bleibt die Wahrnehmung: Es passiert mehr
ungeschützter Sex.
Das, was als vermeintlich unsafer Sex diskutiert wird, da gucken
wir genau hin und fragen: Ist das wirklich so unsafe? Und
umgekehrt. Die Leute wollen sich weiterhin schützen, passen
sich aber mit ganz verschiedenen Strategien den neuen Bedingungen
an. Dabei sollen sie über die realen Risiken Bescheid wissen.
Ist es gelungen zu sensibilisieren?
Ich denke ja. Deutschland liegt bei der Zahl der Neudiagnosen in
Europa ganz unten in der Statistik.
In diesem Jahr gab es den Spot »AIDS ist ein
Massenmörder« mit Adolf Hitler und eine Kampagne der
Michael-Stich-Stiftung, die ebenfalls mit sehr drastischen Bildern
gearbeitet hat. Die Macher haben argumentiert: Man muß
schockierende Bilder zeigen und mit der Faust auf den Tisch hauen,
um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Natürlich muß man dem Thema Geltung verschaffen, aber
der Weg mit Schockeffekten führt ins Nichts, die Botschaft
verpufft. Solche Spots sind ja auch keine Kampagnen.
Funktionierende Gesundheitskampagnen sind strategisch langfristig
angelegt. Mich ärgert außerdem, daß diese Aktionen
oft mit Stigmatisierung arbeiten. Sie treffen damit immer die
Falschen, zum Beispiel die HIV-Positiven, und sie gehen komplett an
der Realität vorbei.
Ist Prävention also notwendigerweise eine komplexe
und langwierige Angelegenheit?
Von einer Kampagne kann man nicht erwarten, daß sie allen
Angehörigen der Zielgruppe in einem Jahr Dinge wie ein
individuelles Risikomanagement beibringen kann. Ergänzende
Botschaften zu der bewährten Strategie zu etablieren dauert
meines Erachtens mindestens fünf Jahre. So eine Kampagne
muß langfristig angelegt sein.
Weitere Informationen: www.aidshilfe.de