28.11.2009 / Ansichten / Seite 8Inhalt

Auf tönernen Füßen

Panik an den Börsen

Von Rainer Balcerowiak
Der ganz große Knall ist vorerst ausgeblieben. Dennoch wirft es ein grelles Licht auf den Zustand der internationalen Finanzmärkte, wenn temporäre Liquiditätsengpässe eines mittelgroßen Staatsfonds zu panischen Reaktionen an den Leitbörsen der Welt führen, die Währungskurse durcheinanderpurzeln lassen und den Ölpreis auf Talfahrt schicken.

Dies zeigt, daß sowohl die »erholten« Börsen als auch die mit ungedeckten Schecks aus den Staatskassen mühsam aufgepäppelten Banken auf äußerst tönernen Füßen stehen. Denn das Problem sind nicht in erster Linie die umgerechnet rund 40 Milliarden Euro, welche die Investmentfirma Dubai World nicht pünktlich an ihre Gläubigerbanken zurückzahlen kann. Schließlich stehen den Verbindlichkeiten des Staatsfonds enorme realwirtschaftliche Werte, z.B. in Form weltweiter Industriebeteiligungen, gegenüber. Vielmehr geht es um die Kettenreaktionen, die durch solche Vorgänge mittlerweile fast zwangsläufig ausgelöst werden. Besagte Kredite befinden sich längst in Form von Derivaten auf der weltweiten Umlaufbahn. Angesichts der Erfahrungen mit der aktuellen Finanzkrise gehen Anleger zu Recht davon aus, daß sich dadurch bei ohnehin mit künftigen Milliardenabschreibungen konfrontierten Finanz­instituten neue schwarze Löcher auftun könnten, was möglicherweise weitere staatliche Interventionen nötig machen würde. Und da die USA ohnehin das Land mit der am schnellsten laufenden Gelddruckmaschine sind, drücken derartige Zweifel natürlich sofort den Dollarkurs, was wiederum die fragile japanische Wirtschaft mit ihrer hohen Abhängigkeit vom Export in die USA unmittelbar ins Schlingern bringt.

Die Märkte werden sich oberflächlich relativ schnell wieder beruhigen. Doch die Zeitbombe wird dadurch keineswegs entschärft. Das Problem der unglaublichen Mengen fiktiven Kapitals, also reiner Nenn- bzw. Buchwerte, denen kein realwirtschaftliches Äquivalent gegenübersteht, ist im Zuge der Aufräumarbeiten nach dem Crash im vergangenen Jahr nicht gelöst oder auch auch nur ernsthaft angegangen worden. Die Finanzblase ist trotz milliardenschwerer Abschreibungen und Auslagerungen in »Bad Banks« keineswegs kleiner geworden. Im Gegenteil: Mit dem frisch gedruckten Spielgeld der Notenbanken wird spekuliert wie zuvor.

Der nächste Crash der Finanzmärkte ist eine Frage der Zeit. Er wird wesentlich heftiger ausfallen, da die Staaten ihr Pulver für die Schadensminimierung bereits gründlich verschossen haben. Anhaltende Deflation oder Hyperinflation wären dann die »Alternativen«.
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