01.12.2009 / Schwerpunkt / Seite 3Inhalt

»Prävention schockt nicht«

AIDS-Hilfe setzt in Sachen Aufklärung auf Differenzierung. Ein Gespräch mit Dirk Sander

Interview: Markus Bernhardt
Dr. Dirk Sander ist Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe e. V.

Seit Jahren wird sehr häufig die gleiche Frage gestellt: Wie kriegen wir schwule Männer dazu, endlich wieder mehr Kondome zu benutzen?

Die Schwulen benutzen doch wie verrückt Kondome! (lacht) Im Ernst: Die Motivation, sich zu schützen, ist bei schwulen Männern ungebrochen.

Wie können Sie da so sicher sein?

Studien zeigen immer wieder, daß das Schutzverhalten nicht abnimmt. Die Bereitschaft, sich beim Sex zu schützen, bleibt auf hohem Niveau stabil.

Wieso ist dann die Zahl der HIV-Neuinfektionen in den letzten Jahren gestiegen?

Das hat verschiedene Ursachen. Die wichtigste ist, daß sich andere sexuell übertragbare Infektionen verbreiten, insbesondere die Syphilis. Wenn ein HIV-negativer Mensch die Syphilis hat, steigt die Wahrscheinlichkeit, daß er sich mit HIV infiziert. Ein HIV-Positiver mit Syphilis kann HIV leichter weitergeben.

Was ist mit der Vermutung, die HIV-Neuinfektionen seien gestiegen, weil HIV seinen tödlichen Schrecken verloren hat?

So einfach ist der Zusammenhang nicht. Viele Leute haben lange auf bestimmte Dinge beim Sex verzichtet, aus Furcht vor einer HIV-Infektion. Jetzt gibt es wieder mehr sexuelle Aktivität, auch mehr Analverkehr. Dabei kommt es logischerweise auch zu mehr Risikosituationen. Es hat immer Situationen gegeben, wo der Schutz nicht hundertprozentig gelingt, das liegt in der Natur der Sache. Jetzt gibt es mehr Sex – und damit auch mehr Risiko. Das ist ein reines Rechenspiel! Es bedeutet eben nicht, daß sich immer weniger Leute schützen wollen.

Interessant: Man könnte ja denken, daß mit der Todesdrohung tatsächlich eine wesentliche Motivation verschwunden ist.

Die Leute haben doch auch Grund genug, sich vor einer chronischen Erkrankung zu schützen. HIV ist noch lange kein Zuckerschlecken. Es gehört zu unseren Aufgaben, das zu vermitteln.

Wie haben sich die Botschaften der Prävention verändert?

Die grundlegenden Safer-Sex-Botschaften sind gelernt und bekannt. Das Schutzverhalten ist stabil, und nur noch ein Fünftel der Befragten sagt in unserer aktuellen Erhebung zu den Bedürfnissen der Zielgruppe, daß sie Infos zu Safer Sex wollen. Das bestätigen auch die Vor-Ort-Arbeiter: Wenn sie mit der altbekannten Safer-Sex-Ansage kommen, dann fragen die Leute: Habt ihr nicht was Neues auf der Pfanne?

Und haben Sie?

Statt mit der puren Aufforderung, Kondome zu benutzen, arbeiten wir mit differenzierten Botschaften. Wir sagen zum Beispiel: Benutzt Kondome, wenn sie nötig sind. Das ist aber nicht immer der Fall. Wir wollen nicht, daß alle sich gleich verhalten, obwohl sie unter ganz verschiedenen Bedingungen Sex haben– zum Beispiel als Positive oder als Negative, in einer gefestigten Beziehung oder nachts auf dem Parkplatz.

Überfordert man die Männer nicht mit differenzierten Botschaften?

Die Leute suchen selber zunehmend nach individuellen Lösungen. Ein Beispiel: Innerhalb einer offenen Beziehung wird das Kondom weggelassen, und außerhalb wird es genommen. Früher hätte man den Leuten gesagt, sie sollen auch innerhalb der Beziehung ein Kondom benutzen.

Es gibt Menschen, die sagen: Wenn einfach alle weiter Kondome nehmen, statt irgendwelche Strategien auszuprobieren, hätten wir kein Problem.

Ich glaube nicht, daß das alte Konzept auf Dauer tragfähig ist. Man muß berücksichtigen, daß sich die Konsequenzen einer HIV-Infektion verändert haben – und damit ändert sich auch das Verhalten der Menschen. Unsere Prävention setzt genau da an, weil wir sonst an den Leuten vorbeigehen. Das ist einfach pragmatisch und menschlich. Wir wollten ganz bewußt weg von den ganzen negativen Diskussionen der letzten Jahre. Die haben nämlich eine offene und ehrliche Auseinandersetzung verhindert.

Bei vielen bleibt die Wahrnehmung: Es passiert mehr ungeschützter Sex.

Das, was als vermeintlich unsafer Sex diskutiert wird, da gucken wir genau hin und fragen: Ist das wirklich so unsafe? Und umgekehrt. Die Leute wollen sich weiterhin schützen, passen sich aber mit ganz verschiedenen Strategien den neuen Bedingungen an. Dabei sollen sie über die realen Risiken Bescheid wissen.

Ist es gelungen zu sensibilisieren?

Ich denke ja. Deutschland liegt bei der Zahl der Neudiagnosen in Europa ganz unten in der Statistik.

In diesem Jahr gab es den Spot »AIDS ist ein Massenmörder« mit Adolf Hitler und eine Kampagne der Michael-Stich-Stiftung, die ebenfalls mit sehr drastischen Bildern gearbeitet hat. Die Macher haben argumentiert: Man muß schockierende Bilder zeigen und mit der Faust auf den Tisch hauen, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Natürlich muß man dem Thema Geltung verschaffen, aber der Weg mit Schockeffekten führt ins Nichts, die Botschaft verpufft. Solche Spots sind ja auch keine Kampagnen. Funktionierende Gesundheitskampagnen sind strategisch langfristig angelegt. Mich ärgert außerdem, daß diese Aktionen oft mit Stigmatisierung arbeiten. Sie treffen damit immer die Falschen, zum Beispiel die HIV-Positiven, und sie gehen komplett an der Realität vorbei.

Ist Prävention also notwendigerweise eine komplexe und langwierige Angelegenheit?

Von einer Kampagne kann man nicht erwarten, daß sie allen Angehörigen der Zielgruppe in einem Jahr Dinge wie ein individuelles Risikomanagement beibringen kann. Ergänzende Botschaften zu der bewährten Strategie zu etablieren dauert meines Erachtens mindestens fünf Jahre. So eine Kampagne muß langfristig angelegt sein.

Weitere Informationen: www.aidshilfe.de

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Schwerpunkt
  • Bundesweite Solidaritätsaktionen mit HIV-Infizierten. Experten warnen vor weiterer Stigmatisierung von Betroffenen
    Markus Bernhardt

Navigation


Zum Seitenanfang springen

Aktuelle Angebote und Hinweise der jungen Welt

Schwerpunkt

PDF-Download

Von Lesern empfohlen:

Top 20 der letzten...
12 Monate / 48 Stunden

Buchmesse Havanna|

|
11.-21. Februar 2010

Beilage vom 10. Februar|

|

Bewegte Geschichte|

|

Wir sind 1000!|

|

Drei Wochen gratis|

|

Termine

Newsletter

Newsletter Abonnieren


- Mittwoch, 10. Februar 2010, Nr. 34

Werbung

jW-Ladengalerie
Online-Abo


Zum Seitenanfang springen.